Serie „Die Kunden und ich“ Osnabrücker Glasreiniger über das undankbarste Gebäude der Stadt

Von Cornelia Achenbach

Streifenfrei! Stefan Möller arbeitet in Osnabrück als Glasreiniger. Zu Hause putzt allerdings seine Frau die Fenster. Foto: Michael GründelStreifenfrei! Stefan Möller arbeitet in Osnabrück als Glasreiniger. Zu Hause putzt allerdings seine Frau die Fenster. Foto: Michael Gründel

Osnabrück . Bedienungen, Ärzte, Müllmänner, Kassierer – in unserem Alltag haben wir immer mal wieder mit ihnen zu tun, doch selten machen wir uns darüber Gedanken, wie wir auf sie wirken. Wir haben daher einmal nachgefragt. Teil 50: ein Gebäudereiniger.

Seit 2015 ist Stefan Möller als Glasreiniger in ganz Osnabrück im Einsatz. In einem Interview spricht der 41-jährige Piepenbrock-Mitarbeiter über Höhenangst, die richtige Technik und das am schwierigsten zu reinigende Gebäude der Stadt.

Herr Möller, ich weiß, dass Sie als Glasreiniger auch schon hier bei der Neuen Osnabrücker Zeitung am Breiten Gang im Einsatz waren. Ist das nicht furchtbar, in dieser Höhe Fenster zu putzen?

Höhenangst sollte man in der Branche nicht haben (lacht). Das NOZ-Haus ist etwa 40 Meter hoch, da kommen wir mit unserem 50-Meter-Steiger und entsprechender Schutzausrüstung. Ich mache das gerne und melde mich bei solchen Einsätzen freiwillig. Von da oben hat man eine tolle Sicht über die Stadt!

Haben Sie sich bei Ihrer Arbeit schon einmal verletzt?

Ja, mehrfach. Ich bin einmal vom Tritt abgerutscht, habe mir dabei das Knie verdreht und beide Menisken zerstört. Und vor Kurzem hatte ich einen Rotatorenmanschettenschaden, da bekam ich meinen Arm gar nicht mehr gehoben; die Sehne war entzündet. Aber dann macht man ein bisschen Pause und Krankengymnastik, dann geht es wieder.

Jetzt sitzen wir gerade bei Piepenbrock an der Hannoverschen Straße – das müsste doch eigentlich das sauberste Gebäude Osnabrücks sein?

Nein, denn die Zentrale muss uns anfordern wie jedes andere Unternehmen auch. Wir können hier nicht einfach spontan irgendwo ein Fenster wischen, dafür ist das Haus einfach viel zu groß.

Wie oft werden Sie von Bekannten gefragt, ob Sie nicht einmal bei ihnen zu Hause Fenster putzen könnten?

Oje. Täglich. Aber das darf ich natürlich nicht. Nur bei der Schwiegermutter habe ich das mal gemacht.

Achten Sie bei Bekannten oder wenn Sie unterwegs sind auf saubere Fenster?

Naja... meine Frau sagt, sie geht mit mir nicht mehr in die Stadt (lacht).

Überall dreckige Fenster....

Genau. Oder schlechte Arbeit. Vorne um die Ecke habe ich Fenster gesehen, da wurde die rechte Hälfte vergessen. Das kann ich gar nicht haben.

Die Frage, wer bei Ihnen zu Hause die Fenster putzt, dürfte sich ja erübrigen.

Sicher doch: meine Frau.

Was?!

Bei aller Liebe –wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, habe ich wirklich keine Lust mehr, den Wischer in die Hand zu nehmen. Außerdem ist sie die Tochter meines Lehrmeisters, also wenn es eine kann dann sie. Außerdem lerne ich gerade unseren 13-jährigen Sohn an, damit er die Aufgabe zu Hause übernehmen und sein Taschengeld etwas aufbessern kann.

Das NOZ-Haus besteht fast nur aus Glasfläche – die zu reinigen ist vermutlich ziemlich viel Arbeit.

Nein, das sind große Flächen, das geht gut. Da gibt es ganz andere Gebäude.

Ja? Welches ist denn besonders undankbar für Glasreiniger?

Das Osnabrücker Schloss! Lauter kleine Fenster... unsere großen Wischer können wir da vergessen, stattdessen müssen wir jede einzelne kleine Fläche polieren. Das ist sehr anstrengend und dauert lange. Da weiß man abends, was man gemacht hat...

Die meisten Menschen müssen ja kein Schloss putzen, sondern nur die Fenster ihrer vier Wände – dennoch ist gerade Fensterputzen unbeliebt. Haben Sie einen bestimmten Tipp, damit es streifenfrei wird? Mit Zeitungspapier nachwischen oder so?

Bloß nicht mit Zeitungspapier! Das hat man früher einmal so gemacht, aber die Druckerschwärze ist heute eine andere, und die schmiert. Das sieht man hinterher, wenn es trocken ist. Lieber ein Mikrofasertuch nehmen und allgemein: nicht am Material sparen. Das Reinigungsmittel ist gar nicht so wichtig, da geht zur Not auch Spülmittel. Aber eine ordentliche Gummilippe mit einer klaren Kante muss der Wischer haben. Die gibt es im Baumarkt. Und dann kommt natürlich noch die richtige Technik dazu....

Kann man bei jedem Wetter Fenster putzen?

Bei minus sechs, minus sieben Grad ist Feierabend. Das friert sofort zu, da hat man keine Chance.

Wenn Sie in verschiedenen Bürogebäuden oder bei Privatkunden unterwegs sind – gibt es ein Verhalten, über das Sie sich manchmal ärgern?

Manchmal wird man etwas von oben herab als Handwerker zweiter Klasse behandelt. Oder die Fenster sind nicht zugänglich gemacht worden, obwohl es vorher angekündigt war, und wir müssen erst die ganzen Fensterbänke frei räumen. Aber mehr als über Kunden ärgern wir uns über Architekten.

Wieso denn über Architekten?

Weil die teilweise an Stellen Fenster einplanen, die man kaum reinigen kann. Runde Scheiben im Dach und darunter eine schmale Wendeltreppe oder ähnliches. Wir haben sogar schon mit Architekten darüber gesprochen, aber denen ist es egal, wie gereinigt wird. Hauptsache, es sieht gut aus.

Nun haben Sie ja Kollegen, die nicht schwerpunktmäßig Fenster reinigen, sondern auch Staub saugen, Toiletten putzen, Küchen wischen...

Unterhaltungsreinigung, genau.

Umgangssprachlich spricht man von Putzfrauen oder Putzmännern. Finden Sie den Begriff in Ordnung?

Nein, das sind Reinigungsfachkräfte. Das ist ein Ausbildungsberuf, ein Handwerk, das man erlernt. Der Begriff entwertet den Beruf.

Noch eine letzte Frage: Wie oft werden bei Ihnen zu Hause die Fenster geputzt?

Alle vier Wochen. Und jetzt will ich doch noch mal eben das Fenster wischen, bei dem die rechte Hälfte vergessen wurde. So etwas lässt mir ja keine Ruhe.