Selbstversuch mit Degen Muskelkater und blaue Flecken: ein Tag im Fechtkeller

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Osnabrück. Dieser Sport sieht leicht aus, ist aber echte Knochenarbeit. Unser Sportredakteur wollte ausprobieren, wie sich Fechten anfühlt. Ein Besuch im Fechtkeller des Osnabrücker Sportclubs – inklusive Trainingseinheit.

Rein in die Fechtkleidung, rauf auf die Planche, Maske vors Gesicht und auf ins Gefecht. Das schreibt und liest sich recht schnell, braucht aber im wahren Leben seine Zeit. Wer auf Wettkämpfen antreten will, muss vom ersten Training bis zur Turnierreifeprüfung rund ein Jahr einkalkulieren. Erst mit dem Fechtpass geht es ins erste ernste Duell. Für die Zeitung gibt es den Einstieg in den Sport im Schnelldurchgang.

Degen als Verlängerung des Armes

Sergei Rassolko ist ein geduldiger Lehrer. Immer wieder korrigiert er meinen rechten Ellbogen. Der sollte eng am Körper anliegen, schwenkt aber immer wieder aus und bietet damit eine vergrößerte Trefferfläche für den Gegner. Im Idealfall bildet der Degen eine gerade Verlängerung des Arms, der Stoß kommt aus dem Ellbogen, das Handgelenk bleibt stabil. Mit einem lockeren Handgelenk landet die Klinge überall – nur nicht dort, wo man einen Punkt erzielen könnte.

Das lernen Fechter schon von der Pike auf. Zwischen dem achten und zehnten Lebensjahr sei der Einstieg für Kinder üblich, sagt Sportwart Raphaël Walter. Rund zwei Drittel der Mitglieder in der Fechtabteilung des OSC sind 18 Jahre oder jünger. Zwei- bis viermal pro Woche trainieren sie im Fechtkeller an der Hiärm-Grupe-Straße. Die Leistungssportler bekommen Einzellektionen von Fechttrainer Rassolko oder seinem Vorgänger Andreas Ewertowski. Wer in höherem Alter einsteigt, schafft nicht mehr so schnell den Anschluss. „Von fünf Späteinsteigern gehen zwei noch ins Leistungsfechten“, sagt Stefanie Piefke, die Geschäftsführerin der Fechtabteilung.

Ann Jeanine Braband ist die klassische Späteinsteigerin, aber dafür nun „sehr intensiv“ ihrem Sport verfallen. Die Begeisterung fürs Fechten verspürte sie schon als Kind. „Ich saß gebannt vor dem Fernseher, wenn mal Fechten übertragen wurde“, sagt die 38-Jährige. Während des Studiums kam sie über den Hochschulsport zum Fechten. „Dann konnte ich nicht mehr davon lassen“, sagt sie. Zehn Jahre lang ist sie inzwischen auf der Planche. „Man muss es mögen und sich reinhängen, und man darf nicht scheu sein, auf ein Turnier zu gehen und zu gucken, was geht“, lautet ihr Erfolgsrezept. Braband hängt sich rein: Sie führt die niedersächsische Landesliste der Degenfechterinnen über 20 Jahre („Aktive“) an.

Beinarbeit und Kopfsache

Aller Anfang ist teuer. Rund 700 Euro kostet eine neue Rundum-Ausstattung. Vieles lässt sich auch gebraucht erstehen. Wer beim OSC in den Sport schnuppern will, braucht nur eine lange Trainingshose und Hallenschuhe. Die restliche Ausrüstung können sich Einsteiger leihen, wenn sie sich am Degen ausprobieren wollen. Außer beim OSC, der 106 Mitglieder in seiner Abteilung zählt (Stand: 1. Januar 2018), wird in Stadt und Landkreis Osnabrück nur noch beim SV Rasensport gefochten (elf Mitglieder).

Erwachsene Spätstarter wie Braband und alle, die den Sport eher als lockeres Hobby sehen, gehen beim OSC immer donnerstags ab 20 Uhr für zwei Stunden auf die Fechtbahn. Rund zehn Sportler kommen dort regelmäßig zusammen. Ihre Fechterfahrung liegt zwischen einem halben Jahr und einem halben Jahrhundert, aber im Umgang sind alle auf einer Augenhöhe. Sie laufen sich gemeinsam warm und dehnen sich. Und dann steht sie an, die Beinarbeit.

„Man kann auch nur rumstehen, aber dann muss man technisch sehr gut sein. Wenn man das nicht ist, braucht man Beinarbeit“, sagt Sportwart Walter. Für Zuschauer sehe Fechten leicht und tänzerisch aus, sagt Braband, „aber wenn man erst mal in den ganzen Klamotten und mit der Maske dasteht und sich flink bewegen soll, sieht man erst, was dahintersteckt“. Einen Fuß vor, den anderen nachziehen. Mal mit kleinen Sprüngen, mal mit langen Ausfallschritten geht es Bahn rauf, Bahn runter. „Hopp, hopp, hopp“, untermalt Trainer Rassolko die Schrittfolgen so leichtfüßig, wie es unsere Schritte sein sollten.

75 Prozent Beinarbeit

75 Prozent des Fechtens seien Beinarbeit, schätzt Braband. Die restlichen 25 Prozent sind Kopfsache? „Nein“, lacht Braband, „eigentlich sind es noch mal 100 Prozent Kopfsache“. Man muss konzentriert sein, aber darf vor allem nach Punkten des Gegners nicht zu viel nachdenken. Man muss den perfekten Moment für den Angriff erkennen, ohne in den Degen des Gegners zu laufen. Das erfordert höchste Konzentration, bei einem Turniergefecht für dreimal drei Minuten – pro Gegner.

