Adoptionen in der Region Osnabrück „Wir suchen Eltern für Kinder und keine Kinder für Eltern“

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Bei den klassischen Fremdadoptionen sind es fast zu 100 Prozent Säuglinge, die aus der Geburtsklinik heraus abgegeben werden. Foto: Colourbox.deBei den klassischen Fremdadoptionen sind es fast zu 100 Prozent Säuglinge, die aus der Geburtsklinik heraus abgegeben werden. Foto: Colourbox.de

Osnabrück. Seit über 20 Jahren vermittelt Ulrike Ortmann beim Landkreis Osnabrück zusammen mit einer Kollegin Kinder an Adoptiveltern. Im Interview erzählt sie von den Gründen, warum Mütter ihre Kinder abgeben – und den Hürden, die bewerbende Adoptiveltern auf sich nehmen müssen.

Seit über 20 Jahren vermittelt Ulrike Ortmann beim Landkreis Osnabrück zusammen mit einer Kollegin Kinder an Adoptiveltern. Hier erklärt die Fachbereichsleiterin des Adoptions- und Pflegekinderdienstes die Voraussetzungen, um in und um Osnabrück herum ein Kind zu adoptieren.

Frau Ortmann, wenn ich in Osnabrück oder im Landkreis Osnabrück ein Kind adoptieren möchte, müsste ich mich an Sie wenden?

Für Stadt und Landkreis Osnabrück sind das die Adoptionsvermittlungsstellen der Stadt Osnabrück, des Sozialdienstes katholischer Frauen und des Landkreises Osnabrück. Grundsätzlich dürfen alle anerkannten Vermittlungsstellen in Deutschland Adoptivkinder an überprüfte Bewerber in der ganzen Republik vermitteln.

Und wenn ich ein Kind aus dem Ausland adoptieren will?

Für Auslandsadoptionen gibt es anerkannte Vermittlungsstellen, die eine Gestattung für bestimmte Länder haben. Wir führen keine Auslandsadoptionen durch, da wir das Spezialwissen über die Herkunftsländer der Kinder nicht vorhalten können. Eine Gestattung haben wir aus diesem Grunde nicht beantragt.

Wer darf denn ein Kind adoptieren? Gibt es da Begrenzungen?

Wir bereiten nur Adoptivbewerber, die ihren Wohnsitz im Landkreis Osnabrück haben, auf die Aufnahme eines Adoptivkindes vor. Der Vorteil ist, dass wir diese Bewerber sehr gut kennenlernen konnten und die passgenaue Vermittlung eines Kindes gut gelingt. Auf Grund der für uns guten Bewerberlage aus dem Landkreis, müssen wir auswärtige Adoptionswillige leider ablehnen.

Außer dem Wohnsitz müssen die Bewerber noch andere Voraussetzungen mitbringen, oder?

Bei Ehepaaradoptionen – das gilt auch für gleichgeschlechtliche Ehen – ist das Mindestalter eines Partners 25 Jahre, der andere muss mindestens 21 Jahre alt sein. Bei eingetragenen Lebenspartnerschaften kann nur einer adoptieren. Im Rahmen einer Stiefkindadoption ist die Adoption auch für den anderen Partner möglich.

Darf man älter als 40 Jahre sein?

40 ist keine offizielle Grenze, sondern eher ein Richtwert. Wir vermitteln Säuglinge an Paare, die plus/minus 40 Jahre sind. Entscheidend ist die Überlegung, dass auch in Bezug auf das Alter der Beteiligten ein natürliches Eltern-Kind-Verhältnis angelegt werden soll.

Sein erweitertes Führungszeugnis muss man ebenfalls abgeben …

Ja, es muss ausgeschlossen sein, dass es schon Verurteilungen gegeben hat, die in Zusammenhang mit Straftaten an Kindern standen. Dies wäre von vornherein ein Ausschlusskriterium. Zudem braucht es ein Gesundheitszeugnis beziehungsweise ein ärztliches Attest, woraus hervorgeht, dass die Bewerber frei von Suchterkrankungen und psychisch und physisch in der Lage sind, ein Kind zu betreuen und zu erziehen.

Hat man mit einem höheren Einkommen bessere Chancen auf ein Kind?

