„Alles andere ist primär“ Kabarettist Rolf Miller wühlt im Zettelkasten genialen Unsinns

Von Ralf Döring


Kurz bevor er sein Programm „Alles andere ist primär“ abgespielt hat, ist Kabarettist Rolf Miller doch noch nach Osnabrück gekommen. Im Haus der Jugend hat er über das Leben im Großen und Kleinen philosophiert.

„Ding“ ist für Rolf Miller ein Multifunktionswort. Es dient als Platzhalter, wenn ihm in seinen Tiraden die Worte ausgehen, und manchmal kreiert er damit Lautmalereien von dadaistischer Schönheit. Ohne „Ding“ würde sein Programm auf die Hälfte zusammenschnurren, gefühlt zumindest. Und es würde seinen Halbsätzen und verdrehten Sprüchen die funkelnde Krone fehlen. Einer hat seinem Bühnenprogramm den Titel gegeben: „Alles andere ist primär“.

Das Gerät und die Sirene

Kurz vor Torschluss ist er damit noch nach Osnabrück ins Haus der Jugend gekommen; sechs mal spielt er es noch, sagt er. Ab Oktober geht er dann mit dem neuen Programm auf Tour. Wo andere als Zugabe noch mal ein kleines Solo geben, tritt Miller aus seiner Rolle und gibt einen kleinen Einblick in seine Werkstatt. Dort sammelt er die – bewusst oder unbewusst – verdrehten Bonmots großer Männer, ihre Dumm- und Weisheiten, ihre Versprecher. Das klingt schwer nach Zettelkasten, jenem aus der Mode gekommenen Instrument der großen Philosophen und Welterklärer. Nur dass Millers Welterklärungsmodell auf genialen Unsinn gründet wie den titelgebenden Aphorismus des österreichischen Stürmers Hans Krankl. Weiterlesen: Rolf Miller im Interview

Neben dem Fußball erzählt Miller viel vom Leben an sich und von den Katastrophen, die damit einhergehen. Imaginäre Sidekicks helfen ihm dabei: Achim und Jürgen, deren Schwester („der Apparat“), „die Sirene“, ein paar kleinere Figuren. Mit ihnen schreitet er die Jugend auf dem Land ab, erzählt von Beziehung und Trennung, von Arbeit und Party, vom Leben halt. Meistens in Halbsätzen.

Natürlich hat das auch mit der Tagespolitik zu tun. Miller schwadroniert über Trump und Ergogan, greift die #MeToo-Debatte auf. Und wie jeder profilierte Kabarettist unterzieht er die Zeitläufte einer bissigen Analyse, nur eben nicht aus der Perspektive des Bildungsbürgertums und nicht zwangsweise über den linken Flügel. Nein, Miller wählt die Sicht des Kleinbürgers, argumentiert gewissermaßen vom Stammtisch und vom Jägerzaun aus. Ein Witzbold, der breitbeinig und bräsig auf seinem Stuhl sitzt und so wichtigtuerisch wie distanzlos Neuigkeiten verkauft, die jeder schon kennt. Oder von Wildfremden erzählt, als würde man sie kennen wie den eigenen Partner, natürlich in Du-Form und eingeleitet mit einem übergriffigen „weschd,...“ (Weißt Du).

Im Sperrfeuer der Halbsätze

Politische Korrektheit ist ihm dabei fremd; Miller gibt sich in seinem Gestammel chauvinistisch, selbstgerecht und bösartig. Mit „Dings“ und „dooo“ und „daa“, garniert, steuert er mit schneidend scharfer Präzision seine Pointen an: Einen Mitschüler habe er regelmäßig verdroschen, sagt er. „Er wusste nicht warum“: erster Lacher. „Ich auch nicht“ – zweite Stufe. „Aber mir war‘s egal“ – brillanter, tiefschwarzer Humor ist das. Weiterlesen: Helge Schneider, ein Meister des Unsinns

So schreddert er Miller große und kleine Katastrophen im Sperrfeuer seiner Halbsätze; selbst zwei Weltkriege implodieren zum Fußballergebnis. Die Kalauerasche wertet er mit seinem keckernden Lachen zur mitreißenden Pointe auf, und mit all dem bereitet Rolf Miller großes Vergnügen. Im neuen Programm kündigt er Viertelsätze an – gerne, wenn sie so präzise im Nichts enden wie seine Halbsätze. Alles andere ist primär.