Marienhospital Osnabrück So viel Trauer steckt in den Büchern der Krankenhauskapelle

Von Anne Spielmeyer


Osnabrück. Stille muss man aushalten können. Das Fürbittbuch, das in der Kapelle des Marienhospitals in Osnabrück ausliegt, kann das. Ein Blick ins Buch und die Krankenhausseelsorge hinter den Seiten zeigt: Leben gibt‘s nicht ohne Tod.

Das Leben ist hart. Manchmal teilen sich Bauchspeicheldrüsenkrebs und die Geburt eines gesunden Kindes eine Seite. In den Fürbittbüchern folgt auf jede gelungene Operation eine niederschmetternde Diagnose. Die Bücher kennen das Schwarz und das Weiß des Lebens besser als seine Graustufen, erzählen Dramen im Akkord auf Deutsch, Russisch oder Spanisch, in schlechter Rechtschreibung oder in guter, gekritzelt, in Sütterlin oder mit Blümchen von Kinderhand verziert. Wer hier schreibt, weint.

Absolution, bitte

„Bitte mach, dass es nicht schlimmer wird“, liest man wie „Danke, dass Opa morgen raus darf.“ Zum klassischen Genre von Bitte und Dank gesellen sich ganze Lebensromane von der Kündigung im Supermarkt, dem ätzenden Nachbarn, der harten Zeit in der Untersuchungshaft. Geschichten, die nicht selten in der Suche nach Absolution enden: „Alles Schlechte, was ich getan habe, tut mir leid. Manchmal konnte ich nicht anders.“ Wenn der Tod näher rückt, beginnen Menschen zu bereuen.

Warum?

„Wir finden hier die großen Fragen des Lebens“, sagt Pfarrer Gerd Robben, Leiter des vierköpfigen Seelsorgerteams im Marienhospital Osnabrück. Fast jeden Tag gibt es einen neuen Eintrag ins Buch, in seinem Büro bewahrt er die vollgeschriebenen Bücher auf, blättert durch Höhen und Tiefen vergangener Tage. Die Bücher mögen ein paar Jahre alt sein, die Themen bleiben aktuell: Allen voran das „Warum?“, das klar macht, wie ungerecht das Leben spielt, und wie Menschen am Tumor erfahren, wie nah gut und böse beieinanderliegen. „Warum ausgerechnet meine Frau?“ oder „Danke, Gott, Du bist unsere Rettung.“ Manche Seiten knistern beim Umblättern – ein Indiz dafür, dass Tränen trocknen.

An der Kante des Lebens

Das Fürbittbuch tut das, was jeder gute Seelsorger tun sollte: schweigen und zuhören. „Die Krankenhausseelsorge ist eine hörende“, erklärt Robben. „Wir wollen einen Raum öffnen, damit Patienten sprechen können.“ Auch das Weiß der Seiten bietet Raum für Gebete und Gedanken – fromm gelernt oder frei assoziiert. Schreiben macht uns gesünder, sagt der amerikanische Psychologe James Pennebaker, der in den Achtzigern mit dem Expressiven Schreiben eine neue Form der Therapie begründete. Wer Belastendes oder Verstörendes aufschreibt, baut Stress ab. Das Fürbittbuch im Marienhospital will nicht therapieren, niemand muss hier etwas schreiben – viele tun es trotzdem.

Der Stift kann Halt geben

„Wenn Menschen aus der Komfortzone ihres Lebens fallen, müssen sie ihre Emotionen regulieren“, erklärt Andrea Horn, Psychologin an der Universität Zürich. Sie ist kognitive Verhaltenstherapeutin mit Doktorarbeit zum Expressiven Schreiben. Wut, unbändige Freude, Trauer oder Ohnmacht sind im Klinikalltag nicht selten. Taumelnden kann der Stift Halt bieten. „Wenn wir schreiben, labeln wir unsere Gefühle“, so nennt es die Psychologin. Allein schon dadurch, dass die Emotion ein verbales Etikett bekommt, werde die Intensität der Gefühle gedämpft. „Ich habe bald keine Tränen mehr“, schnappt eine Schreiberin verbal nach Luft, ein paar Seiten weiter atmet ein anderer auf: „Dass ich mich mal so über ein schlechtes Mittagessen freuen würde... Danke, Gott. Ich lebe.“

Schreiben heißt auch puzzeln

Es sind Fragemente, die das Fürbittbuch preisgibt. Kleine Episoden, die sich in die jeweils eine große Lebensgeschichte des Menschen einbetten: „Wir funktionieren in Narrativen“, nennt Horn eine Grundannahme des Expressiven Schreibens. Wir sind unsere Geschichten. Ein Ansatz, der auch in der Arbeit mit Traumatisierten helfe: „Indem wir schreiben, setzen wir Puzzleteile, die verstreut in unserem Gedächtnis liegen, zusammen, schaffen ein Gesamtbild, auf das sich besser schauen lässt als auf Einzelteile“, erklärt sie. „Schreiben ordnet vor, damit die eigene Geschichte erzählbarer wird.“ Wer schreibt, öffne sich – gegenüber sich selbst, gegenüber anderen.

Noch hier?

Selbst wenn die starken Seiten des Fürbittbuchs schweigen, die Mitleser oder -schreiber tun es nicht immer. „Ist alles wieder gut?“, liest man oder „Du auch immer noch hier?“, wenn ein Name ein viertes Mal im Buch auftaucht, oder „Freut mich, dass die OP geklappt hat.“ Pfarrer Robben liest einige Einträge als Fürbitte im Gottesdienst vor, um nah dran zu sein an den Besuchern und dem, was drückt. „Wir erleben Patienten, bei denen von jetzt auf gleich ein ganzes Leben zusammenfällt“, erzählt der Krankenhausseelsorger. Leicht sei das nie. Am besten in Worte fassen könnten die Betroffenen es selbst.

Mut-mach-Geschichten

Das Buch belegt: Wer leidet, leidet nicht allein. Im Krankenhaus findet sich immer jemand, dem es auch schlecht oder noch schlechter geht. Das Buch ermöglicht eine stumme Integration auf Papier, die Schmerzen lindern kann. Und dann finden sich hier die Mut-mach-Geschichten: „Danke für das zweite Leben“, schreibt einer, der offensichtlich Glück hatte. Welches, das erfährt der Leser nicht. Wer wie Robben bei Sterbenden am Krankenbett saß, weiß, dass sich die Atmung verändert, wenn es zu Ende geht. So wie sich der Blick aufs Leben verändert, wenn die harte Diagnose zuschlägt – für Kranke wie für die, die sie begleiten. „Ich bin dankbarer geworden für das Leben, das ich führen darf“, sagt er. Es ist zu kurz, um das Glück zu verschieben.