Vorwürfe an die Polizei Nachbarin psychisch krank: Hausgemeinschaft in Osnabrück hilflos

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Vor einer Einweisung ins Ameos-Klinikum stehen hohe Hürden. Foto: Michael GründelVor einer Einweisung ins Ameos-Klinikum stehen hohe Hürden. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Die Nachbarn einer psychisch kranken Frau in Osnabrück sind verunsichert: Ein Jahr lang haben sie regelmäßig die Polizei gerufen, weil ihre Nachbarin schrie, in ihrer Wohnung randalierte, sie im Treppenhaus bedrohte oder Gegenstände aus dem Fenster warf. Doch nichts geschah, bis der Vater der 50-Jährigen aktiv wurde. Der Fall wirft Fragen auf.

Es ist ein durchschnittliches Mehrfamilienhaus in einem ruhigen Osnabrücker Stadtteil. Neun Parteien leben dort, man kennt und duzt sich. Die Frau, um die es hier geht, ist seit 13 Jahren Teil der Hausgemeinschaft, wie ihr Nachbar berichtet. „Wir waren ja befreundet“, erzählt er. Andere aus dem Haus beschreiben sie als „sehr nett“. Doch vor rund einem Jahr habe sie sich plötzlich verändert. Ärger über tägliche Ruhestörung ging einher mit der wachsenden Sorge um die anscheinend verwirrte Frau.

Paranoide Schizophrenie

Inzwischen wissen die Nachbarn, was der Grund für ihre Veränderung war: „Sie hat ihre Medikamente abgesetzt“, sagt ihr Vater. Paranoide Schizophrenie, unheilbar: Diese Diagnose hätten die Ärzte gestellt, als seine Tochter 17 oder 18 Jahre alt war. Seit Mitte Januar 2018 wird die 50-Jährige stationär im Ameos-Klinikum behandelt, und das nicht zum ersten Mal. Es war ihr Vater, der über den sozialpsychiatrischen Dienst von Stadt und Landkreis Osnabrück ihre Einweisung in die Wege leitete und dessen Mitarbeitern nebst Polizei und Krankenpflegern die Tür öffnete, erzählt er unserer Redaktion. Die Nachbarn verstehen nicht, warum die Polizei nicht schon viel früher eingegriffen hat.

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Fernseher aus dem Fenster geworfen

Der Ärger begann ein Jahr zuvor. Immer, wenn das Türenschlagen und Geschrei nachts überhandnahmen, rief das junge Pärchen eine Etage über der Frau die Polizei. Ab November habe die Situation sich zugespitzt, erzählen die Nachbarn, manche hatten Angst, die Frau im Treppenhaus anzutreffen und bedroht zu werden. Ein Spiegel, Fernseher und andere Gegenstände flogen aus ihrem Fenster im zweiten Stock. Parallel beobachteten die Nachbarn, wie sie immer mehr abmagerte. „Ich hörte sie schreien und wollte helfen, traute mich aber nicht“, sagt eine Seniorin, die mit ihrem Mann die Wohnung nebenan bewohnt.

„Polizei nicht empfänglich“

„Die Polizei war nicht empfänglich dafür, dass wir uns Sorgen gemacht haben“, sagt der junge Mann aus der Wohnung oben drüber. „Wir bekamen immer die Antwort: ‚Wir können nichts machen, rufen Sie aber wieder an.‘“ Der Nachbar, der früher mit ihr befreundet war, sagt, er habe die Polizisten darauf hingewiesen, dass die Frau vor sich selbst geschützt werden müsse. Geschehen sei nichts. Die Beamten kamen – und gingen wieder. „Im Schnitt war die Polizei fünfmal die Woche da“, sagt der Nachbar. „Wie kann man solch eine verwirrte Person so im Stich lassen?“

Polizei: Nur 14 Einsätze

Aus Sicht der Polizei stellt sich die Situation weniger dramatisch dar: 14 Einsätze seien von Januar 2017 bis Februar 2018 laut Recherche der Einsatzstelle angefallen, sagt Frank Oevermann, Pressesprecher der Polizeiinspektion Osnabrück. Zu den Vorwürfen der Untätigkeit sagt er: „Wenn für die Polizei vor Ort erkennbar eine gesundheitliche Gefährdung oder Notsituation für die Dame vorgelegen hätte, wären durch die Kolleginnen und Kollegen sicherlich auch entsprechende Maßnahmen ergriffen worden.“ Häufig seien seine Kollegen zum Haus gefahren, bei ihrem Eintreffen sei es dort aber schon wieder ruhig gewesen.

