Gebrauchtwaren für Bedürftige Osnabrücker Kleiderlager soll Verschenkmarkt werden

Von Sebastian Stricker


Osnabrück. Kaum gerettet, schmiedet das Osnabrücker Kleiderlager große Pläne: Von der Gratisbörse für Garderobe will es sich zum Verschenkmarkt entwickeln, der Bedürftige mit nützlichen Gebrauchtwaren versorgt. Auch im Flüchtlingshaus sind die Ehrenamtlichen nach einigem Streit mit Land und Betreiber bald wieder stärker aktiv.

Nach anderthalb Jahre in der früheren Melanchthonkirche (Kalkhügel) ist das von Raumnot geplagte Osnabrücker Kleiderlager am 8. März ins Landwehrviertel umgezogen – und so einer Schließung nur knapp entgangen. Auf dem einstigen Kasernengelände in Atter stellt die Stadtwerketochter Esos dem Freiwilligenprojekt bis 2020 das zuletzt ungenutzte Unteroffizierskasino zur Verfügung. Spätestens ab Mai soll der Betrieb am neuen Standort rund laufen.

Vorbild Oldenburg

Mehr noch: Beim Sammeln, Sortieren und Verteilen von Kleidern an Bedürftige soll es auf Dauer nicht bleiben. Den federführenden Bürgervereinen Nord-West und Eversburg schwebt vor, das bislang weitgehend auf Textilien und Schuhe beschränkte Kostenlos-Sortiment um weitere Alltagsgegenstände zu ergänzen. Ob Hausrat, Spielzeug, Bücher, Werkzeug oder Technik: „Unser Ziel ist es, aus dem Kleiderlager einen Verschenkmarkt zu machen“, sagt Elisabeth Michel, Vorsitzende des Bürgervereins Nord-West und Kopf des Steuerungsteams. Als Vorbild könne der Verschenkmarkt in Oldenburg dienen.

Jede Menge Vorteile

Um Umwelt und Geldbeutel zu schonen, werden dort auf Betreiben der Lokalen Agenda 21 bereits seit 2002 ausrangierte, aber noch funktionstüchtige Konsumgüter von Ehrenamtlichen zentral gehortet und unentgeltlich weitergegeben – anfangs in einem alten Hallenbad, mittlerweile in einer von der Stadt angemieteten Firmenhalle. Sperriges und Schweres wie Möbel und Waschmaschinen vermittelt der Abfallwirtschaftsbetrieb online. Auf der Internetseite der Stadt Oldenburg heißt es, der Verschenkmarkt erfreue sich eines Zuspruchs, „der kühnste Erwartungen übertrifft“. Personen aller Altersgruppen, Schichten und Kulturen würden sich hier begegnen. Die Einrichtung verknüpfe „auf beispielhafte Art ökologische, soziale und ökonomische Belange“.

Widerstand der Verwaltung

Kleiderlager-Sprecherin Michel sagt, sie hätte das bundesweit beachtete und mehrfach ausgezeichnete Oldenburger Projekt „gerne schon vor Jahren nach Osnabrück geholt“, sei aber in der Stadtverwaltung bislang auf Widerstand gestoßen. Dort werde stets auf die sozialen Kaufhäuser verwiesen. Noch im Februar erklärte Oberbürgermeister Wolfgang Griesert ihr schriftlich: „Die Stadt Osnabrück hat es früh vermieden, Sachspenden zu lagern, zu verwalten oder weiterzugeben. Eine enge Kooperation mit den Wohlfahrtsverbänden ist uns wichtig.“

Konkurrenz für Sozialkaufhäuser?

Aber würde ein Verschenkmarkt den Sozialkaufhäusern wirklich das Wasser abgraben? Am Konrad-Adenauer-Ring 20 gibt es den „Markt für alle“, wo das Deutsche Rote Kreuz gut erhaltene Kleidung und andere Sachspenden zu günstigen Preisen verkauft. Und die gemeinnützige Möwe GmbH – ein seit Jahrzehnten etabliertes Projekt des katholischen Vereins SKM – bietet am Hauswörmannsweg 88 sowie in „Jonathans Laden“ (Johannisstraße 88) ebenfalls ein breites Sortiment an Secondhand-Mode, Gebrauchtwaren und Sonderposten an. (Weiterlesen: Osnabrücker Möwe muss 160.000 Euro Fördermittel zurückzahlen)

Versteckte Armut

„Wir konkurrieren keineswegs mit dem Roten Kreuz und der Möwe“, stellt Michel fest, „unsere Klientel hat gar nicht das Geld, dort einzukaufen.“ Überall in der Stadt, wenngleich oft sehr versteckt, gebe es große Armut. Menschen, deren finanzielle Mittel „fürs tägliche Leben hinten und vorne nicht reichen“ – und die deshalb die Hilfe der Osnabrücker Bürgervereine bräuchten. „Unsere Aufgabe wird es sein, diese Bedürftigen zu finden und auf das Kleiderlager und den Verschenkmarkt hinzuweisen.“

Allerdings blieben auch die Ehrenamtlichen selbst auf Unterstützung durch Dritte angewiesen. Der geplante Ausbau des Angebots hänge von einer möglichst langfristigen Bleibe ab, außerdem von einer stabilen Kassenlage. Das Steuerungsteam werde deshalb auf die Suche nach geeigneten Räumen, Dauersponsoren und Fördermitgliedern gehen, kündigt Michel an.

Einigung mit Flüchtlingshaus

„Sehr konstruktiv“ sei bereits ein Gespräch verlaufen, das am Mittwoch mit dem Osnabrücker Flüchtlingshaus wegen der Ende 2017 aufgelösten Kleiderkammer für Erwachsene geführt worden sei. Diese war seit Jahren vom Kleiderlager bestückt worden. Doch zuletzt sahen die niedersächsische Landesaufnahmebehörde (LAB) und die Diakonie als Betreiberin des Flüchtlingshauses keinen Bedarf mehr.

Nun soll die Ausgabestelle wiedereröffnet werden. „Wir konnten LAB und Diakonie davon überzeugen, ihre Entscheidung rückgängig zu machen“, berichtet Michel. Eine Kooperationsvereinbarung sehe vor, dass der Bürgerverein Nord-West und das Steuerungsteam des Kleiderlagers die Verantwortung für die Kleiderkammer im Flüchtlingshaus übernehmen. Ein „Chaos wie früher“ werde es dann nicht mehr geben.