Wenig Chancen auf dem freien Markt Vater aus Hagen sucht eine WG für seinen autistischen Sohn

Von Cornelia Achenbach

Udo Benninghoff (rechts) sucht für einen Sohn Alexander eine geeignete Wohnung. Doch auf dem freien Wohnungsmarkt ist es schwer für Menschen mit Behinderung. Foto: Swaantje HehmannUdo Benninghoff (rechts) sucht für einen Sohn Alexander eine geeignete Wohnung. Doch auf dem freien Wohnungsmarkt ist es schwer für Menschen mit Behinderung. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück/Hagen. Zeit seines Lebens hat Udo Benninghoff für seinen behinderten Sohn Alexander gesorgt. Dieser ist mittlerweile 28 Jahre alt – und der Hagener fragt sich, was aus seinem Sohn werden soll, wenn er einmal stirbt.

Udo Benninghoff und seine Frau Theresia befinden sich derzeit in einer Zwickmühle. „Gerne würde ich mein Kind in ein selbstbestimmtes Leben entlassen“, sagt Udo Benninghoff. Nur: „Das Kind tut sich schwer damit.“

Seit zwei Jahren versuchen sie, Alexander auf das Leben in einer eigenen Wohnung vorzubereiten. „Wir haben ständig ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, ihn abzuschieben“, sagt Theresia Benninghoff. Aber das wollen sie natürlich nicht – vielmehr geht es darum, Alexander beim Abnabelungsprozess zu begleiten – „solange wir es noch können“, sagt sein Vater.

Wenig Chancen auf dem freien Wohnungsmarkt

Bereits 14 Tage nach seiner Geburt wurde bei Alexander eine Bewegungsstörung ausgemacht. Hinzu kamen Wahrnehmungsprobleme und ein Teilautismus. „Er kann nur in ganz geordneten Strukturen leben“, sagt sein Vater. Mit zweieinhalb Jahren kam Alexander in einen heilpädagogischen Kindergarten in Bad Laer, anschließend besuchte er die Anne-Frank-Schule in Osnabrück. Zunächst arbeitete er in den Werkstätten in Sutthausen, die zur Heilpädagogischen Hilfe in Osnabrück (HHO) gehören, anschließend in Hilter. Dort kooperiert die HHO mit der Firma Apotal. Seit fünf Jahren ist Alexander Angestellter der Versandapotheke. Jeden Morgen steigt Alexander in Hagen in den Bus und fährt rund zwei Stunden zu seiner Arbeitsstelle, berichtet sein Vater.

Alexander erhält also ein festes Gehalt, bezieht zudem die Grundsicherung und ist damit finanziell abgesichert. Um den Pflegeaufwand kümmert sich seit rund anderthalb Jahren eine ambulante Assistenz von der HHO. (Weiterlesen: Studenten und Behinderte unter einem Dach – wie klappt das?)

Dennoch ist es nicht leicht, eine passende Wohnung für Alexander zu finden. Alleine wohnen sollte sein Sohn nicht, findet Udo Benninghoff: „Das geht nicht, er sollte nicht allein sein, da verliert er sich und spielt am Ende den ganzen Tag Playstation.“ Auch Alexander sagt: „Ich brauche soziale Kontakte.“

Eine Wohngemeinschaft soll es also sein, mit Menschen mit oder ohne Behinderung, das spielt keine Rolle. Es muss halt passen. Und: Die Wohnung sollte möglichst im Südkreis liegen. Denn hier kennt sich Alexander aus.

Facebook-Gruppe gegründet

Auf dem freien Wohnungsmarkt sah Udo Benninghoff keine geeignete Wohnung, eine geschaltete Anzeige blieb ohne Wirkung. „Wir standen relativ doof da mit unseren Fragen“, sagt er. Schließlich gründete er eine Facebook-Gruppe: „WG-Suche ‚Miteinander für erwachsene Behinderte‘ in OS Stadt und Landkreis“. Die Gruppe hat mittlerweile 39 Mitglieder und hat sich zweimal zu einem Stammtisch getroffen.

Stammtisch für betroffene Angehörige

Zu dem Stammtisch kamen nicht nur andere betroffene Eltern, sondern auch die Caritas, die auf den Aufruf in dem sozialen Netzwerk aufmerksam geworden war. Volker Vößing leitet den Bereich „Ambulantes Betreutes Wohnen“ der Caritas in Osnabrück – eine Stelle, die erst vor wenigen Monaten geschaffen wurde. Denn neben dem klassischen Pflegeheim wünschen sich immer mehr Menschen mit Behinderung, möglichst selbstbestimmt zu wohnen.