Nein. Das Einkommen muss dazu angetan sein, dass man eine Familie ernähren kann und nicht auf staatliche Unterstützung angewiesen ist. Es werden allerdings nicht die Paare bevorzugt, die ein besonders hohes Einkommen vorzuweisen haben. Das ist eher nachrangig. Wirklich wichtig ist, dass die Bewerber in der Lage sind, ein fremdes Kind mit all seinen Facetten anzunehmen.

Wie finden Sie das raus?

In mehreren Informationsgesprächen versuchen wir, zunächst die dringlichsten Fragen der Adoptivbewerber zu beantworten. Erste Ängste und Unsicherheiten können im Vorfeld häufig gemildert werden. Danach entscheiden sich die Paare, ob sie an einem Vorbereitungsseminar teilnehmen möchten. Die Teilnahme ist verpflichtend, um anschließend als geeignete Bewerber bei uns geführt zu werden.

Worüber wird gesprochen?

Über rechtliche Aspekte einer Adoption, aber auch um mögliche Problematiken, die die Kinder mitbringen könnten. Denn über eins muss man sich im Klaren sein: Alle Kinder, die zur Adoption freigegeben werden, sind irgendwie belastet und brauchen Adoptiveltern, die in der Lage sind, damit umzugehen.

Für Adoptiveltern sind die Kinder aber doch absolute Wunschkinder …

Auf jeden Fall sind es Wunschkinder. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite sind es aber keine leiblichen Kinder, und das ist ein sehr großer Unterschied. Dieser Aspekt ist häufig schwierig für Adoptiveltern oder Bewerber nachzuvollziehen. Doch im Grunde sind die Adoptiveltern mit dem Kind in keinerlei Weise verwandt. Es ist ein fremdes Kind. Außerdem ist es so, dass diese Adoptivkinder einige Adoptiveltern alleine durch die Anwesenheit immer wieder daran erinnern, dass sie ungewollt kinderlos waren oder sind. Auch damit müssen die Bewerber klarkommen.

Sie kümmern sich aber nicht nur um die möglichen Eltern, sondern auch um die Abgebenden, richtig?

Bei uns geht es in erster Linie darum, Mütter oder Eltern, die sich entschieden haben, ihr Kind zur Adoption freizugeben, zu beraten. Das steht zu Anfang einer jeden möglichen Adoption und ist sehr wichtig, weil die Frauen – ich sage Frauen, weil es meistens nur Frauen sind –, diesen Schritt der Adoption erst dann machen sollen, wenn sie sich über die Konsequenzen im Klaren sind.

Weil es eine endgültige Entscheidung ist?

Genau. Es ist ein endgültiger Schritt, der im Laufe des Lebens verarbeitet werden muss. Das ist in der aktuellen Situation häufig sehr schwer. Ich versuche daher immer, mit den Frauen mehrere Gespräche zu führen.

Klappt das?

Viele Frauen sind in einer Krisensituation und möchten alles einfach nur schnell abwickeln. Nach dem Motto: Erst mal Kind weg, und dann wird alles wieder gut. Aber häufig gelingt es mir doch, die Punkte anzusprechen, die nach der Abgabe des Kindes diese Mütter unter Umständen ihr ganzes Leben beschäftigen werden. Eines ist wichtig: Wir versuchen nicht, die Mütter in solchen Situationen zur Abgabe des Kindes zu überreden. Sie sollen diese Entscheidung ganz bewusst treffen.

Ulrike Ortmann vermittelt seit über 20 Jahren Kinder an Adoptiveltern. Foto: Jörn Martens

Was sind das für Mütter?

Überwiegend junge Frauen, auch durchaus unter 18 Jahren. Aber es gibt auch 40-Jährige, die bereits drei oder vier Kinder haben, und sich dann nicht mehr zutrauen, noch ein weiteres Kind großzuziehen. Doch unabhängig von Alter oder Lebensumständen: Ich bearbeite diesen Bereich seit über 20 Jahren und habe in keinem Fall erlebt, dass eine Frau sich ihre Entscheidung leicht gemacht hat.

Es ist ja auch eine harte Entscheidung ...

Ja, und in vielen Fällen zeugt dieser Schritt daher von einer hohen Verantwortung für das Kind, weil die Einsicht vorherrscht, es selber nicht schaffen zu können.

Wie alt sind die Kinder, die zur Adoption freigegeben werden?

