Leben mit dem Vergessen Selbsthilfe Demenz wirbt für Toleranz gegenüber Erkrankten

Von Petra Pieper

Der ehrenamtlich tätige Vorstand des Vereins „Alzheimer Gesellschaft Osnabrück – Selbsthilfe Demenz“ (von links): Stefan Michels, Ingrid Schaal, Christel Wendte und Susanne Wolff.Der ehrenamtlich tätige Vorstand des Vereins „Alzheimer Gesellschaft Osnabrück – Selbsthilfe Demenz“ (von links): Stefan Michels, Ingrid Schaal, Christel Wendte und Susanne Wolff.

Wallenhorst/Osnabrück. Die „Alzheimer Gesellschaft Osnabrück – Selbsthilfe Demenz“ berät Angehörige und betreut an Demenz Erkrankte in Osnabrück und Wallenhorst. Die Mitglieder werben für mehr Verständnis für und Toleranz gegenüber Betroffenen.

„Wir freuen uns, unsere Selbsthilfegruppe in der Zeitung vorstellen zu können, denn obwohl wir im nächsten Jahr bereits 25-jähriges Bestehen feiern können, meinen wir, dass wir bekannter sein sollten“, eröffnet Vereinsvorsitzende Ingrid Schaal das Gespräch. Der Verein hat sich zum Ziel gesetzt, die Öffentlichkeit stärker für das Thema Demenz zu sensibilisieren, aufzuklären, Ängste abzubauen, mehr Verständnis für und Toleranz gegenüber Erkrankten zu erreichen und ihnen sowie ihren Angehörigen den Alltag ein wenig zu erleichtern. 1994 wurde in Zusammenarbeit mit dem Gesundheitszentrum Osnabrück der erste Gesprächskreis für von Demenz Betroffene und ihre Angehörigen gegründet. Zwei Jahre später wurde eine Betreuungsgruppe eröffnet, vier Jahre danach die Eintragung ins Vereinsregister getätigt.

Anlaufstelle und Treffpunkt

Und seit 2012 verfügt der Verein auch über ein eigenes Büro und einen kleinen, gemütlichen Aufenthaltsraum an der Johannisfreiheit 11a in Osnabrück. Dies ist die Anlaufstelle und der Treffpunkt für alle, die in Sachen Demenz Rat suchen und sich in der Selbsthilfe engagieren. Hier finden Beratungen für Angehörige und Betroffene statt, auch telefonisch, hier gibt es den Angehörigen-Gesprächskreis und das Erzählcafé, treffen sich die Helferinnen zu Vorträgen und Fortbildungen und können Angehörige an Seminaren teilnehmen.

Die Arbeit des Vereins ruht auf drei Säulen: der Beratung von Angehörigen, dem Erfahrungsaustausch untereinander und der (auch häuslichen) Betreuung von Betroffenen. „Es gibt sehr viele verschiedene Arten von Demenz mit ganz unterschiedlichen Verläufen“, erläutert Schaal; die ehrenamtlichen Berater würden sich bemühen, individuelle Wege im Umgang mit den Betroffenen aufzuzeigen.

Räumliche und zeitliche Desorientierung

Ausgangspunkt sei stets eine gesicherte Diagnose durch einen Neurologen. Denn es gebe auch andere Ursachen für zunehmende Vergesslichkeit und räumliche sowie zeitliche Desorientierung. Die Diagnose ‚Demenz‘ oder ‚Alzheimer‘ treffe zumeist die ganze Familie, viele Betroffenen wollten sie zunächst nicht wahrhaben, versuchten lange, die Fassade aufrecht zu halten. Andere aber fühlten sich erleichtert, hätten endlich eine Erklärung für die mit ihnen vorgehenden Veränderungen. Insgesamt verändere sich die Sicht auf das Leben, das Kognitive trete hinter dem Gefühlsmäßigen zurück und der Augenblick bekomme mehr Bedeutung. Ganz wichtig sei emotionale Sicherheit. Ein immer gleiches soziales Umfeld wirke entlastend für den Erkrankten, mindere seine Angst vor Anforderungen, denen nicht gerecht werden zu können er befürchtet. Die Berater empfehlen zudem, möglichst schnell ein Netzwerk von Unterstützern aufzubauen und sich um finanzielle Hilfen und Pflegedienst zu kümmern.

