Population wächst stark Bitte nicht füttern! Werden Nutrias in Osnabrück zur Plage?

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Osnabrück. Nutrias breiten sich auch in Osnabrück rasant aus. Die Tiere unterhöhlen Böschungen von Hase, Nette und Düte. Während manche Spaziergänger die Wildtiere füttern und streicheln, wollen Jäger ihnen verstärkt an den Kragen.

Tatort Nettetal. Wer einen Spaziergang durchs Feuchtbiotop hinter dem Nettebad macht, entdeckt die aus Südamerika stammenden Nutrias, die durchs Dickicht klettern, wie Biber durchs Wasser gleiten oder sich von Spaziergängern klein geschnittene Möhren anreichen lassen. Renate Grünebaum steht an der Nette und ruft: „Blondie, komm!“ Eine Biberratte wackelt auf sie zu. Die beiden scheinen sich zu kennen. „Sie ist so drollig“, findet sie und streichelt dem pelzigen Tier mit gelben Fangzähnen über den Kopf. Eine alltägliche Szene an der Nette. Eine, die Jägern wie Naturschützern überhaupt nicht gefällt.

Säckeweise Futter ausgekippt

„Es ist ausdrücklich verboten, wilde Tiere zu füttern“, betont der städtische Jagdaufseher Reinhold Rethschulte, der sich um Wildtiere in den befriedeten Bezirken der Stadt kümmert und im Nettetal schon 20 Nutrias gezählt hat. Wer sie füttert, könne nicht nur den Biberratten schaden, sondern mit Essensresten Ratten anlocken. An zwei Regenrückhaltebecken im Stadtgebiet sei säckeweise Futter ausgekippt worden, ergänzt Ordnungsamtsleiter Jürgen Wiethäuper die „falsche Fürsorge“. Schilder, die das Entenfüttern verbieten, hat das Amt längst platziert. Solche für Nutrias gibt es nicht. Auch der Nabu-Vorsitzende Andreas Peters lehnt das Füttern entschieden ab: „Es handelt sich um Wildtiere und das sollten sie auch bleiben.“

Nutria auf dem Förderband

Nutrias werden schnell zutraulich, aber ebenso schnell fordernd, wenn keine Möhre gereicht wird. Immer häufiger wird Rethschulte in Osnabrück zum Nutria-Einsatz gerufen. Eltern mit Kleinkind fühlten sich an einem Regenrückhaltebecken in der Dodesheide von einer bettelnden Biberratte bedroht. Zwar seien die Nagetiere in der Regel friedlich, aber: „Ich habe schon erlebt, wie eine verletzte Nutria einem Hund den Vorderlauf abgebissen hat“, erzählt er. „Samt Knochen.“ Je zutraulicher die Tiere werden, desto häufiger trifft man Irrläufer: Eine kranke Nutria habe sich an den Haarmannsbrunnen verirrt, eine andere steppte durch die Werkhalle von VW.

Population wächst rasant

Nutrias gelten in Deutschland als etabliert, sind aus der heimischen Fauna nicht mehr wegzudenken, sagt der Nabu. „Nutrias können zur Plage werden“, warnt Kreisjägermeister Jürgen Lambrecht. Ob an Flüssen oder Teichen, in Hellern oder Sutthausen – überall in Gewässernähe tauchen sie auf. Zuletzt haben sie sich extrem vermehrt. Das belegen nicht nur stichprobenartige Zählungen des Aufsehers, sondern auch die Jagdberichte: 2016/17 wurden in den Revieren der Stadt Osnabrück 79 Nutrias getötet, im Jagdjahr 2017/18 waren es 130 Tiere. Landesweit verdoppelte sich die Zahl der erlegten Nutrias zuletzt. Indizien für eine Invasion, die Jäger beunruhigt.

Biberratte sorgt für Schäden

Denn die Tiere kennen nicht nur die Schmusenummer an Land: Nutrias wühlen. Sie graben sich durch Böschungen, fressen sich durch Mais- und Getreidefelder, lassen in den Niederlanden Deiche absacken. In erster Linie richten sie wirtschaftliche Schäden an, sagt der Nabu, räumt aber ein, dass Nutrias Uferröhrichte und die in ihnen beheimateten Arten schädigen. Mit Landschaftsschäden an Flüssen durch die Biberratte hat Ulrich Schierhold, Geschäftsführer vom Unterhaltungsverband Hase-Bever, regelmäßig zu tun. Stärker als Osnabrück seien Gewässerufer im Südkreis betroffen. „Wir sind nicht eingerichtet auf diese Tiere“, erklärt Schierhold. „Was momentan passiert, liegt im ökologischen Grenzbereich.“

Der Klassiker: Die Lebendfalle

In Niedersachsen soll künftig ein Nutria-Erlass, abgestimmt zwischen Landwirtschafts- und Umweltministerium, die Bekämpfung der Nagetiere regeln. Generell gilt: Nutrias dürfen in unserem Bundesland gejagt werden. Die Tiere werden in der Regel mit Lebendfallen gefangen und anschließend getötet. Auch eine Option für die befriedeten Bezirke der Stadt Osnabrück, wo die Jagd normalerweise ruht? „Wir müssen der Population irgendwie Einhalt gebieten“, findet Rethschulte, der dringenden Handlungsbedarf sieht. Der Nabu hingegen bezweifelt, dass eine reguläre Bejagung die Ausbreitung oder die bisher erreichte Populationsdichte verringern kann.

Schwanz-Prämie für erlegte Nutrias

Fest steht: Niemand hat jahrzehntelange Erfahrung mit Nutrias in Masse. „Wir müssen die Entwicklung sehr genau beobachten“, sagt Ordnungsamtsleiter Wiethäuper. Natürliche Feinde kämen kaum infrage, niemand wisse, welche Langfristfolgen für die Natur ihre Ausbreitung bedeute. Wie groß das Nutria-Problem sei, könne quantitativ noch nicht gefasst werden, so Wiethäuper. Der Unterhaltungsverband Hase-Bever hat mit den Jägerschaften in Stadt und Landkreis Osnabrück bereits eine Abmachung getroffen: Erstmals zahlt der Verband im Jagdjahr 2017/2018 eine Schwanz-Prämie für Nutrias – für jede erlegte Biberratte gibt es vom Verband sechs Euro.


Die Nutria (Myocastor coypus), auch Biberratte oder Sumpfbiber genannt, stammt aus Südamerika und ist vor rund hundert Jahren nach Deutschland geholt worden – wegen ihres Pelzes. Sie hat sich vor allem wegen der milden Winter extrem ausgebreitet. Die EU hat sie auf die Liste der invasiven Arten gesetzt. Der Pflanzenfresser lebt in Wassernähe, in Erdhöhlen im Uferbereich oder in Schilfnestern. Nutrias werden bis zu 15 Kilo schwer und 70 Zentimeter lang. Dreimal im Jahr können sie sechs bis acht Junge werfen, die nach fünf Monaten geschlechtsreif sind. Nutrias kann man essen. In den Niederlanden wandern sie als Wasserkaninchen auf die Speisekarte. Wer sie verzehren will, muss mit den erlegten Tieren vorab zum Veterinäramt – wegen der Trichinenbelastung.

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