Codefrage für belästigte Frauen Test in Osnabrücker Bars: Hilft „Luisa ist hier!“ Frauen in Not?

Von Mareike Eigenwillig

Sven Aufermann, Barchef des Whisky’s in der Osnabrücker Altstadt, reagierte hilfsbereit auf die Frage, ob „Luisa“ hier sei. Foto: Larena KlöcknerSven Aufermann, Barchef des Whisky’s in der Osnabrücker Altstadt, reagierte hilfsbereit auf die Frage, ob „Luisa“ hier sei. Foto: Larena Klöckner

Osnabrück. Mit der Frage „Ist Luisa hier?“ sollen Frauen in Bars und Clubs die Möglichkeit haben, diskret darauf aufmerksam zu machen, dass sie sich in Not befinden und Hilfe benötigen. Das Projekt kommt aus Münster und soll auch in Osnabrück etabliert werden. Zehn Lokalitäten nehmen laut Frauenberatungsstelle Osnabrück bislang an dem Projekt teil. Unsere Redaktion machte den Test: Hilft „Luisa“ wirklich? Und falls ja, wie sieht diese Hilfe aus?

„Jede dritte Frau wird mindestens einmal in ihrem Leben ein Opfer von Gewalt“, sagt Katharina Wittenbrink von der Frauenberatungsstelle. „Jeden zweiten Tag wird eine Frau von ihrem Partner oder Ex-Partner ermordet. Diesen Fakten müssen wir uns stellen und der erschreckenden Tatsache entgegenwirken.“ Das Projekt „Luisa ist hier!“ soll Frauen vor Belästigungen und Übergriffen schützen. Die Codefrage „Ist Luisa hier?“ soll es leichter machen, um Hilfe zu bitten. Zum einen, um eine mögliche Hemmschwelle zu überwinden und zum anderen, damit Täter nicht vorgewarnt werden. Zehn Lokalitäten in Osnabrück, darunter Bars und Diskotheken, schlossen sich bislang an. „Einige Absagen erhalten wir deshalb, weil Betreiber die Befürchtung haben, dass sie mit einer Teilnahme bestätigen, dass es Belästigung in ihrer Bar oder Disco gibt. Das ist äußerst schade, denn es handelt sich um eine Präventivmaßnahme, die eigentlich nur positiv zu bewerten ist“, sagt Ann-Cathrin Petersen, die zurzeit ein Praktikum in der Beratungsstelle absolviert.

Mitwirkung wünschenswert

„Wir wünschen uns, dass mehr Bars und Diskotheken an dem Projekt teilnehmen. In Kürze werden wir erneut Betreiber anschreiben und Workshops anbieten“, sagt Lisa Broermann, Praktikantin in der Frauenberatungsstelle. Außerdem sei ein Treffen mit den Initiatoren in Münster geplant, um sich auszutauschen und Tipps zu holen, wie man das Projekt noch besser etablieren könnte.

„Es kann überall zu Übergriffen kommen“

Inwieweit es sich in Osnabrück bereits etabliert hat, hat unserer Redaktion getestet: imWhisky‘s, der Sonderbar und im Sonnendeck.

Das Whisky‘s ist eine Bar in der Osnabrücker Altstadt. Am Samstagabend, 24. März 2018, ist es recht gut besucht. In der Kabine der Damentoilette hängt ein Plakat mit dem Hinweis: „Luisa ist hier!“ Soweit so gut, aber wird das auch umgesetzt? Ich gehe zurück in den Hauptraum und mische mich unter die Leute. Nach einem kurzen Moment mache ich mich auf den Weg an die Bar. Hinter der Theke stehen ein Mann und zwei Frauen.

Ich spreche den Mann an, der sich mir später als Barchef Sven Aufermann vorstellen wird: „Ist Luisa hier?“, frage ich. Äußerlich sehr gelassen entgegnet er mir: „Klar, Luisa ist gerade oben. Magst du kurz mit rauf kommen?“ Wir gehen über eine kleine Treppe hinter der Bar ins Obergeschoss. Dort fragt er mich nach meinem Befinden. Was genau los sei, wo es passiert sei, ob ich ein Taxi benötige oder sogar die Polizei. Ich kläre die Situation auf und blicke in ein erleichtertes Gesicht.

Im Gespräch schildert Aufermann mir:„Es ist nicht okay, wenn jemand aufdringlich wird. Daher ist es unsere Pflicht, zu helfen. Wird eine Situation brenzlig, schaffen wir zunächst einen Rückzugsort für die Bedrängte und rufen dann ein Taxi. Durch einen Hinterausgang begleiten wir die Frau, bis sie sich sicher auf dem Weg nach Hause befindet.“ Zu der Tatsache, dass einige Bar-Betreiber eine Projektteilnahme aufgrund möglicherweise entstehender schlechter Publicity absagen, hat Aufermann eine klare Meinung: „Wer sagt, in seinem Laden gebe es keine Belästigung und werde es auch nie geben, der lügt. Das entspricht einfach nicht der Realität. Es kann überall zu Übergriffen kommen.“

