Meister der Reduktion Kabarettist Rolf Miller kann über Humor nicht lustig sprechen

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So selbstgefällig, dass es wehtut: Das ist Rolf Miller auf der Kabarettbühne. Foto: imago stock&people / Andreas WeihsSo selbstgefällig, dass es wehtut: Das ist Rolf Miller auf der Kabarettbühne. Foto: imago stock&people / Andreas Weihs

Osnabrück. Ein Stuhl, ein Mikro, eine Flasche Wasser: Mit diesen Accessoires bestreitet Kabarettist Rolf Miller seine Programme. Im Interview erzählt er, wie er die Figur gefunden hat.

Herr Miller, manche Kabarettisten geben gar keine Interviews, andere nur als Bühnenfigur. Mit wem spreche ich jetzt, mit dem Privatmann Rolf Miller oder mit der Bühnenfigur?

Mit der Figur.

Im Videokanal ihrer Homepage stehen Clips, die sie im Auto drehen – im Privatwagen? Wo verläuft die Grenze zwischen zum Privatmenschen?

Das ist schon ein Dienstwagen, in dem der Privatmann die Kunstfigur zum Auftritt fährt. Diese Figur spricht auch in den Clips. Ich glaube nicht, dass da etwas Privates von mir drin ist. Aber ich habe eine Gegenfrage: Welche Kabarettisten geben denn keine Interviews?

Von Hagen Rether zum Beispiel hört man das.

Da hat er auch recht. Und so wie Rether keine Interviews gibt, gehe ich nicht in Talkshows. Schon allein aus dem Grund, weil ich nicht einmal eingeladen werde.

Es gibt ein langes Interview auf BR Alpha. Das ist doch auch ein Talkformat?

Das kennen alle, weil es das Einzige ist. Das ist das einzige Mal, dass ich befragt worden bin. Ansonsten werde ich oft schon nach Vorgesprächen ausgeladen, weil ich nicht lustig genug bin. Barbara Schöneberger war richtig enttäuscht, als ich sagte, ich sei kein Spaßfaktor. Ich kann eben über Humor nicht lustig sprechen. Ich kann ihn nur als Figur lustig machen. Ich kann und will auch nicht in der Figur improvisieren. Das ist der Unterschied etwa zwischen Gerhard Polt und Olaf Schubert: Polt improvisiert auch nicht.

Das heißt, die kleinen Clips sind richtig einstudiert und dann aufgenommen?

Ja. Das sind Schnellschüsse, um Dinge auszuprobieren. Und die haben schon auch Privatcharakter, weil man sieht, dass es keine Bühne ist. Aber man merkt, dass ich nicht so spreche, wie ich privat spreche. Ich spreche jetzt ja auch ganz anders, als später in der Figur.

Wie haben Sie denn ihre Figur kennengelernt?

Das war eine Homevideo-Figur, damals, als Homevideo überhaupt erst aufkam. Als das mit der VHS-Kamera losging, habe ich eine Figur entwickelt, die das gemacht hat und immer grandios gescheitert ist. Die wollte das Weihnachtsvideo zeigen, hat das aber nicht auf dem Band gefunden. Mit dieser Nummer habe ich die Figur erstmals live gespielt. Man hat die Garage gesehen und ihn, wie er sein Holz gemacht hat. Er hat seinen Ster Holz abgefilmt und sagt dann, „das war toll“. Das war schon sehr reduziert, mit vielen Pausen und Halbsätzen. Anfang der Neunzigerjahre war das, aber das erste Programm, in dem nur diese Figur zu sehen war, habe ich erst ab 1998 gespielt. Vorher hatte ich viele Rollen gespielt, mit Stimmimitation und so gearbeitet.

Ihre Figur kennt man aus dem Wirtshaus: diese Dampfplauderer, die sich in ihren vielen Gedanken verhaspeln und deren Sätze im Leeren enden. Hat Ihre Figur reale Vorbilder?

Ich glaube, wir wachsen alle mit solchen Leuten auf. Das muss keiner sein, der im Gasthaus sitzt, das kann derjenige sein, der sie im Baumarkt berät, oder der Autoverkäufer, der vielleicht Stammtische hasst, aber genauso redet. Außerdem sprechen wir ja selbst in Halbsätzen oder vertauschen Sprichwörter. Die Häufigkeit macht es halt aus. Aber ich bin im Fußballverein aufgewachsen... Die Figur ist eine Mischung aus Fußballkollegen von damals und der eigenen Verwandtschaft. Und von mir selbst! Ich nehme mich da gar nicht aus.

Wann haben Sie sich entschieden, die Karriere in der Verwaltung zu beenden und auf die Kabarettbühne zu wechseln?

Während des Studiums der Verwaltungswissenschaft - wo man ja so ein halber Jurist wird - konnte ich es mir leisten, Auftritte auszuprobieren. Ich konnte Programme schreiben und auftreten. Für mich war klar, dass ich niemals in eine Verwaltung eintreten würde. 1991 habe ich das Studium abgeschlossen, anschließend drei Jahre gejobbt. Ich war zwar in Jura, in Literaturwissenschaft und Philosophie eingeschrieben, habe aber tatsächlich nur gejobbt und versucht, Kabarettprogramme aufzuführen.

Gab es Vorbilder für Sie?

Ja, schon. Gerhard Polt war immer das größte Vorbild. Aber als ich begonnen habe, habe ich eher versucht mich an Harald Schmidt oder Matthias Richling zu orientieren. Gerhard Polt, Olli Dittrich, Rüdiger Hoffmann: Die typischen Figurenspieler - das liegt mir mehr als das klassische Stand-Up. Nur habe ich das nicht gemerkt. Wir wollten alle ein zweiter Harald Schmidt werden, weil der eine Revolution war.

