CD-Einspielung des Theaters Osnabrück Simon Fox-Gál nimmt „Das Lied der Nacht“ seines Opas Hans Gál auf

Von Ralf Döring


Osnabrück. Auf der Bühne war die Oper „Das Lied der Nacht“ von Hans Gál ein riesiger Erfolg. Jetzt wird das Werk aufgenommen. Dafür wird die Osnabrück-Halle zum Studio.

Kurz vor sieben Uhr taucht Eva Fox-Gál im Europasaal der Osnabrück-Halle auf. Sie ist die Tochter des Komponisten Hans Gal, dessen Oper „Lied der Nacht“ hier gleich aufgenommen wird, und sie ist die Mutter des Tontechnikers Simon Fox-Gál. Wie Mütter eben so sind, begrüßt sie ihren Sohnes mit Keksen, die sie aus der Handtasche zieht. Tatsächlich könnte der Mann hungrig sein, denn seit zehn Uhr wuselt er zwischen Bühne und seinem Regieraum hin und her, baut Mikrofone auf, legt Kabel, justiert. „Heute Morgen habe ich noch gedacht, ich hätte viel zu viel Zeit“, sagt er im Regieraum. Jetzt drängt die Zeit; das Osnabrücker Symphonieorchester spielt sich warm, nach und nach nehmen die Musikerinnen und Musiker ihre Plätze ein; die Sängerinnen stehen im Halbkreis hinter Dirigent Andreas Hotz. Um sieben Uhr soll die Aufnahme beginnen, und Simon steht ein bisschen unter Druck, strahlt aber trotzdem größte Ruhe aus. Ein britischer Gentlemen eben. Aber den Keks lehnt er ab. Weiterlesen: EvaFox-Gál besucht das Theater Osnabrück

Wiederentdeckt von Andreas Hotz

Vor knapp einem Jahr hatte „Das Lied der Nacht“ im Osnabrücker Theater Premiere. Andreas Hotz hat das Werk wiederentdeckt und mithilfe der Familie Gál und der Hans-Gál-Gesellschaft in Osnabrück auf die Bühne gebracht, und das äußerst erfolgreich. Sogar eine Nominierung als „Wiederentdeckung des Jahres“ der Fachzeitschrift „Opernwelt“ hat es dafür gegeben. Deshalb war schnell klar: Das Stück muss aufgenommen werden.

Dafür gab es hohe Hürden zu überwinden, vor allem finanzieller Art. Hier hat Anita Schnitker, die Leiterin des Osnabrücker Musikvereins, wertvolle Arbeit geleistet, und zwar buchstäblich: 14000 Euro Spenden hat sie eingesammelt, „ein einmaliges Zeugnis der an Musikkultur interessierten Bürgerschaft“, sagt sie. Die Hans-Gál-Gesellschaft hat sich ebenfalls beteiligt, das Plattenlabel cpo aus Georgsmarienhütte. Diese Beteiligung spielt Produktmanagerin Carolin Ranke allerdings bescheiden herunter: cpo geben nur einen Zuschuss für die Miete der Osnabrück-Halle“, sagt sie und dankt dem Theater, das auch nicht ganz ungeschoren davonkommt und zum Beispiel die Honorare für Sänger und Gastmusiker aufbringen muss. 23000 Euro koste die Produktion, sagt Musikbüroleiterin Dorit Schleissing.

Mikros unterscheiden nicht

An diesem Montag rücken die Geldfragen aber in den Hintergrund. Seit Vormittag stellen die Orchesterwarte Stühle fürs Orchester auf die Bühne, und Simon Fox – der zweite Name Gál ist offiziellen Gelegenheiten vorbehalten, etwa, wenn sein Name in einem CD-Booklet auftaucht – richtet seine Mikros aus. Er arbeitet mit 32 Kanälen, das heißt, er kann 32 Mikros verwenden. Damit baut er eine klangliche Realität, die auf einem Tonträger funktioniert. Die Technik liefert da erstaunliche Möglichkeiten; ohne Weiteres könnte er einen beliebigen Konzertsaal nachstellen. Wichtiger ist es aber, Transparenz zu schaffen: Während unser Gehör im Konzert eine Stimme oder ein Instrument aus seiner akustischen Umgebung lösen kann, macht ein Mikrofon keine Unterscheidung. Die Kunst des Tonmeisters besteht darin, eine Klangarchitektur zu schaffen, die klar und natürlich wirkt. Aber Fox ist ein erfahrener Mann, und ihn treibt natürlich ein eigenes Interesse daran, der wunderbaren Oper seines Großvaters gerecht zu werden. Weiterlesen: So war die Premiere von „Lied der Nacht“

Um 19 Uhr sitzt Fox hinter der Bühne in seiner zum Regieraum umfunktionierten Garderobe. Auf der Bühne gibt Generalmusikdirektor Andreas Hotz den Einsatz zur letzten Szene der Oper, der lautesten Stelle des Stücks. Opernaufnahmen erfordern eine besondere Logistik; welcher Abschnitt wann aufgenommen wird, richtet sich nach der Besetzung, und so entstehen lauter kleine Opernschnipsel, aus denen Fox dann die Oper wieder zusammenbaut.

Vier Tagen lang wird Fox nun vor seinem virtuellen Mischpult auf dem Computerbildschirm sitzen und die Schnipsel sammeln. Vor sich liegt die Opernpartitur, in die er eifrig Zeichen kritzelt: Er markiert Schnitte und Passagen, die noch unsauber sind. Dann drückt er auf einen Knopf rechts neben sich und spricht über ein Mikrofon mit Andreas Hotz: „Das war nicht zusammen“, sagt er leise, oder: „das Crescendo ein bisschen deutlicher“. Aber auch: „Das klingt sehr gut.“ Der Anspruch ist hoch; man produziert eine Ersteinspielung mit dem Ziel einer Referenzaufnahme. Wenn die Einspielung im September auf den Markt kommt, wissen wir, ob es geklappt hat.