So gibt es in einem Reihenhaus am Lönsweg in direkter Umgebung des St.-Maria-Elisabeth-Hauses in Bad Laer vier Wohngruppen mit jeweils sechs Plätzen. Drei Wohngruppen sind als Teil der Einrichtung für Menschen mit Behinderung ganz normal belegt, eine vierte Wohngruppe soll demnächst als ambulant betreutes Wohnen eröffnet werden.

„Wir haben mehr Anfragen als Plätze“, sagt Volker Vößing, aber das müsse man differenziert betrachten. Die künftigen Bewohner lernten sich ja vorab kennen, und vielleicht stelle dann der eine oder andere fest, dass eine Wohngemeinschaft doch nicht für ihn in Frage komme.

Bezahlbarer Wohnraum ist knapp

Eine Erfahrung, die auch die Mitarbeiter der Heilpädagogischen Hilfe gemacht haben. „Seit vielen Jahren begleiten wir Angehörige und Menschen mit Behinderung in selbstbestimmten WGs“, sagt Margret Gödecker vom Bereich Ambulante Assistenz/Wohnprojekte der HHO. Neben dem Wir-Quartier in Osnabrück, in dem Studenten und Menschen mit Behinderung unter einem Dach leben, gebe es viele Wohnprojekte in Stadt und Landkreis Osnabrück, die ganz unterschiedlich gestaltet seien.

Da Margret Gödecker selbst Mutter eines autistischen Kindes ist, kennt sie die besondere Herausforderung, die psychische oder geistige Behinderungen im Zusammenleben mit anderen Menschen mit sich bringen. Sie erinnert sich an eine Dreier-WG, die mittlerweile nur noch eine Zweier-WG ist – ein Mitbewohner sei ausgezogen, aber in eine Wohnung in direkter Nachbarschaft. So war er zwar für sich, hatte aber soziale Kontakte in seiner Nähe. „Das sind kreative Lösungen, die wir so erst einmal finden müssen“, sagt Claudia Meyer von der HHO. Diese Idee des „jeder für sich, aber doch nicht allein“ spiegelt sich auch in den Nachbarschaftstreffpunkten wieder, die es in Sutthausen, Haste und Schinkel, aber auch Melle, Bohmte und Bad Rothenfelde gibt. Und auch in Hagen, dem Wohnort der Familie Benninghoff, tut sich etwas.

Neue Wohngruppe in Hagen

Mitten im Ortszentrum sollen zwei Wohngemeinschaften mit je vier Plätzen entstehen. Die Gemeinde Hagen hat das schon länger leer stehende Gebäude der ehemaligen Fleischerei Konersmann an der Jahnstraße erworben. Nach einer umfassenden Sanierung sollen hier zwei Wohngemeinschaften mit je vier Plätzen für Menschen mit Handicap geschaffen werden, teilt die Gemeinde auf Anfrage mit. Im Sommer 2019 soll der Umbau abgeschlossen sein.

Für die Umsetzung ist die Gemeinde an die HHO herangetreten. Für Margret Gödecker eine ungewöhnliche Situation. Sie ist es eher gewohnt, um Wohnraum zu kämpfen. „Viele Vermieter haben Vorbehalte gegenüber Mietern mit Behinderung“, sagt sie. Oft seien diese Grundsicherungsempfänger – können die sich die Miete denn überhaupt leisten? „Bezahlbarer Wohnraum ist knapp“, sagt die HHO-Mitarbeiterin. Dabei steige die Nachfrage nach selbstbestimmten Wohnen, man könne von einem richtigen Boom sprechen, meint Claudia Meyer von der HHO. „Wir müssen einfach immer wieder vorstellig werden, Gespräche mit der Stadt führen und versuchen, Vermieter für uns zu gewinnen“, sagt Margret Gödecker.

„Man muss es zulassen

Nach einem weiteren Gespräch mit Volker Vößing von der Caritas hat sich die Familie Benninghoff nun die geplante WG in Bad Laer angesehen. Alexander müsste sich zwar aus Hagen verabschieden, hätte aber auch nicht mehr seinen langen Arbeitsweg. „Das war ein tolles Gespräch“, sagt Udo Benninghoff. Und Alexander selbst? Ist vorsichtig optimistisch. „Man kann es ja probieren“, sagt er. Und: „Man muss es zulassen.“