Weil er das Stand-Up-Format aus Amerika nach Deutschland importiert hat?

Ja. Das für uns etwas ganz Neues, so wie das heute für junge Leute Joko und Klaas waren. Harald Schmidt hat nichts ernst genommen, nicht einmal die Satire. Im Vergleich zu Dieter Hildebrand war Harald Schmidt der totale Anarchist. Das wollten wir auch machen. Ich musste erst lernen, dass mein Feld eine Figur ist, die man aus dem echten Leben rauskopiert und auf die Bühne stellt. Ich habe mir eingestehen müssen, dass ich lieber eine Figur spiele, die überhaupt nicht errät, was sie produziert. Als ich Mitte der 90er Olaf Schubert begegnet bin –wir hatten die gleiche Philosophie, sind in den gleichen gemischten Shows aufgetreten –, da ist das Selbstbewusstsein gekommen, zu sagen, ich mache jetzt mein Ding, scheiß drauf, was die anderen machen.

Wie schwierig ist es, auf der Bühne zu sitzen und nichts zu sagen?

Am Anfang habe ich die Figur im Stehen gespielt, weil ich die Kamera gehalten habe. Da war es schwer, die Pausen auszuhalten, den Moment, wo die Figur nichts sagt. Dann habe ich gemerkt, dass die Figur, wenn sie nicht nervös herumläuft, mehr Bühnenpräsenz hat. Wenn sie sitzt, tut sie noch mehr weh, ist sie noch peinlicher. Das Sitzen unterstreicht die in Beton gemeißelte Selbstgefälligkeit. Das ist besser in einer Trägheit darzustellen, als in der Nervosität. Ich habe das ausprobiert und gemerkt: Je weniger die Figur tut, desto größer wird die Wirkung. Im Nachhinein sieht das aus, als wäre es wahnsinnig mutig. Aber der Mut besteht eher darin, generell Sprechpausen auszuhalten.

Wie sieht so eine Pause für Sie aus: Zählen sie da im Kopf, oder ergibt sich die Pause automatisch?

Das ist wie eine Melodie: Eine Pause ist auch ein Ton. An Tagen, wo es gut läuft, hat das einen guten Groove, einen guten Flow, und dann ist es eher so, als würden Sie ein Lied spielen und nicht, als würden Sie einen Text aufsagen. An schlechten Tagen sagen Sie einen Text auf, und wenn Sie Profi sind, merkt das keiner. Aber an einem guten Tag habe ich auch selber Spaß und denke in der Pause, ich wäre gerade fünf Minuten draußen gewesen, dabei waren es fünfzig. Tatsächlich habe ich das Gefühl, je älter ich werde, desto mehr Spaß macht mir das. Zwei Wochen ohne Auftritt halte ich fast nicht mehr aus. Ich brauche dann wenigstens einen oder zwei Auftritte. Das ist der Lohn der positiven Routine, die ich mir in den vergangen 25 Jahren auf der Bühne angeeignet habe.

Tritt nicht manchmal auch eine negative Routine ein?

Kann mal passieren. Aber das Programm vorher habe ich vier Jahre und sechs Monate gespielt; beim aktuellen werden es nur drei Jahre und acht Monate. Gefühlt ist das ein Jahr weniger, und trotzdem habe ich bei diesem Programm viel mehr verändert, als beim vorhergehenden. Das war, glaube ich, der Schlüssel: dass ich die letzten zwei Jahre ständig daran gearbeitet habe. Ich bringe viel mehr aktuelle Sachen rein, als früher. Trump, Erdogan: Wenn solche Dinge passieren, muss man einfach das Programm ändern.

Verstehen Sie sich als politischer Kabarettist?

Zu zwanzig Prozent, ja. Aber zu zwanzig Prozent auch als Fußballkabarettist. Aber in der Hauptsache geht es mir um die zwischenmenschlichen Tragödien: Achim, Jürgen, ich. Wobei ich mir schon vorstellen könnte, ein Programm ohne die beiden anderen zu machen. Denn ich bin nicht so abhängig von Inhalten: Die Figur ist das Grauen, nicht so sehr, was passiert. Wenn das noch zusammenprallt, habe ich zwei Katastrophen auf einen Schlag.

Werden Achim und Jürgen also arbeitslos?

Keine Ahnung. Ich sammele immer sehr viele Wortfetzen, Versprecher und Ideen und baue anschließend die Geschichten. Im Oktober startet das neue Programm mit der ersten Vorpremiere, und so ab August, September weiß ich selbst, wie es wird; ich bin selbst gespannt. So ganz ohne Achim und Jürgen kann ich mir das nicht vorstellen, aber es könnte sein, dass es weniger wird, dass die beiden erst im zweiten Teil auftauchen.

Könnten Sie sich ihre Kabarettfigur auf der Kinoleinwand vorstellen?

Ehrlich gesagt: Nicht so gut. Wir kennen ja von Polt „Kehraus“ und „Man spricht deutsch“, das wäre vielleicht die Richtung... Sagen wir so: Es hängt vom Drehbuch ab, und da würde ich dann jemanden wie Ralf Husmann (Stromberg-Produzent, die Red.), hinzuziehen wollen, also einen Autor, der wahnsinnige Erfahrung hat. Dann könnte ich mir das vorstellen.


Rolf Miller: „Alles andere ist primär“. Samstag, 24. März, 20 Uhr, Haus der Jugend. Tickets: hier klicken.

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