Kreisrat erläutert Integrationskonzept „Das Leben im Kreis Osnabrück ist richtig bunt geworden“

Von Jean-Charles Fays


Osnabrück. Beim Integrationskonzept gab es „Aktualisierungsbedarf“, sagt Kreisrat Winfried Wilkens und erläutert, dass „das Leben im Landkreis richtig bunt geworden ist“. Das sei ein guter Grund gewesen, ein neues Konzept für die 90.000 Menschen mit Migrationshintergrund im Kreis zu entwickeln, das aber auch nicht die anderen 278.000 Menschen ohne Migrationshintergrund im Landkreis außer Acht lasse.

Warum musste das bisherige Integrationskonzept angepasst werden?

Nach vielen Jahren erfolgreicher Integrationsarbeit haben wir beim Landkreis Osnabrück vor vier Jahren das Integrationskonzept erarbeitet. Damals ahnten wir noch nicht, dass das Flüchtlingsthema sich ab 2015 so zuspitzen würde. Wir haben das seinerzeit aufgegriffen, weil wir auch 2014 bereits merkten, dass immer mehr EU-Ausländer ins Osnabrücker Land kommen. Jetzt sind vier Jahre ins Land gegangen und in diesem Zeitraum sind neben Zuwanderern aus der EU und anderen Ländern vermehrt auch Schutzsuchende hinzugekommen. Nach ein paar Jahren mit den Erfahrungen sowohl mit den Flüchtlingen als auch mit anderen Migrantengruppen haben wir eine ganze Menge dazugelernt. Wir wollten das in ein neues Konzept gießen, weil es Aktualisierungsbedarf gab.

Wie stellen Sie sicher, dass Flüchtlinge künftig schneller Deutsch lernen?

Wir haben bereits vor Jahren ein Koordiniertes Integrationskurs Management (KIM) eingeführt. Dazu haben wir alle Akteure zusammengetrommelt, um dafür zu sorgen, dass möglichst passgenaue Sprachkursangebote für möglichst jeden einzelnen organisiert werden können. Das muss stetig weiter verfeinert werden. Der Bund hat es uns in dem Bezug nicht gerade an jeder Stelle leicht gemacht. Wir hätten uns als Landkreis eine noch stärker steuernde und koordinierende Rolle für alle Sprachkursangebote in der Gesamtregion gewünscht. Das ist so nicht Realität geworden, aber wir spielen insgesamt eine gute Rolle. Das Hauptziel ist: Wir wollen für jeden Menschen, der zu uns kommt und die deutsche Sprache benötigt, um sich hier zu integrieren, ein Angebot haben: So soll jeder von der Ankunft bis zur Integration in den Arbeitsmarkt und damit dann auch in die Gesellschaft begleitet werden.

Wie können Flüchtlinge bereits in der Kita besser Deutsch lernen?

Die Strategie im Kindergartenbereich ist, die Einrichtungen auch weiterhin zu stärken und ihnen Unterstützungsangebote an die Hand zu geben. Der Spracherwerb wird maßgeblich im Kindergarten und der Kindertagesstätte mitbegleitet und das pädagogische Personal wird entsprechend angeleitet - das gilt dann für deutsche Kinder genauso wie für europäische Kinder sowie für schutzsuchende Kinder - wie man Sprache alltagsintegriert vermittelt und was dabei wichtig ist. Das ist die Sprachförderung im Elementarbereich.

Besonders Flüchtlingskinder haben sehr große Probleme, Plätze in den Kitas zu bekommen. Wie sorgen Sie dafür, dass auch Flüchtlingskinder künftig Kita-Plätze bekommen?

