Bejubeltes Konzert im Universum Chris Barber spielt in Bramsche traditionellen Jazz zeitgemäß

Von Ralf Döring

Da geht einiges: Chris Barber (rechts) mit „Magic“ Mike Henry, Bob Hunt und Joe Farler (von links). Foto: André HavergoDa geht einiges: Chris Barber (rechts) mit „Magic“ Mike Henry, Bob Hunt und Joe Farler (von links). Foto: André Havergo

Bramsche. Ein Konzert mit Chris Barber und seiner Band ist ein Ereignis, und zwar seit fast 70 Jahren. Am Samstag war er mit der Big Chris Barber Band zu Gast im Bramscher Universum.

In gut zwei Wochen wird Chris Barber 88 Jahre alt. Bis dahin spielt er noch sieben Konzerte und nach dem Geburtstag am 17. April weitere 14 bis Mitte Mai; ein strammes Programm. Zwar trippelt er mittlerweile gebeugt und in kleinen Schritten über die Bühne zu seinem Platz. Auch spricht er leise, so leise, dass man nicht immer versteht, was er zwischen den einzelnen Stücken sagt, und er spielt anfangs leise, vorsichtig fast, Posaune. Aber er ist präsent auf der Bühne wie eh und je. Er kommt als erster, geht als letzter, ein vollendeter Gastgeber für seine zehnköpfige Band und für das Publikum im Bramscher Universum. Weiterlesen: Chris Barber 2010 im NOZ-Interview

Gruß nach New Orleans

Mittlerweile hat ein Konzert mit der Big Chris Barber Band etwas ritualisiertes. Der Abend beginnt mit der Bourbon Street Parade, also mit einem Gruß nach New Orleans, wo der Jazz zur Welt gekommen ist. Es folgen viele Titel von Duke Ellington, dem kreativen Meister, der den Jazz fast fünf Jahrzehnte lang mitgestaltet hat, in Arrangements, die sich eng an Ellingtons Vorlagen anlehnen und doch das nötige Maß an Eigenständigkeit bewahren, um aus einer Adaption echten Jazz zu machen. Es folgt auf einen relativ ruhigen ersten Teil ein zweiter, der sich ausnimmt, als hätte jemand den Energieregler weiter aufgedreht, und da gibt es dann einen Ausflug in den Blues — früher unterhielt Chris Barber ja auch seine Jazz & Blues Band — und Klassiker wie „Petite Fleur“ und schließlich „When The Saints Go Marching in“. Weiterlesen: Chris Barber vor zwei Jahren in Osnabrück

Der Ablauf hat sich bewährt; beim letzten Konzert vor zwei Jahren im Kongress-Saal der Osnabrückhalle war er weitgehend gleich. Daher ist es ein unbedingter Ausweis von Qualität und Spielfreude, dass die Band nicht in Routine verfällt und ihr Programm einfach abspult. Im Gegenteil: Die zehn Mann führen den Beweis, wie vital die alten Klassiker sind. Dabei unternehmen sie auch mal einen Exkurs zum Modern Jazz, wie er Ende der Fünfziger Jahre die Jazzwelt revolutionierte und interpretieren „All Blues“ vom epochalen Miles-Davis-Album „Kind of Blue“. Posaunist, Trompeter und in diesem Fall Arrangeur Bob Hunt ist dabei sehr nah am Original geblieben— und entgeht trotzdem der Gefahr des Plagiats, weil Nick White ein überaus einfühlsames Solo am Altsaxofon spielt. „Magic“ Mike Henry geht sogar noch einen Schritt weiter und spielt ein Trompetensolo mit Dämpfer, wie es Miles Davis damals geliebt hat. Aber er bleibt eben weit entfernt von der Kopie, sondern spielt ein Solo, das nicht Miles Davis zum Inhalt hat, sondern Ausdruck von Mike Henrys Musikerpersönlichkeit ist.

Das Zentrum der Band

Barber selbst ist nun nach wie vor das Zentrum der Band, das Zentralgestirn für so fantastische Musiker wie den Klarinettisten und Saxofonisten Bert Brandsma oder eben Trompeter „Magic“ Mike Henry oder Joe Farler am Banjo. Gleichwohl überlässt er es Bob Hunt, die Arrangements zu schreiben, und natürlich lässt er sich von seiner großen Band flankieren. Ein paar mal aber verzichtet er auf den Schutz durchs große Ensemble und spielt im kleinen Kreis. Und zeigt er im Laufe des Abends nicht nur, wie seine Gesang mehr und mehr an Präsenz gewinnt. Auch sein Posaunenspiel entwickelt sich von ein paar sicheren, aber vorsichtigen Schritten im ersten Teil hin zu den aussagekräftigen und virtuosen Soli, mit denen sich Barber seinen Ruf als maßgeblicher Posaunist erspielt hat. Gleichzeitig war er immer jemand, der den traditionellen Jazz auf die Höhe seiner Zeit gehoben hat. Nach dem Konzert am Samstag kann man sagen: Das gelingt ihm bis heute. Selbst beim Klassiker „Icecream“, mit dem auch dieses Chris Barber ganz traditionell endet.