Osnabrücker Student vor Gericht Anklage: versuchter Totschlag – Strafe: Sozialstunden

Von Ulrich Pfaff

Für einen gewalttätigen Übergriff auf einen Familienvater kam ein Osnabrücker Student glipmflich davon. Symbolfoto: dpaFür einen gewalttätigen Übergriff auf einen Familienvater kam ein Osnabrücker Student glipmflich davon. Symbolfoto: dpa

Osnabrück/Detmold. Seinen ersten intensiven Kontakt mit der deutschen Justiz dürfte sich ein Jura-Student aus Osnabrück ganz anders vorgestellt haben. Weil er sich an einem äußerst rabiaten Übergriff auf einen Passanten beteiligt hatte, saß er vier Tage lang vor dem Landgericht Detmold – und kam mit einem blauen Auge davon.

Es war einer dieser Gewaltausbrüche, wie sie typisch sind für Besäufnisse – der Vatertagsausflug 2017 im südlippischen Lügde endete für einen 35-jährigen Familienvater mit schweren Verletzungen im Krankenhaus – und für vier junge Männer vor der Großen Jugendkammer des Detmolder Landgerichts. Versuchter Totschlag und gefährliche Körperverletzung lautete die Anklage gegen das Quartett aus Lügde und dem benachbarten Bad Pyrmont, zu dem auch der 19-Jährige gehört, der in Osnabrück Jura studiert.

Ein Rüffel eskalierte

Die Vier waren an jenem 25. Mai auf Tour gegangen und hatten unterwegs wohl ordentlich „getankt“. Auf dem Bahnhof in Lügde liefen sie einfach zum Abkürzen über die Gleise, was einen 35-jährigen Mann, der mit Familie und Freunden dort auf den Zug wartete, zu einem Rüffel veranlasste. Das Ganze eskalierte in einem Gerangel, in dem der 35-Jährige zu Boden geschlagen wurde. Dort bekam er mehrere Tritte gegen den Kopf, erlitt drei schwere Brüche im Gesicht. Während die Staatsanwaltschaft einen 23-Jährigen Ex-Kampfsportler als denjenigen ausgemacht hatte, der den ersten Schlag geführt haben sollte, galt der 19-Jährige aus Osnabrück als einer der beiden Täter, die den Mann gegen den Kopf traten – die Anklage gegen ihn lautete daher auf versuchten Totschlag.

Er habe keine richtige Erinnerung mehr an den Vorfall, einen Filmriss, sagte der aus guter Familie aus Bad Pyrmont stammende Student vor Gericht. Tatsächlich aber merkte die Richterin an, dass die jungen Männer nach der Tat in sozialen Medien geprahlt hätten: Sie hätten dem anderen einen „Knockout“ verpasst, der 19-Jährige schrieb sogar, es seien „die perfekten Leute zum schlagen gewesen“.

Hohe Brutalität

Zeugen des Vorfalles auf dem Bahnhof beschrieben die Brutalität, mit der die betrunkenen Angeklagten auf ihr Opfer losgingen. Die Tritte gegen den Kopf hätten gewirkt, „wie wenn jemand einen Ball treten will“, sagte einer der Zeugen. Indessen blieb offen, ob es nun der 19-Jährige gewesen war, oder der 23-jährige mutmaßliche Haupttäter – dessen Jacke hatte zwar ein Pärchen aus einem benachbarten Wohnhaus gesehen, aber den Angeklagten selbst nicht wiedererkannt. Der Student war wiederum von einem Kumpel bei der Polizei noch als der Treter benannt worden, aber vor Gericht klang dessen Aussage dann doch nicht mehr so klar. Andere Zeugen aus dem Bekanntenkreis der vier Angeklagten sagten aus, Tätlichkeiten seien von dem Verletzten ausgegangen.

Ein psychiatrischer Gutachter, der die vier jungen Männer untersuchte, sagte über den Studenten, sein Trinkverhalten sei „problematisch“, zudem neige er im betrunkenen Zustand zu Gewalttätigkeit. Kurz nach der Tat sei bei ihm einen Alkoholpegel von 2,3 Promille gemessen worden. Dass er sich nicht richtig erinnern könne, sei wohl eher einem Verdrängungsmechanismus zuzuschreiben. Gegenüber den Polizeibeamten, die ihn festgenommen hatten, habe er sicher auf den Beinen gewirkt und sich klar artikulieren können. Er gehe bei dem 19-Jährigen von einer hohen Wiederholungsgefahr ähnlicher Taten im Alkoholrausch aus.

Kein Totschlag

Tritte durch den 19-Jährigen wollte die Große Jugendkammer am Ende der Beweisaufnahme nicht feststellen. Er habe jedoch auf den 35-Jährigen eingeschlagen und sich deshalb der vorsätzlichen Körperverletzung schuldig gemacht, befand die Kammer. Da er aufgrund seines Alkoholkonsums vermindert schuldfähig war, beließ es das Gericht bei einer Verurteilung nach Jugendstrafrecht zu 80 Sozialstunden. Als Haupttäter bekam der 23-Jährige für zwei Tritte gegen den Kopf des Opfers eine zweijährige Bewährungsstrafe. Die beiden anderen Beteiligten, zwei 18 und 23 Jahre alte Brüder, kamen ebenfalls mit Sozialstunden und einer Geldstrafe davon.

Mehr aus den Gerichtssälen der Region auf www.noz.de/justiz