„Eine Luisa gibt es hier nicht“

Das Personal in der Sonderbar, die sich im sogenannten Bermuda-Dreieck in der Altstadt befindet, weiß mit der Frage, ob Luisa da sei, nichts anzufangen. „Eine Luisa gibt es hier bei uns nicht.“ Auch in der Damentoilette finde ich weder ein Plakat noch einen Sticker. Auf Nachfrage kramt ein Angestellter das Plakat und Infozettel zum Projekt aus einer Schublade. „Ich wusste jetzt nicht, dass wir da irgendwas machen müssen.“ Er habe das Material eher als grundlegende Information über den Start des Projekts wahrgenommen. Im Übrigen seien ja auch Frauen manchmal aufdringlich, ergänzt er. Fakt ist, dass die Sonderbar bei der Frauenberatungsstelle auf der Teilnehmerliste steht, „Luisa“ allerdings nicht da ist.

„Wer? Luisa? Vielleicht bist du an der falschen Theke?“

Im Sonnendeck hängen zwar Infoplakate auf den Toiletten, jedoch scheint das Personal darüber nicht aufgeklärt zu sein. Auf meine Frage wird ein wenig genervt reagiert und sich schnell abgewandt. „Könntest du vielleicht deinen Kollegen noch mal fragen?“ Ich versuche, dem Barpersonal noch eine zweite Chance zu geben. „Nein, ich weiß, wer hier arbeitet und eine Luisa gibt‘s nicht.“ Vermutlich nimmt der junge Mann an, ich suche eine Bekannte, die mir eventuell ein besonders gut gefülltes Glas einschenkt. Plakate auf der Toilette, aber keine Hilfe an der Bar: Als Frau, die sich in einer Notsituation befindet, hätte ich hier deutlichere Worte finden und weniger diskret vorgehen müssen.

Bilanz: ausbaufähig

Der Selbsttest führt zu einer ernüchternden Bilanz. Nur das Whisky‘s wusste, was zu tun war, reagierte vorbildlich auf die Codefrage und wandte genau das an, was die Frauenberatungsstelle rät: Rückzugsmöglichkeit aufzeigen, Hilfe anbieten und gemeinsam eine Lösung suchen. In der Sonderbar und im Sonnendeck erhielt ich keine Hilfe. Wie soll ein Projekt zur Sicherheit von Frauen im Nachtleben funktionieren, wenn die Angestellten nicht darüber Bescheid wissen? Plakate in einer Schublade helfen zumindest nicht.

„Wir lassen uns dadurch nicht entmutigen, im Gegenteil“

Die Frauenberatungsstelle reagiert gefasst auf die ernüchternde Bilanz des Selbsttests. „Das Projekt steckt noch in den Kinderschuhen. Junge Projekte laufen in den seltensten Fällen fehlerfrei an“, sagt Julia Bruns, Praktikantin in der Beratungsstelle. Sie vermutet, dass aufgrund der hohen Fluktuation von größtenteils studentischem Personal eine lückenlose Informationsvermittlung schwierig ist. „Wir werden in naher Zukunft sowohl teilnehmende als auch neue Läden anschreiben. Wir wünschen uns positive Resonanzen und eventuell auch Einladungen zu Mitarbeiterschulungen, die wir gerne übernehmen.“

Diese Osnabrücker Bars/Clubs nehmen laut Frauenberatungsstelle teil:

„Es ist unsere Pflicht, zu helfen“ (Barchef des Whisky‘s)

Hinweisplakate in Damentoiletten sollen Frauen, die sich bedroht fühlen, darauf aufmerksam machen, dass ihnen vor Ort geholfen wird. Foto: Mareike Eigenwillig

  • Whisky‘s
  • Sonderbar
  • Sonnendeck
  • Rosenhof
  • Dr. Vogel
  • Culina
  • Pollyesther‘s
  • Shock Records & Coffee
  • Bastard Club
  • Zauber von OS


Die Frauenberatungsstelle Osnabrück

Die Frauenberatungsstelle Osnabrück in der Spindelstraße 41 berät vordergründig Frauen, die Opfer von Gewalt wurden. Unter dem Motto „Frauen helfen Frauen“ werden gemeinsam Handlungsmöglichkeiten gesucht und Lösungsstrategien entwickelt. Psychosoziale Prozessbegleitung, Krisenintervention, Paarberatung für lesbische Frauen und Traumabetreuung sind nur einige weitere Hilfsangebote der Beratungsstelle.

Termine können Sie unter folgender Nummer vereinbaren: 0541/803405

Informationen finden sie unter: www.frauenberatung-os.de

Abseits von Hilfe und Beratung bietet die Frauenberatungsstelle auch Freizeitangebote an. Jeden zweiten Mittwoch findet von 15 bis 17 Uhr eine Frauenwanderung statt und jeden Dienstagvormittag von 10:30 bis 12 Uhr gibt es ein Frauencafé. Darüber hinaus beraten am ersten und dritten Dienstag im Monat kostenlose zwei ehrenamtlichen Rechtsanwälte in Fragen des Rechts.