In Sachsen auf der Speisekarte Nutrias dürfen auf den Teller – wer isst die Biberratte?

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Fressen und gefressen werden? Nutrias dürfen auf den Teller. Wo liegt die Ekelgrenze? Foto: Jörn MartensFressen und gefressen werden? Nutrias dürfen auf den Teller. Wo liegt die Ekelgrenze? Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Nutrias kann man essen, fragt sich nur: Wer will das? In Sachsen werden die Tiere im Restaurant „Zum Biber“ serviert. Der Osnabrücker La-Vie-Chef Thomas Bühner nähme sie nicht auf die Karte: „Essen soll keine Provokation sein.“

Nutria in Pilzsoße mit Rotkohl und Klößen, in Buttermilch eingelegt oder als Rollbraten - für die Biberratte finden sich im Internet viele Rezeptvorschläge. Die Zahl probierwütiger Osnabrücker ist vermutlich deutlich geringer. Das Pelztier, das sich in der Stadt immer stärker ausbreitet, darf zwar gejagt und verzehrt werden, die Vorstellung von Nutria im Bräter ruft bei den meisten allerdings eher Ekel als einen gesunden Appetit hervor. „Ich hätte keine Vorbehalte, es zu probieren“, sagt La-Vie-Chef Thomas Bühner. Aber: Nutria selbst zuzubereiten oder im „La Vie“ aufzutischen, fiele ihm nicht ein: „Das Essen soll Genuss und Entspannung sein, keine Mutprobe.“

Süßlich und cholesterinarm

Eine Mutprobe ist die Nutria in Sachsen nicht. Eher eine alte Bekannte. Zu DDR-Zeiten wurden die Tiere dort wegen ihres begehrten Pelzes in großen Farmen gezüchtet. „Das Fleisch war Abfallprodukt“, sagt Petra Becker, Inhaberin des Restaurants „Zum Biber“ im sächsischen Belgern-Schildau, wo sie Dachsrollbraten, Schwan und Nutria auftischt. „Heute ist es umgekehrt.“ Das Fleisch der Nutria sei begehrt, komme geschmacklich dem Wild nahe - eher dem Hirsch als dem Wildschwein. Es sei dunkel, süßlich und cholesterinarm, so Becker. In der Zubereitung lehne sie es an andere Wildgerichte an, bereite es mit Lorbeer, Piment und Preiselbeeren zu. Anders als der Hirsch, der im „Biber“ bei 16 Euro liegt, koste die Nutria 26 Euro. Denn: Die Zahl der Züchter habe abgenommen, bei Wildhändlern zahle sie inzwischen 30 Euro pro Kilo. 

„Alles eine Frage des Geschmacks“

Für alle, die Nutrias zubereiten möchten, gilt: Sie müssen die erlegten Tiere vorab beim Veterinäramt auf Trichinellen untersuchen lassen. Denn die Sumpfbiber, die in Gewässernähe leben, können über die Posthornschnecke im Wasser Parasiten aufnehmen, erklärt der Osnabrücker Jagdaufseher Reinhold Rethschulte. Beim Veterinärdienst des Landkreises Osnabrück wurden seit April vergangenen Jahres 13 Nutrias untersucht. Alle stammten aus dem Landkreis Osnabrück, teilte Landkreis-Sprecher Burkhard Riepenhoff mit. Und weiter: „Die Untersuchung wird nach hiesiger Kenntnis nur veranlasst, wenn auch die Absicht besteht, die Tiere zu verzehren.“

Wenn Essen Gefühle verletzt

Eine satte Gesellschaft ist wählerisch. Die Frage lautet nicht: ,Gibt es was zu essen?‘, sondern ,Was gibt es?‘ „Es ist keine Notwendigkeit gegeben, diese Tiere zu essen“, nennt Bühner eine entscheidende Bräter-Bremse. Die Nutria hat bei uns im Zweifel genauso schlechte Karten wie die „Maikäfersuppe“, die sich noch in alten deutschen Kochbüchern finde. Mit Hahnenkämmen oder Singvögeln von der italienisch-schweizerischen Grenze nennt er zwei weitere Beispiele für potenzielle Ausscheider von Karten und Tellern. Was ist gesetzt? Was verzichtbar? Was provokativ? Der Grat der gastronomischen Entscheidung bleibt so schmal wie regional: In einer Pferde-Region wie dem Osnabrücker Land will Bühner auch keine Pferde servieren. „Ich will die Gefühle derer, die zu uns kommen, nicht verletzen.“


Die Nutria (Myocastor coypus), auch Biberratte oder Sumpfbiber genannt, stammt aus Südamerika und ist vor rund hundert Jahren nach Deutschland geholt worden – wegen ihres Pelzes. Sie hat sich vor allem wegen der milden Winter extrem ausgebreitet. Die EU hat sie auf die Liste der invasiven Arten gesetzt. Der Pflanzenfresser lebt in Wassernähe, in Erdhöhlen im Uferbereich oder in Schilfnestern. Nutrias werden bis zu 15 Kilo schwer und 70 Zentimeter lang. Dreimal im Jahr können sie sechs bis acht Junge werfen, die nach fünf Monaten geschlechtsreif sind. Auch in Osnabrück bereitet sich die Art stark aus, etwa im Nettetal und am Rubbenbruchsee. Ein Grund: Spaziergänger füttern die Tiere.

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