Stadt will mehr aufklären Zwangsheirat: Auch in Osnabrück sind Jugendliche betroffen

Von Sandra Dorn

Zwangsverheiratung und gesellschaftliche Rollenbilder thematisiert zurzeit die Theater AG des Gymnasiums In der Wüste in ihrem Theaterprojekt. Archivfoto: Michael GründelZwangsverheiratung und gesellschaftliche Rollenbilder thematisiert zurzeit die Theater AG des Gymnasiums In der Wüste in ihrem Theaterprojekt. Archivfoto: Michael Gründel

Osnabrück. Zwei- bis dreimal pro Jahr hilft das Osnabrücker Jugendamt Jugendlichen, die sich einer drohenden Zwangsheirat entziehen wollen und dafür den Bruch mit ihren Familien sowie ihrem bisherigen Leben riskieren. Wie hoch die Dunkelziffer der Betroffenen ist, weiß niemand.

Beim Thema Zwangsheirat prallen Kulturen aufeinander. Mädchen um die 18 oder jünger, die im liberalen Deutschland aufgewachsen sind, sollen plötzlich einen Mann heiraten, den die Eltern für sie ausgesucht haben – so, wie es aus deren Sicht in ihrem Heimatland eben seit Generationen üblich war.

Die Betroffenen sind zerrissen. „Viele Jugendlichen wollen ihre Familien nicht verlassen“, gibt Gülüstan Genc vom Osnabrücker Mädchenzentrum „Café Dauerwelle“ zu bedenken. In der offenen Einrichtung in der Süsterstraße können Mädchen kostenlos diverse Freizeitangebote nutzen, sie ist aber auch eine Beratungsstelle für junge Frauen, die von Zwangsheirat bedroht sind.

Manche Mädchen freuen sich auf arrangierte Ehen

Anders als bei einer Zwangsheirat lassen sich die Jugendlichen bei arrangierten Ehen mehr oder weniger freiwillig darauf ein. „Einige Mädchen freuen sich sogar darauf“, sagt die Sozialwissenschaftlerin. Und hier zeigt sich der schmale Grat, auf dem sie und ihre Kollegen sich bewegen: „Wenn einige selbstbestimmt sagen: ‚Ich möchte das‘, dann muss man das akzeptieren“, so Genc.

Dramatisch wird es, wenn eine junge Frau – oder ein junger Mann – nicht mit einer geplanten Heirat einverstanden ist. Dann wird aus dem Arrangement ein Zwang, der in Deutschland unter Strafe steht. Das Problem: Gerade bei Mädchen mit strengen Eltern sei die Familie die wichtigste Säule im Leben, sagt Genc. Im Extremfall den Kontakt abzubrechen und wegzuziehen, bedeute nicht nur, die Familie und den Freundeskreis aufzugeben. Die Mädchen hätten auch Angst davor, dass die Eltern ihr Ansehen verlieren.

Wenn dann aber tatsächlich der soziale Dienst der Stadt kurz vor den Sommerferien etwa von einem Sozialarbeiter oder einer Schule kontaktiert wird, weil ein Mädchen fürchtet, im Ausland verheiratet zu werden, „dann muss das Handeln sitzen“, sagt Rita Alte-Bornholt von der städtischen Koordinierungsstelle Kinderschutz und Frühe Hilfen. Doch so weit, dass die Mädchen im seltenen Extremfall mithilfe der Polizei unter Annahme einer neuen Identität in Sicherheit gebracht werden müssen, soll es gar nicht kommen.

AG Zwangsheirat

Vor einem Jahr hat Rita Alte-Bornholt ein Netzwerk ins Leben gerufen, bestehend aus dem Sozialen Dienst der Stadt (Jugendamt), dem Mädchenzentrum, der Beratungsstelle Pro Familia und dem bundesweit tätigen Verein Solwodi, der Frauen in Notsituationen hilft. „Wir wollen aufklären und sensibilisieren“, sagt Katrin Lehmann von Solwodi über das Netzwerk.

„Was kann ich machen, wenn es ernst wird?“, sei eine Frage, die im Mädchenzentrum immer mal wieder gestellt werde, sagt Gülüstan Genc. Sie und ihre Kolleginnen vermitteln im Ernstfall weiter an Solwodi, an ein Frauenhaus, die deutsche Botschaft im Ausland oder ans Jugendamt, das Minderjährige in Obhut nehmen und in einer Wohngruppe unterbringen kann. Eine Inobhutnahme könne zunächst auch als „Nachdenkplatz“ dienen. „Es gibt viele, die dann zu ihrer Familie zurückgehen“, sagt Katrin Lehmann – sei es, dass die Eltern den endgültigen Bruch mit der Tochter vermeiden wollen, oder dass die Tochter nachgibt. Freunde, Lehrer oder Sozialarbeiter in Jugendzentren können sich bei Fragen ebenfalls an das Netzwerk wenden. „Mal nachzufragen, wenn Mädchen bestimmte Andeutungen machen, kann schon helfen“, sagt Rita Alte-Bornholt.

Übrigens seien nicht nur Mädchen betroffen. Das Jugendamt habe auch schon im Fall eines 16-Jährigen eingegriffen, der gegen seinen Willen im Ausland verheiratet werden sollte, in Deutschland aber eine feste Freundin hatte.

Tagung „Zur Liebe gezwungen“ in Osnabrück

Mit einer Tagung unter dem Titel „Zur Liebe gezwungen“ will die Initiative am Donnerstag, 19. April, von 13.30 bis 18.30 Uhr im Stadthaus über das Thema informieren. Als Referenten sind eingeladen der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Ahmet Toprak sowie die Pädagogin und Therapeutin Meral Renz. Die Theater-AG des Gymnasiums In der Wüste wird ihr Projekt „Ja, ich will!“ präsentieren. Die Teilnahme kostet 10 Euro, Anmeldungen nimmt Rita Alte-Bornholt entgegen, Tel. 0541/323-2295, E-Mail: alte-bornholt@osnabrueck.de.