Der entsprechende Rechtsanspruch gilt für jeden, der vor Ort in der Kommune angemeldet ist: für Flüchtlingskinder genauso wie für deutsche Kinder. Der Rechtsanspruch wird umzusetzen sein. Möglichst alle Kinder, und das beinhaltet ausdrücklich Kinder aus Migrantenfamilien, sollten Kitas besuchen. Das ist für uns eine wesentliche Unterstützung auf dem Weg zur Integration. Deshalb müssen wir in der Region so viele Kita-Plätze schaffen, dass alle, die das wollen und brauchen, tatsächlich auch in die Kitas kommen – unabhängig von der Nationalität.

Welche Rolle spielt künftig das Migrationszentrum?

Das Migrationszentrum ist für uns ein ganz wichtiger Anker. Darüber wollen wir mit möglichst vielen Migranten selbst in den direkten Dialog treten: idealerweise beginnt das mit dem Tag der Ersteinreise und endet, wenn alle integrationsbezogenen Fragestellungen geklärt sind. Das Zentrum stärkt die ehrenamtlichen Strukturen in den Städten und Gemeinden, damit sie weitergelebt werden. Das Migrationszentrum sorgt für die Zusammenarbeit zwischen denjenigen, die sich um den Arbeitsmarkt kümmern, also die Maßarbeit, und denjenigen, die sonst mit den Migranten zu tun haben, also etwa die Ausländerabteilung. Im Migrationszentrum fließen die Dinge zusammen.

Sie wollen ein Augenmerk auf bezahlbaren Wohnraum legen. Wie wollen Sie die Quote von Sozialwohnungen in den 21 kreisangehörigen Städten, Gemeinden und Samtgemeinden steigern?

Das Thema Wohnen ist für alle Menschen im Landkreis von elementarer Bedeutung. Deswegen arbeiten wir auch über die Gruppe der Migranten hinaus am Wohnungsmarkt und haben das Wohnraumversorgungskonzept aufgelegt. Ausgehend von diesem Fachthema haben wir eine Menge entwickelt und jetzt übersetzen wir das auch, aber eben nicht nur, in den Bereich der Migranten hinein. Aktuell sind wir mit den Städten und Gemeinden im Gespräch, um sie in die Lage zu versetzen, mehr zu tun als nur Baugebiete auszuweisen. Traditionell konzentrieren die meisten Städte und Gemeinden ihre Beeinflussung des Wohnungsmarktes auf das Thema Bebauungsplan. Der Landkreis sorgt für die Baumöglichkeit, den Rest macht der Markt. Wir – also Gemeinden und Landkreis – sind aber inzwischen sicher, dass man noch mehr tun kann. Dass man gezielt etwa Gebiete für gut gemischtes Wohnen entwickeln kann. Soziale Brennpunkte müssen wir verhindern und dazu die Chancen erhöhen, dass private Akteure, vereinzelt gibt es ja auch kommunale Wohnungsbaugesellschaften, Wohnraum schaffen, die auch die Bedürfnisse derjenigen berücksichtigt, die ein kleineres Budget haben. Dazu gehören auch Migranten, aber nicht nur. Der Fachdienst Planen und Bauen fährt gerade durch die Städte und Gemeinden im Landkreis und versucht, in der Projektberatung die Chancen auf solche Projekte zu steigern.

Welche Kommune hat den geringsten prozentualen Anteil an Sozialwohnungen? Wo sehen Sie besonderen Bedarf?

Wir haben in allen Städten, Gemeinden und Samtgemeinden im Landkreis Osnabrück inzwischen den Bedarf, preisgünstigen Wohnraum anzubieten. Wir haben aber auch Ortschaften, in denen schon das Thema Mietwohnungsbau traditionell eher keine Rolle spielte. Nicht erst seit dem starken Flüchtlingszustrom ist das Bewusstsein gewachsen, dass wir wohl auch in der ganzen Region mehr Mietwohnungsbau brauchen. Die Einwohnerzahl des Landkreises Osnabrück wird in den nächsten zwei Jahren wahrscheinlich konstant bleiben, sogar noch ganz leicht wachsen. Das Entscheidende ist aber, wie viele Menschen unter einem Dach wohnen. Und diese Zahl der Haushalte wird weiterhin deutlich steigen, weil die Haushalte immer kleiner werden.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband fordert 20 Prozent Sozialwohnungen in Osnabrück. Wie viel Prozent Sozialwohnungen werden im Landkreis benötigt?