Bei den klassischen Fremdadoptionen sind es fast zu 100 Prozent Säuglinge, die aus der Geburtsklinik heraus abgegeben werden. Adoptionen im höheren Alter kommen meist zustande, wenn die Kinder schon in Pflegefamilien gelebt haben und sich im Laufe der Betreuung die leiblichen Eltern entscheiden, dass die Pflegeeltern das Kind zu seinem Wohle adoptieren können.

Nun entscheidet sich eine Mutter für die Abgabe. Wie geht es weiter?

Aus unserem großen Pool an überprüften Adoptivbewerbern suchen wir die geeigneten Eltern für das Kind. Die Mutter kann auch äußern, was sie sich für ihr Kind wünscht. Da wir viele Bewerber haben, können wir diese Vorstellungen berücksichtigen.

Lernen die Adoptiveltern die biologischen Eltern kennen?

Nur, wenn die abgebenden Mütter das möchten. Bei uns ist das bei etwa 50 Prozent der Fälle so. Meiner Erfahrung nach war das für die beteiligten Parteien letzten Endes sehr entlastend: Die Adoptiveltern erhalten eine Vorstellung von der Mutter, die sie später dem Kind vermitteln können. Und die Mutter sah, wer sich um ihr Kind kümmern wird. Nichtsdestotrotz sind es natürlich sehr emotionale Treffen.

Wie geht es weiter, wenn die Mutter der Adoption zustimmt?

Eine Adoptionsfreigabe kann frühestens acht Wochen nach der Geburt erfolgen. Das hat den Grund, dass es häufig nach der Geburt hormonelle Schwankungen geben kann, die die Entscheidung vielleicht in die eine oder andere Richtung beeinflussen könnten. Nach der Freigabe beginnt für die Adoptiveltern eine sogenannte Adoptionspflegezeit. In dieser Zeit bekommt das Kind einen Vormund, bis die Adoption dann nach ungefähr einem Jahr ausgesprochen wird.

Werden die Adoptionseltern in diesem Abschnitt vom Jugendamt betreut?

Ja, denn die Adoptionspflegezeit soll noch mal dazu dienen, zu gucken, ob das Kind in dieser Familie gut aufgehoben ist, Bindung aufgenommen hat und die Adoptiveltern wirklich geeignet sind.

„Wir suchen Eltern für Kinder und keine Kinder für Eltern“ – diesen Satz habe ich auf der Homepage der Adoptionsseite gelesen ...

Ich kann gar nicht aufhören, das immer wieder zu betonen. Natürlich haben Adoptiveltern aus ihrer Situation heraus eine ganz andere Erwartung. Überspitzt formuliert die, dass ich den Schrank aufmache und ihnen ein Kind übergebe. Aber es gibt hier beim Landkreis Osnabrück nur sehr wenige Säuglinge, die zur Adoption freigegeben werden.

Wie viele denn?

Im Schnitt ein bis zwei Säuglinge im Jahr.

Wie viele Bewerber für diese Kinder gibt es?

Wir hatten im letzten Jahr 18 Bewerberpaare.

Und wie viele von diesen 18 Bewerberpaaren waren am Ende Eltern?

Diese 18 Paare sind Bewerber aus dem letzten Jahr und haben alle noch kein Kind bekommen. Wenn man sich bewirbt, sollte man mit einer Wartezeit von fünf bis sechs Jahren rechnen. Es kann manchmal schneller gehen, wenn die Umstände so sind, dass alles zusammenpasst. Wenn also die abgebenden Mütter ganz bestimmte Vorstellungen haben, und wir Bewerber haben, die diese mitbringen. Aber das ist bei der geringen Anzahl von Adoptivkindern natürlich nicht die Regel.

Können Sie sagen, wie viele Kinder Sie im Laufe ihrer über 20-jährigen Tätigkeit vermittelt haben?

16 Kinder.

Viele der Bewerber warteten also vergeblich.

Ja. Wenn sich Bewerber zur Adoption eines Kindes entschlossen haben, durchlaufen sie anschließend einen langen Prozess mit Höhen und Tiefen, möglicherweise ohne das gewünschte Ergebnis, ein Adoptivkind aufnehmen zu können. Wichtig ist dann dem Leben eine andere positive Wende zu geben, vielleicht auch über andere Möglichkeiten des Zusammenlebens mit Kindern nach zudenken.


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