Imkerbund sieht Trend kritisch Osnabrücker Hobbyimker: Wenn 20.000 Bienen einfach davonfliegen

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Osnabrück. Carsten Schmidt hat kein Haustier – er hat mehrere Tausend. Denn der Osnabrücker hält in seinem Garten zwei Bienenvölker und gehört damit der immer weiter steigenden Zahl von Hobbyimkern an. Ein Trend, dem der Deutsche Imkerbund nicht nur Gutes abgewinnen kann.

Als „besonders bio“ schätzt sich Carsten Schmidt nicht ein. Die Gründe dafür, dass der 42-Jährige eigenen Honig erntet, liegen wohl woanders. Vielleicht liegen sie im Keller des Häuschens in Hellern, in dem neben einer Honigschleuder ein paar Kisten selbst gebrauten Bieres lagern. Vielleicht auch in der Küche, in der Geräte mit Heimatkundemuseums-Charakter stehen, und für die sich wohl kein Kundenservice weit und breit finden dürfte. Doch Carsten Schmidt ist Maschinenbauingenieur. Und er macht Dinge gerne selbst. Zum Beispiel Honig.

Bauanleitung aus dem Internet

„Ich bin damals etwas blauäugig an die Sache herangegangen“, gibt er heute zu. Im Internet fand er auf der Seite www.bienenkiste.de eine Anleitung für den Bau einer Bienenkiste, die als einfache und natürliche Art, Bienen zu halten, angepriesen wurde. Die Seite wird von dem Verein „Mellifera – Vereinigung für wesensgemäße Bienenhaltung“ betrieben und verweist unter anderem auf eine Online-Schwarmbörse, über die Carsten Schmidt zu seinem ersten Bienenschwarm kam. Mit einem Kasten voll Bienen fuhr der Osnabrücker von einem Imker nahe der holländischen Grenze zurück nach Hellern, und eigentlich sollte es jetzt so laufen: Die Bienen werden vor der Bienenkiste ausgeschüttet und wandern anschließend in selbige hinein, um sich dort häuslich niederzulassen. Nur: Die Bienen dachten gar nicht daran.

Schwarze Wolke über Hellern

20.000 Bienen flogen plötzlich auf, eine schwarze Wolke hing drohend über dem Gärtchen in Hellern und der Nachbar doch etwas beunruhigt am Zaun. Statt in der Kiste schwebten die 2,5 Kilo Bienen schließlich davon und hingen in einer riesigen Traube an einem Ast direkt neben dem Vogelhäuschen. Carsten Schmidt zeigt die Videoaufnahme, die seine Frau vom ersten Versuch des Hobbyimkerns gemacht hat: Völlig unbedarft und ohne Handschuhe rüttelt ihr Mann an dem Ast und schüttet so die Bienen in die Bienenkiste, mit der es von da an ganz gut klappte.

Viele Imker melden sich nicht an

Drei Jahre ist das mittlerweile her. 7,5 Kilo Honig hat die Familie im vergangenen Jahr geerntet, auch für den Nachbarn gab es ein Glas. Eine Bienenkiste hat Carsten Schmidt nicht mehr, dafür stehen zwei Kästen mit je einem Bienenvolk mit rund 60.000 Bienen im Garten. (Erläuterung zu den Begriffen Bienenschwarm und Bienenvolk am Ende des Textes)

Mittlerweile hat der 42-Jährige zusammen mit seiner Frau einen Imkerkurs besucht, eine Honigschulung gemacht und ist Mitglied des Imkervereins Weser Ems geworden. Und er hat seine beiden Bienenvölker beim Veterinäramt Osnabrück angemeldet – eine Pflicht, der nicht alle Hobbyimker nachkommen. 189 Bienenstände sind für die Stadt Osnabrück derzeit gemeldet, die Dunkelziffer ist unbekannt.

Gestochen wurde er bislang kaum. Foto: Michael Gründel

Kritik an Stadtimkerei

„Die rasante Zunahme der Stadtimkerei sehen wir kritisch“, sagt Petra Friedrich vom Deutschen Imkerbund. Viele ungeschulte Imker würden auf engem Raum, teils auf Balkonen Völker halten, ohne darauf zu achten, dass in der Umgebung ausreichende und vielfältige Nahrungsquellen vorhanden sind. Hinzu kämen Streitigkeiten in der Nachbarschaft: In Berlin und Hamburg führte die Bienenhaltung auf dem Balkon bereits zu Gerichtsprozessen. Die wirklich große Gefahr bestünde aber im Einschleppen von Krankheiten und Parasiten. „Bitte kein Bienenmaterial aus unbekannter Herkunft kaufen“, appelliert Petra Friedrich daher an Hobbyimker. Natürlich könne man im Internet günstig Bienenvölker kaufen, aber besser sei es doch, zunächst in einem Verein mitzuimkern, dort bekomme man dann meistens seine ersten beiden Völker auch geschenkt.

Varroamilbe als größte Gefahr

So ging es auch Familie Schmidt – nach dem Bienenschwarm aus der Onlinebörse hat sie ihre beiden Völker vom Imkerverein erhalten. Jetzt, da die Temperaturen allmählich frühlingshaft werden, schwärmen die ersten Bienen wieder aus. Um einen Mangel an Nahrung muss sich der Imker keine Gedanken machen: Abgesehen von den Obstbäumen im eigenen Garten ist es grün rund um die Wohnsiedlung An der Lauburg. Auch mit dem strengen Winter haben die Bienen keine größeren Probleme. Der wahre Feind heißt: die Varroamilbe. Gegen sie kämpft Carsten Schmidt mit Präparaten, die auf natürlichen Säuren wie Ameisensäure, Milchsäure und Oxalsäure basieren. Die Varroamilbe ist eine der größten Bedrohungen für Honigbienen und gelangte vermutlich durch importierte Bienen nach Europa.

Ein Blick in die Kästen im Garten zeigt jedoch: kein Bienensterben. Alles gut. Carsten Schmidt möchte sogar noch expandieren. „Hier ist ja noch Platz“, sagt er, der nach eigenen Angaben in den letzten Jahren höchstens drei, viermal von einer Biene gestochen wurde. Zwei weitere Bienenvölker würde er gerne noch neben den bestehenden setzen – herangezüchtet aus den eigenen Völkern. Und die Kästen für die Bienen – die baut Carsten Schmidt natürlich wieder selbst.

(Weiterlesen: Trend zum Hobbyimkern in Osnabrück hält an)


Bienenschwarm und Bienenvolk

Ein Bienenschwarm entsteht aus dem natürlichen Bestreben eines Bienenvolkes, sich durch Teilung zu vermehren. Dabei zieht ein Teil des Bienenvolkes mit der bisherigen oder einer jungen, soeben geschlüpften Königin aus dem Bienenvolk aus. Ein Schwarm mit der bisherigen Königin des Volkes wird Vorschwarm und einer mit einer jungen Königin Nachschwarm genannt.

In einem Bienenvolk leben im Sommer rund 60.000 Arbeitsbienen, mehrere hundert Drohnen und eine Bienenkönigin. Eine Drohne ist eine männliche Honigbiene. Sie befruchten die Bienenköniginnen, bezahlen diesen „Hochzeitsflug“ allerdings mit ihrem Leben. Im Winter stirbt ein Großteil des Volks – ein Verlust, den Imker einkalkulieren. Nur rund 5.000 Bienen kommen durch den Winter.

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