Der Vermieter sagt, dass die 50-Jährige den Sicherungskasten ihrer Wohnung auseinandergenommen, die Wohnungstür und die Therme beschädigt habe. Auch er habe mehrfach bei der Polizei angerufen, zweimal habe er seine Mieterin gemahnt. „Für mich ist die Situation auch unhaltbar. Die anderen Mieter fühlen sich belästigt – und das interessiert keinen“, sagt er. „Muss erst etwas passieren?“

Hohe Hürden vor Einweisung

„Bevor jemand ins Ameos kommt, gibt es zurecht hohe Hürden“, sagt Polizeisprecher Oevermann. Liege eine offensichtliche psychische Störung mit Eigen- oder Fremdgefährdung vor, trage die Polizei den Sachverhalt einem Richter vor, der über eine Einweisung entscheide, erläutert Oevermann. Ist der nicht erreichbar, wenden sich die Beamten an die Stadt beziehungsweise den Landkreis Osnabrück. Ein Vollzugsbeamter schaue sich dann die Person an und ordne eine ärztliche Untersuchung – häufig im Ameos-Klinikum – an, wenn er die Notwendigkeit sehe. „Auf Basis des Gutachtens kommt es dann unter Umständen zu einer Einweisung nach dem NPsychKG (Niedersächsisches Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke) oder auch dem Niedersächsischen Gefahrenabwehrgesetz.“ Oevermann betont: „Es ist wahrlich nicht so, dass die Kollegen sich scheuen, diesen Weg zu gehen.“ Doch es sei ein schmaler Grat und jeder Einsatz, zu dem sie gerufen würden, sei nur eine Momentaufnahme.

Wie die Betroffene die Sache selbst sieht, ist für unsere Redaktion nicht in Erfahrung zu bringen, das Ameos-Klinikum erteilt keinerlei Auskunft zu ihrem Fall. Laut ihrem Vater hat sie dort nun einen Betreuer. Ihr Vater hofft, dass sie in eine Wohngruppe zieht – dem müsste sie allerdings zustimmen. Tue sie das nicht, werde sie ihn ihre alte Wohnung zurückkehren, fürchtet er.


Zwangseinweisung

Die gesetzlichen Hürden für eine Einweisung sind hoch. Die Unterbringung in einer Einrichtung wie dem Ameos-Klinikum in Osnabrück kann laut dem Niedersächsischen Gesetz über Hilfen und Schutzmaßnahmen für psychisch Kranke (NPsychKG) nur bei akuter oder drohender Selbst- oder Fremdgefährdung erfolgen, erläutert Verena Mack, beim Ameos-Klinikum zuständig für Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit. Etwa jede fünfte Aufnahme erfolge als Einweisung nach dem NPsychKG, Tendenz steigend. „Insgesamt kann man sagen, dass psychiatrische Auffälligkeiten und Erkrankungen zunehmen, wodurch auch die Zahl an stationärer Unterbringung bei Zuständen der Eigen- und Fremdgefährdung gestiegen ist und weiter steigt.“ Ursächlich seien vor allem Suchterkrankungen und depressive Störungen. „Der weit überwiegende Teil der Patienten kommt freiwillig zur Behandlung“, so Mack.

Was können Nachbarn tun?

Neben der Polizei können sie auch den sozialpsychiatrischen Dienst kontaktieren, der für Stadt und Landkreis Osnabrück zusammen zuständig ist. „Im Falle von (akuter) Bedrohung ist natürlich immer zunächst die Polizei gefragt – die uns übrigens auch oft Hinweise gibt, denen wir in der Regel nachgehen (manchmal auch zus. mit der Polizei)“, teilte Landkreis-Sprecher Burkhard Riepenhoff schriftlich mit. „Ansonsten gilt: Jeder kann uns anrufen und ein Problem schildern oder uns etwas mitteilen.“ Mit jedem Hinweis gehe die Behörde „ernsthaft um“. In den meisten Fällen versuchten die Mitarbeiter, mit den Betroffenen in Kontakt zu treten, „was allerdings nicht immer gelingt, auch nicht bei wiederholten Versuchen – mangels einer (gesetzlichen) Grundlage oder Berechtigung für einen erzwingbaren Kontakt.“

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