Betraum über dem Reifenlager Die Geschichte der ehemaligen Komtureikirche in Osnabrück

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Osnabrück. Die Komturei oder Kommende als Verwaltungssitz eines geistlichen Ritterordens hat in Osnabrücks Straßenverzeichnis Spuren hinterlassen in Gestalt der Kommenderiestraße. Aber das ist nicht die einzige Hinterlassenschaft: Im Eck von Kommenderie- und Wiesenstraße ist die ehemalige Komtureikirche erhalten.

Der einst mächtige Deutsche Orden, auch Deutschherrenorden oder Deutschritterorden genannt, der sich wie die Johanniter oder die Malteser auf seine karitativen Wurzeln während der Kreuzzüge im Heiligen Land beruft, hat in Osnabrück nie die Bedeutung erlangt wie etwa in Mergentheim, Marburg oder in Ostpreußen und im Baltikum. Aber immerhin, er war auch hier mit einer kleinen Kommende vertreten, die sich den heiligen Georg als Namenspatron auserkoren hatte. Begründet hatten sie um 1300 Lambert Glode und Gerhard Dwerg auf geschenktem Grund an der späteren Kommenderiestraße.

Erste Erwähnung im 14. Jahrhundert

Eine Komtureikirche wird erstmals 1389 erwähnt. Sie verfiel während des Dreißigjährigen Krieges und brannte aus. Fürstbischof Clemens August ließ sie in seiner Eigenschaft als Administrator des Deutschen Ordens 1725 neu errichten. Die ursprünglich frei stehende Kirche bezeichnet das Denkmalkataster als „anspruchslosen rechteckigen Bruchsteinbau“. 1809 wurde der Orden aufgehoben, seine Besitzungen vom Staat eingezogen und nach und nach verkauft. Die Kirche diente von da an gewerblichen Zwecken, der Kirchhof war zeitweilig ein Kohlenlager.

Mit der Anlage der Wiesenstraße in den 1860er-Jahren erhielt die Kirche ihre heutige Lage an der Straßenfluchtlinie. Dem Westgiebel wurde im 20. Jahrhundert ein Treppenhaus angefügt und das Kircheninnere in zwei Geschosse unterteilt. Als kunsthistorisch bedeutsam erhalten sind einige barocke Ausschmückungen, darunter das schöne Portal an der nördlichen (Hof-)Seite, die ehemals die Hauptseite war.

Verbreiterung der Kommenderiestraße?

Zur Nachkriegsgeschichte der Komtureikirche gehört, dass 1950 die Gemeinschaft der Siebenten-Tags-Adventisten Einzug hielt und das Obergeschoss zu ihrem Bet- und Versammlungsraum machte, während das Untergeschoss als Reifenlager diente. 1976 stand die Verbreiterung der Kommenderiestraße zur Debatte. Der Eigentümer des gründerzeitlichen Wohnhauses auf dem Eckgrundstück war zum Abriss bereit. Für einen Neubau in zurückgenommener Bauflucht wollte er auch gleich die Komtureikirche, die ihm ebenfalls gehörte, niederlegen. Der städtische Denkmalpfleger Bruno Switala legte Einspruch ein. Allein wegen ihrer Geschichte schon habe sie Denkmalwert. Oberstadtdirektor Raimund Wimmer machte sich die Argumente des Denkmalschutzes zu eigen. Kirche und Eckhaus blieben stehen.

1980 waren die Adventisten ausgezogen, der Hauptraum im Obergeschoss stand leer. Da traf es sich, dass die aus einem Volkshochschul-Theaterkurs hervorgegangene „Probebühne“ auf der Suche nach einer Spielstätte war. Die Laienspieler wagten den Schritt in die unternehmerische Selbstständigkeit, gründeten einen gemeinnützigen Verein und mieteten die alte Kirche zum 1. Januar 1981 an. Mit erheblichen Eigenleistungen wandelten sie den oberen Hauptraum in ein variabel bestuhlbares Theater für maximal 99 Zuschauer um, während das Untergeschoss einen kleinen Schankraum erhielt, wo seither in lockerer Clubatmosphäre die beliebten „Nachklänge“ nach den meist ausverkauften Vorstellungen stattfinden. Brenzlig wurde es für die „Probebühne“ noch einmal 1985, als wegen bevorstehender Zwangsversteigerung der Verwalter das Mietverhältnis kündigte. Zum Glück für das Amateurtheater und sein Publikum, aber auch für die denkmalgeschützte Komtureikirche ersteigerte die Stadt das Gebäude und ließ die „Probebühne“ weiterspielen.

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