Fast ein Pflegefall geworden NOZ-Autor: So habe ich meinen Schlaganfall erlebt

Von Ullrich Schellhaas

Bei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Gibt es Anzeichen dafür, dann sollte sofort die 112 gewählt werden, raten Experten. NOZ-Autor Ullrich Schellhaas hat es erlebt. Foto: Michael GründelBei einem Schlaganfall zählt jede Minute. Gibt es Anzeichen dafür, dann sollte sofort die 112 gewählt werden, raten Experten. NOZ-Autor Ullrich Schellhaas hat es erlebt. Foto: Michael Gründel

Osnabrück. Unser Autor Ullrich Schellhaas hatte einen Schlaganfall. Er hat rechtzeitig gehandelt und so konnte das Schlimmste verhindert werden. Heute geht es ihm gut, aber sein Leben hat er danach umgekrempelt.

Es trifft mich wie ein Schlag. Von einem Moment auf den nächsten kann ich nichts mehr sehen, denn ich schiele und beide Augen produzieren nur noch unscharfe Bilder. Auf den Beinen halten kann ich mich nicht mehr. Meine komplette rechte Körperhälfte ist taub – vom Scheitel bis zur Sohle wie mit dem Lineal gezogen. „So also fühlt sich ein Schlaganfall an“, sage ich mir und rufe die 112. Ein Rettungswagen bringt mich innerhalb von 40 Minuten auf die Spezialstation für Schlaganfälle.

Als Schlaganfall gilt unter Medizinern ein Untergang von Hirngewebe, der meistens auf einer schlechten Durchblutung des entsprechenden Areals beruht. Diese Minderdurchblutung wird meist durch Einengungen oder Verschlüsse der hirnversorgenden Arterien verursacht. Aber auch eine Hirnblutung kann zu einem Schlaganfall führen. Der Schlaganfall gehört zu den häufigsten Erkrankungen und ist die dritthäufigste Todesursache in Deutschland. Er ist darüber hinaus die häufigste Ursache für mittlere und schwere Behinderungen.

Lähmung des Gesichts, aber auch Sprachstörungen

„Die häufigsten Symptome eines Schlaganfalls sind Änderungen der Körperfunktionen“, sagt Florian Stögbauer. Der Mediziner hat einen Lehrstuhl für Neurologie an der Universität Münster und leitet die neurologische Abteilung des Städtischen Klinikums Osnabrück. „Das können, in absteigender Häufigkeit, eine Kraftminderung auf einer Körperseite sein, eine Lähmung des Gesichts, aber auch Sprachstörungen, Schwindelgefühle, Gleichgewichtsstörungen oder unklare Kopfschmerzen.“

Höchste Eile geboten

Sollten Menschen oder Angehörige diese Symptome feststellen, ist höchste Eile geboten: Bis zu viereinhalb Stunden nach Eintritt des Ereignisses kann von Medizinern auf einer Spezialstation für Schlaganfallpatienten, der „Stroke Unit“, durch eine spezielle Medikamentengabe, der Lyse, versucht werden, den Gefäßverschluss aufzulösen. Das funktioniert laut Florian Stögbauer bei kleineren Gefäßverschlüssen bis zu einer Länge von sechs Millimetern. Bei größeren Verschlüssen kann eine Thrombektomie helfen, bei der mittels eines Katheters versucht wird, das Gefäß wieder zu öffnen. „Aber eines sollten Betroffene unbedingt machen: Nämlich die 112 anrufen und nicht erst einen Termin beim Hausarzt vereinbaren“, sagt der Mediziner. Denn in jedem Fall sei Zeit kostbar.

Meine Zimmernachbarin hat weniger Glück

Bei meinem Schlaganfall hat die Lyse funktioniert. Mit Verabreichung des Medikaments kann ich sekündlich wieder klarer sehen. Das eingeschlafene Gefühl in meiner rechten Körperhälfte bleibt vorerst. Meine Zimmernachbarin im Krankenhaus hatte weniger Glück. Sie hat zunächst versucht, ihre Kinder zu erreichen, als ihr die Symptome aufgefallen sind. „Sie können ja wenigstens noch laufen“, sagt sie zu mir, als ich meine ersten mühsamen Gehversuche mit der eingeschlafenen Körperhälfte unternehme. Ich habe ein schlechtes Gewissen.

Ullrich Schellhaas hat einen Schlaganfall erlitten. Inzwischen geht es ihm wieder gut. Foto: Michael Gründel

Die modifizierte Ranking-Skala (mRS) ist eine standardisierte Maßzahl, die das Ausmaß der Behinderung nach einem Schlaganfall beschreibt. Sie reicht von Null, was für keine Symptome steht, bis hin zu Sechs. Das bedeutet den Tod durch den Schlaganfall. „In nahezu allen Fällen lässt sich das Ranking durch eine frühzeitige Behandlung senken“, berichtet Stögbauer. Aber auch dann besteht weiter Hoffnung, den mRS durch eine Rehabilitation weiter zu senken.

Taubheitsgefühl lässt nach

Schon auf der „Stroke Unit“ fängt üblicherweise eine kombinierte Therapie betroffener Patienten durch Physio-, Ergo- und Logopäden an. In meinem Fall mit der eingeschlafenen Körperhälfte heißt das: Viel Bewegung, aber auch, dass ich den Nerven Reizen aussetzen muss, etwa in dem ich die betroffenen Regionen kühle und wieder erwärme. Ein Stein fällt mir vom Herzen, als das Taubheitsgefühl immer mehr nachlässt.

Meine anschließende ambulante Rehamaßnahme nutze ich, um mein Leben zu ändern. Denn obwohl Krankheit keine Strafe und Gesundheit keine Belohnung ist, gibt es natürlich Risikofaktoren, die einen Schlaganfall begünstigen. Manche dieser Faktoren, wie etwa die erbliche Vorbelastung oder die Gerinnungsstörung meines Blutes kann ich nicht ändern. Dafür nehme ich bis an mein Lebensende Gerinnungshemmer in Form von Tabletten.

Aber ich kann mich ausgewogener und fettärmer ernähren, kämpfe gegen mein Übergewicht und habe mit Sport angefangen. Das sollte meinen Blutdruck und meine Cholesterinwerte im Normalbereich halten – die beide als massive Risikofaktoren für einen Schlaganfall gelten. Dazu gehört auch Nikotin. Mein mRS ist inzwischen bei Null. Die Erinnerung, dass ich fast ein Pflegefall geworden wäre, bleibt und ist eine beängstigende Erfahrung. Vielleicht habe ich Glück und bekomme keinen Schlaganfall mehr. Ich tue dafür, was ich kann.