Forum für Sorgen und Nöte

Am Gesprächsabend für Angehörige jeden dritten Donnerstag eines Monats um 18 Uhr finden die Partner oder Kinder von Erkrankten ein Forum für ihre Sorgen und Nöte. „Der Austausch untereinander gibt Kraft für den Alltag“, betont Vorstandsmitglied Stefan Michels. Eine weitere Angehörigengruppe trifft sich jeden ersten Dienstag im Monat von 18.30 bis 20.00 Uhr mit der stellvertretenden Vorsitzenden Susanne Wolff in den Räumen der Caritas-Sozialstation in Wallenhorst: „Von dieser Vernetzung mit dem Pflegedienst profitieren beide Seiten“, so Wolff.

Drohender Verlust des Selbstwertgefühls

Menschen mit beginnender Demenz sind zum Erzählcafé mit Christel Wendte und Ingrid Schaal eingeladen. „Wir finden es nicht gut, wenn Menschen, sobald sie die Diagnose Demenz erhalten haben, was leider häufiger vorkommt, in eine Ecke gestellt, quasi abgeschoben werden, denn sie können noch sehr viel“, ärgert sich Schaal. Um den drohenden Verlust des Selbstwertgefühls aufzufangen, bietet das Erzählcafé Gelegenheit zu Gesprächen in vertrauter Umgebung und zu kreativen Aktionen. Erst kürzlich hat die Gruppe eine Ausstellung von „Acrylbildern mit expressiver Farbigkeit“ organisiert, die Betroffene gemalt hatten. Und wenn sich die Betroffenen miteinander unterhalten und jemand plötzlich den Ort nicht mehr benennen kann, an dem er schon 30 Mal Urlaub gemacht hat, dann löst sich der Stress – „Wieso weiß ich das denn jetzt nicht mehr?“ – plötzlich in befreiendes Lachen, wenn jemand anderes sagt: „Das ist doch egal, Hauptsache, es war schön.“

Fingergymnastik oder Sitztanz

Menschen mit weiter fortgeschrittener Demenz treffen sich beim donnerstäglichen Treffpunkt im Paulusheim zwischen 15 und 17.30 Uhr. Betreuerinnen bieten ihnen zum Beispiel kreative Beschäftigungen, Fingergymnastik oder Sitztanz an, während die Angehörigen in einem separaten Raum Erfahrungen austauschen. „Wenn diese Trennung von Betroffenen und Angehörigen keine Probleme macht, kann man auch an Tagespflege oder häusliche Betreuung denken“, erklärt Schaal. Denn um den Betroffenen möglichst lange das Leben in der gewohnten familiären Umgebung, die ihnen emotionale Sicherheit bietet, zu ermöglichen, müssen die stark belasteten Angehörigen zumindest zeitweise entlastet werden.

Seitens der Alzheimer Gesellschaft steht ein Team von 16 geschulten Betreuerinnen bereit, Erkrankte stundenweise zu Hause zu betreuen. „Angehörige haben gelegentlich Termine außer Haus oder wollen einfach nur zum Friseur, hier springen unsere Helfer ein.“ Die Aufwandsentschädigung könne bei Vorliegen einer Pflegestufe über die Pflegekasse abgerechnet werden.

Da es immer mehr dementiell Erkrankte gibt, sucht der Verein auch mehr personelle Unterstützung, sowohl für die Büroarbeit als auch für die Betreuung. Interessierte wenden sich an Frau Ingrid Schaal, Tel. 0541 580 492 74 oder info@alzheimer-os.de Infos auch auf www.alzheimer-os.de.