Während es die meisten für Trainingsgefechte auf die Bahn zieht, gibt es für mich eine Einzellektion bei Sergei Rassolko. Locker und einigermaßen tief in die Knie soll ich gehen, aber stabil dabei bleiben und gleichzeitig den Oberkörper aufrecht halten. Den rechten Fuß geradeaus, den linken im 90-Grad-Winkel anderthalb Fußlängen dahinter. Den rechten Arm und den Degen nicht hängen lassen, den linken Arm angewinkelt nach hinten richten – und das ist ja nur die Ausgangsstellung.

Koordinationsübung für Grobmotoriker

Einen Schritt vor, zustoßen, nach der Abwehraktion des Gegners einen schnellen Ausfallschritt hinterher und treffen. So will es mir Rassolko beibringen. Wir üben und üben, der Trainer korrigiert und korrigiert, geduldig, freundlich. Immer wieder dieser Ellbogen. Für Grobmotoriker entpuppt sich Fechten als wunderbare Koordinationsübung.

Manchmal tausche er die Trainingsmontur gegen eine Fechtjacke, sagt Rassolko: „Dann fühle ich mich wieder wie 20. Das ist ein traumhaftes Gefühl.“ Ihm gehen die Angriffe und Finten auch mit 43 Jahren noch locker von der Hand. Aber wie soll ich mir Schritt- und Bewegungsfolgen merken? Wann zustoßen? Und es gäbe ja auch noch Abwehraktionen zu lernen: Vier Paraden trainieren die jüngsten Fechter zu Beginn. Später kommen weitere hinzu, aber das erklärt Rassolko nur im Schnelldurchgang. Schließlich soll es auch noch ins Gefecht gehen.

„Wer zuerst trifft, punktet“, erklärt Braband. Beim Degen ist der gesamte Körper Trefferfläche. Der Stoß muss nur eine Kraft von umgerechnet 750 Gramm erreichen, damit die elektronische Trefferleuchte erstrahlt. Verkabeln, Fechtstellung, und los: Braband tänzelt über die Bahn, vor, zurück. Ich versuche anzugreifen, auszuweichen. Braband trifft. Und trifft. Und trifft. Und irgendwann ist er da, mein erster Punkt, von dem ich allzu gerne eine Zeitlupe sehen würde, weil ich nicht weiß, ob Braband nicht vielleicht aus Versehen bei ihrem Angriff gegen meinen Degen gelaufen ist. Sei sie nicht, sagt sie später. Und wenn, dann habe ich den Degen anscheinend passend gehalten. Wer einen Punkt macht, hat für den Moment alles richtig gemacht.

Wenn der Schweiß rinnt

Aber irgendwann werden unweigerlich die Arme und Beine schwer. Fechten braucht Schnelligkeit, Kraft und Ausdauer, ist Beinarbeit und Kopfsache und in der Kombination aus alldem buchstäblich atemberaubend. Der Schweiß rinnt, die Polster der Fechtmaske sind inzwischen vollgesogen. Bis zu drei Liter Flüssigkeit könne ein Fechter bei einem intensiven Training im Sommer verlieren, erklärt Rassolko, als ich die Maske lüfte. Das Gefecht ist verloren, aber der Trainer ist nicht unzufrieden. „Du hast wirklich vorher noch nie gefochten?“, fragt Rassolko, „ich bin überrascht“. Zum Glück positiv überrascht. Es muss am guten Lehrer liegen.

Grafik: noz/Hente

Ich muss wohl noch einmal wiederkommen, denn auch mein zweites Gefecht des Abends geht eindeutig an den Gegner, und wie hatte Sportwart Raphaël Walter noch gesagt? „Immer verlieren ist auch nichts.“ Braband hält dagegen: „Es soll vor allem Spaß machen“, sagt sie. Und Spaß, den haben sie, die Anfänger, Quereinsteiger und ambitionierten Fechter am Donnerstagabend beim OSC. Das ist hieb- und stichfest – allem Muskelkater und allen blauen Flecken zum Trotz.


Redakteur Johannes Kapitza war bislang kein Verfechter von Mantel- und-Degen-Filmen, wird aber künftig bei den drei Musketieren und anderen Film-Fechtszenen auf die korrekte Beinarbeit achten. Seit der Trainingseinheit beim OSC ist der sowieso schon vorhandene Respekt noch einmal gestiegen: Dass sich Osnabrück als vergleichsweise kleiner Fechtstandort auf einer Landkarte mit den nationalen Hochburgen wie Tauberbischofsheim, Heidenheim und Leverkusen etabliert hat, ist keine Selbstverständlichkeit, spricht aber für die langjährige Aufbauarbeit, das Engagement und nicht zuletzt für den Trainingsfleiß der Talente.

Fotograf Jörn Martens ist Ballsportler und kannte Fechten bisher nur von Turnier-Fotoaufträgen im OSC-Keller. Durch den Selbstversuch des Kollegen hat er erfahren, dass der Sport nicht einfach zu erlernen ist, und freut sich über die engagierten und erfolgreichen Fechter in Osnabrück. Die Lust, es selbst einmal auszuprobieren, ist jedenfalls geweckt…

Wer ein Probetraining absolvieren will, kann per E-Mail an fechten@osnabruecker-sportclub.de Kontakt aufnehmen und einen Termin ausmachen.

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