Kindersoldaten an die Flak Vor 75 Jahren: Osnabrücker Oberschüler als Luftwaffenhelfer

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Osnabrück. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht von Kindersoldaten in den Kriegs- und Krisengebieten dieser Welt berichtet wird. Vor 75 Jahren gab es die auch in Deutschland. 16 Jahre alt war Günter Wiewinner, als er zur Flak musste. Einige seiner Kameraden waren erst 15.

„Jedesmal, wenn ich von Kindersoldaten höre, muss ich daran denken, dass es uns nicht anders erging, damals, 1943“, erzählt der heute 91-jährige pensionierte Berufsschullehrer. Den an seinen Vater als Erziehungsberechtigten gerichteten Einberufungsbescheid hat er noch, unterschrieben vom Osnabrücker Oberbürgermeister. Unter der Überschrift „Heranziehung von Schülern zum Kriegshilfseinsatz der deutschen Jugend in der Luftwaffe“ wird darin die männliche Jugend der mittleren und höheren Schulen aufgerufen, „in einer ihren Kräften entsprechenden Weise bei der Luftverteidigung des Vaterlandes mitzuwirken“.

Zwei Klassen der Ratsoberschule für Jungen, wie das Ratsgymnasium damals hieß, mussten geschlossen zu der Batterie von Flugabwehrkanonen (Flak) einrücken, die am Waldrand des Heger Holzes etwa zwischen dem Schütterhaus und dem Gasthaus Kampmeyer lag. Da es noch keine Unterkunftsbaracken bei der Flakstellung gab, hatte die Luftwaffe den Saal des Gasthauses Kampmeyer beschlagnahmt und mit dreistöckigen Betten ausstaffiert. Die 50 Rats-Schüler waren ihren Elternhäusern entzogen und standen rund um die Uhr unter dem Kommando ihrer Ausbilder. „Heimschläfer“ gab es nicht, ganz bewusst sollten die Heranwachsenden schon mal an die Entbehrungen eines Frontsoldaten fern der Heimat herangeführt werden.

Bonbons und Alkohol

Vom Status her waren die Luftwaffenhelfer keine Soldaten, sondern Mitglieder der Hitlerjugend (HJ) und weiterhin Schüler. Zur Ausgehuniform gehörte die HJ-Armbinde. „Das fanden wir gar nicht so toll, wir fühlten uns ja schon als richtige Soldaten“, beschreibt Wiewinner die damalige Gefühlslage. In Wahrheit wären sie natürlich noch halbe Kinder gewesen. „Wenn einer Bonbons verteilte, waren wir noch keine Erwachsenen, wenn es Alkohol gab, waren wir keine Kinder mehr“, so beschrieb es später beim Klassentreffen mal einer.

Dass sie noch Schüler waren, merkten sie daran, dass morgens um acht meistens ein Lehrer in die Batterie kam und die normalen Schulfächer unterrichtete. „Studienrat Walter Vesper, genannt ,Männe‘, kam immer auf seinem 125er DKW-Motorrad angeknattert. Wenn er nicht aufpasste, haben wir schnell mal eine Runde darauf gedreht“, erinnert sich Wiewinner. Oft genug mussten Vesper oder seine Kollegen aber auch gleich wieder abdrehen, denn wenn nachts Alarm gewesen war, durften die Jungens ausschlafen. Der Dienst begann für sie dann erst später am Tag. Auf dem Programm standen Exerzieren, also eine richtiggehende militärische Grundausbildung, und die Unterweisung entweder am Geschütz oder am Kommandogerät.

Zwischendurch ins Moskau-Bad

Die reichsweiten Einberufungen von Luftwaffen- und Marinehelfern erstmals im Februar 1943 waren in der Parteileitung nicht unumstritten. Einige äußerten die Befürchtung, dass der Eindruck entstehen könnte, dass das Heer schon so ausgeblutet sei, dass man nun bereits Kinder heranziehen müsse. Aber das Heer war in der Tat ausgeblutet. Und so gab die Erwartung den Ausschlag, dass je zehn jugendliche Helfer sieben fronttaugliche Soldaten würden ersetzen können.

Wiewinners erstes Kommando am Heger Holz war bald beendet, weil die Batterie für den Erdkampf an die Ostfront verlegt wurde. Geschlossen zogen er und seine Kameraden weiter zur Stellung Wellmann in der Nähe des Schinkeler Friedhofs. Und auch diese Batterie ereilte das gleiche Schicksal, schon nach wenigen Wochen stand die Verladung auf Güterwaggons an. Danach diente Wiewinner noch in den Stellungen Kalkhügel und Sonnenhügel. „Vom Kalkhügel aus sind wir in der Freizeit oft zum Freibad Moskau runtergelaufen, über die Gleise, durch ein Loch im Zaun, und schon waren wir drin“, kramt Wiewinner in den Erinnerungen, „und wenn dann ein Voralarm kam, dann drehte einer, der oben geblieben war, an der Handsirene, und wir mussten ganz schnell wieder zurück.“

Backsteine auf Ratten geworfen

Wiewinner hatte es nicht direkt mit der „Acht-Acht“ zu tun, dem Flakgeschütz vom Kaliber 8,8 Zentimeter, oder mit den russischen Beutegeschützen „7,62“. Sein Platz war in der Messstaffel am „Kommandogerät 40“. Das war ein Entfernungsmesser, gekoppelt mit einem Koordinatenrechner, der Kurs, Höhe und Geschwindigkeit des Flugzeugs ermittelte und daraus den Vorhaltewert für die Zieleinrichtung bestimmte. „Wir von der Messstaffel meinten, wir wären etwas Besseres als die Malocher von der Geschützstaffel, die Granaten schleppen mussten. Daraus ergaben sich oft Spannungen, die in regelrechten Prügeleien endeten“, so Wiewinner.

Zu den Bedienmannschaften gehörten auch russische Überläufer aus der Wlassow-Armee oder ausgesuchte russische Kriegsgefangene. Mit denen habe man sich prima verstanden, berichtet Wiewinner: „Gemeinsam mit Adam und Iwan standen wir abends, mit Backsteinen bewaffnet, rings um unsere Baracken und versuchten, die Ratten abzutreffen, wenn die unter den Holzkonstruktionen hervorgekrochen kamen.“

Zwei Abschüsse erlebt

Ob denn auch mal feindliche Flugzeuge getroffen wurden? „Im Sommer 1943 flogen fast jeden Tag Großverbände ein in Richtung Hannover oder Berlin, da haben wir kräftig dazwischengehalten. Zwei Abschüsse unserer Batterie habe ich live mitbekommen. Wenn ein Geschütz 90-mal gehämmert hatte, dann war erst mal Zwangspause, weil das Rohr fast glühte.“ Moralische Bedenken wegen des Schicksals der abgeschossenen Flugzeugbesatzungen habe man nicht gehabt, ganz im Gegenteil: „Wir waren stolz, unsere Heimat gegen die feindlichen Angreifer verteidigen zu können.“ Die unmittelbare Heimat war allerdings während seiner Einsätze nie betroffen. Einen Angriff auf Osnabrück hat Wiewinner nicht mitbekommen. Als die großen Angriffe auf die Hasestadt 1944 und 1945 folgten, war er als regulärer Soldat an der Front in Ungarn.


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