Ironiefrei und unpolitisch Sängerin Elif sehr persönlich in der Lagerhalle

Von Matthias Liedtke


OSNABRÜCK. Die deutsch-türkische Sängerin Elif aus Berlin begeisterte bei ihrer Osnabrück-Premiere das Publikum in der Lagerhalle mit grundsolider, mitunter orientalisch gewürzter Popmusik und so persönlichen wie universellen Texten.

Dabei war ihr umjubelter Auftritt zwar angekündigt im Rahmen der „Internationalen Wochen gegen Rassismus“, mit politischen Äußerungen hielt sich die 25-Jährige indes auffällig zurück. Selbst als sie über ihren letzten Istanbul-Besuch berichtete, verkniff sie sich jeglichen Kommentar zur gegenwärtigen politischen Lage in der Türkei. Dafür würzte die fünfköpfige, hochkarätig besetzte und grundsolide aufspielende Band Elifs Hymne auf die „Regenstadt“ mit orientalischen Tönen, die unter anderem mit Akkordeon, einem „Regenmacher“ und einer Saz genannten türkischen Langhalslaute erzeugt wurden.

Backmischung mit Spurenelementen

Die unüberhörbare Grundlage von Elifs gefällig radiotauglicher, Charts-kompatibler Musik ist allerdings die derzeit übliche, den Massengeschmack treffende Deutschpop-Backmischung, auch wenn sie in diesem Fall zumindest Spuren von orientalischen Klängen enthalten kann. Die Texte der Songschreiberin, die früher einmal TV-Casting-„Popstar“ war, muten zunächst ebenfalls an, als wären sie aus dem Standard-Satzbaukasten aller Forsters und Giesingers zusammengebastelt worden. Bei genauerem Hinhören zeugen sie aber jenseits aller universellen Phrasen auch von einer vollkommen ironiefreien Verhandlung ganz persönlicher Fragen der Selbstvergewisserung im Spiegel von Beziehungen. So thematisiert Elif etwa im Song „Umwege gehen“ schwierige Selbstfindungsprozesse. Die scheinen aber weniger dem Umstand geschuldet zu sein, dass sie als Tochter türkischer Einwanderer zwischen verschiedenen Welten hin- und hergerissen ist, sondern vielmehr als junge Frau zwischen verschiedenen Partnern und Bezugspersonen.

Ringen um Persönlichkeit

Ein wie auch immer gearteter politischer Subtext ist in der unverhohlen ehrlichen und persönlichen Nabelschau kaum auszumachen. Der kraftvolle Popsong „Schwarz, Weiß, Grau“ etwa handelt ausschließlich von der Unsicherheit und Unentschlossenheit auf der Suche nach dem persönlichen Glück. Und selbst als die Sängerin mit der Akustischen um den Hals ihr Publikum dazu animierte, beim Sich-frei-Singen mitzumachen, war das mehr persönlich als politisch gemeint. Im Titelsong ihres aktuellen, zweiten Albums „Doppelleben“ ringt Elif Demirezer schließlich weniger um ethnische Identität als um persönliche Authentizität.

Außergewöhnliche Stimme

Freimütig berichtet sie von ihren Selbstzweifeln und damit verbundenen Schreibblockaden, die aber mit dem sanft in wohlig-warmen Cello-Tönen wogenden Song „Auf halber Strecke“ gelöst werden konnten. Geigenselig geriet die sechs Jahre alte, aber „immer noch gültige“ Botschaft an ihren „Baba“. Nur vom E-Piano begleitet verarbeitet sie Trennungsschmerz in der hoffnungsvollen Ballade „Anlauf nehmen“. So fragil ihre Physiognomie erscheint, so kraftvoll und selbstbewusst erstrahlt dabei Elifs außergewöhnliche Stimme. Am Ende war es bezeichnend, dass eine andere Dame schließlich doch noch für einen Hauch von Ironie sorgte: Das als erste von drei Zugaben gespielte Marlene Dietrich-Cover „Ich weiß nicht, zu wem ich gehöre“ passte allerdings auch ganz ohne Ironie vortrefflich zur veräußerten Selbstverliebtheit und der nach außen getragenen inneren Zerrissenheit, die auch Elifs eigene Songs kennzeichnet.