Wir sind dabei, das zu entwickeln. Wir haben jetzt im Kreistag den Beschluss über das Integrationskonzept und dazu jetzt Kennzahlen zu entwickeln. Aktuell gibt es eine Arbeitshypothese. Das ist ein interner Vorentwurf. Den werden wir in den nächsten Wochen verfeinern und dem Kreisausschuss vorlegen. Dann können Sie sehen, was wir uns genau vornehmen. Die Zahlen kann ich jetzt nicht vorwegnehmen. Wir werden beschreiben, wie viele neue Wohneinheiten im sozialen Wohnungsbau aus unserer Sicht im nächsten Jahr erforderlich sind und wir werden versuchen, ein zahlenmäßiges Ziel zu beschreiben und dann müssen wir schauen, ob wir dieses Ziel mit unseren Methoden auch erreichen.

Was entgegnen Sie Kritikern, die sagen, dass die vielen hehren Ziele des Integrationskonzepts bis zum Jahr 2022 nicht umgesetzt werden können?

Die Kritiker haben recht. Das Paradies, was wir da beschrieben haben, werden wir 2022 nicht erreicht haben. Wir nehmen die Zielsetzungen aber ernst, denn wir wollen dorthin. Wir haben beschrieben, dass möglichst jeder beim Spracherwerb so unterstützt wird, dass er an der Stelle überhaupt keine Probleme beim Eintritt in den Arbeitsmarkt und das gesellschaftliche Leben hat. Wir haben beschrieben, dass jeder ein vernünftiges, angemessenes bezahlbares Dach über dem Kopf haben soll. Wir haben viele andere Dinge beschrieben, die mit Qualifikation für den Arbeitsmarkt zu tun haben. Bei allem Selbstbewusstsein wird aber unsere Arbeit beim Landkreis Osnabrück eben nicht dazu führen, dass 2022 das Paradies ausbricht. Weder für den gesamten Landkreis noch für die 90.000 Menschen mit Migrationshintergrund im Landkreis. Was wir beschrieben haben, sind Ziele und wir wollen messbare Fortschritte auf dem Weg dahin erreichen. Deswegen beschreiben wir für jedes der Ziele Indikatoren, damit wir messbar sind. Wir wollen uns alle paar Jahre wieder fragen, wie weit wir gekommen sind. 2022 werden wir noch nicht perfekt, aber hoffentlich ein ganzes Stück weiter sein.

Was entgegnen Sie der AfD, die sagt, dass das Integrationskonzept Migranten gegenüber Deutschen bevorzugt?

Wir bilden die Wirklichkeit im Osnabrücker Land ab. Was bei vielen überhaupt nicht ins Bewusstsein gerückt ist, ist, dass wir nicht über Randgruppen reden. Wenn man mal undifferenziert die Gesamtheit aller Menschen mit Migrationshintergrund nimmt, reden wir über ein Viertel der Menschen im Landkreis. 90.000 von 360.000 Menschen im Landkreis Osnabrück haben einen Migrationshintergrund. Der ist im Detail sehr unterschiedlich. Die Flüchtlinge sind nur ein kleiner Teil davon, sie machen nur ein Prozent der Bevölkerung im Landkreis Osnabrück aus. Das Leben im Landkreis ist richtig bunt geworden. Das ist ein guter Grund, sich aktiv um das Thema Integration zu kümmern und ein ganzheitliches Konzept zu entwickeln, das aber auch nicht die anderen 278.000 Menschen im Landkreis außer Acht lässt, die keinen Migrationshintergrund haben. So machen wir unsere gesamte Region stark.