Massive Kritik im Bürgerdialog „Stadt Osnabrück vernachlässigt die Fußgänger“

Von Rainer Lahmann-Lammert

Fußgänger sind empört, wenn Radfahrer an Baustellen über die Gehwege zischen. Um solche und andere Konflikte ging es im Bürgerdialog Verkehrswende. Archivfoto: Jörn MartensFußgänger sind empört, wenn Radfahrer an Baustellen über die Gehwege zischen. Um solche und andere Konflikte ging es im Bürgerdialog Verkehrswende. Archivfoto: Jörn Martens

Osnabrück. Radfahrer missachten die Regeln. Nicht manche, sondern viele verhalten sich rücksichtslos. Und dafür werden sie von der Stadt auch noch belobigt! Mit dieser Kritik mischte Dieter Beck vom Bund der Fußgänger den Bürgerdialog Verkehrswende auf. Und erntete bissige Reaktionen.

Einige der Zuhörer im Ratssitzungssaal hielt es kaum noch auf ihren Stühlen, als Beck seine Sicht der Dinge vortrug. Er sei nicht nur Fußgänger, sondern auch Radfahrer, beschwichtigte er, und er versuche sich zu 95 Prozent an die Straßenverkehrsordnung zu halten. Aber bei den Radlern in der Stadt gebe es kaum ein Unrechtsbewusstsein, wenn sie den Fußgängern das Leben schwer machten. (Konflikte im Osnabrücker Verkehr: Sind Fußgänger die Verlierer?)

Angepöbelt und gefährdet

Beck zeigte Fotos von Radfahrern, die in der Lotter Straße selbst an den engsten Stellen den Gehweg anstelle der Fahrbahn benutzen. Fußgänger würden massiv gefährdet und oftmals auch noch angepöbelt. An der Dielingerstraße sei eine 80-jährige Frau auf dem Gehweg angefahren worden – aber der Radler habe sich „einen Dreck um sie gekümmert“, beklagte der Fußgängeraktivist.

Unerträglich sei die Situation an vielen Baustellen, führte Beck aus. Auch wenn es untersagt sei, nähmen viele Radler, ohne abzusteigen, den kürzesten Weg über den Bürgersteig. Aber Kontrollen gebe es nicht, und immer häufiger gehe die Stadt dazu über, den Fahrradverkehr bei Bauarbeiten an der Fahrbahn gleich über den Gehweg zu leiten.

Mit Aktionen wie „Osnabrück sattelt auf“ gebe die Stadt den Radlern das Signal „Ihr seid die besten, weiter so!“. Den Fußgängern begegne sie nicht nur mit Geringschätzung, ihnen gegenüber vernachlässige sie ihre Fürsorge- und Schutzpflicht. (Weiterlesen: Der Mann, der in Osnabrück die Ampeln schaltet)

„Wiederholung alter Behauptungen“

Auch Stadtbaurat Frank Otte bekam sein Fett weg. Der habe Radfahrer in Schutz genommen, obwohl sie Fußgänger bedrängt hätten. Mit der Begründung, sie seien „aus Not“ vor dem Autoverkehr auf Gehwege ausgewichen. Otte trage Verantwortung dafür, dass Fußgänger in Osnabrück einen so schweren Stand hätten.

Stadtbaurat Otte, den der Diskussionsleiter Thomas Polewsky ebenfalls eingeladen hatte, zum Fußgängerverkehr zu sprechen, keilte zurück. Beck verkenne die Zusammenhänge und wiederhole immer nur alte Behauptungen. Dabei wisse er längst, „dass ich es nicht toleriere und nicht akzeptiere“, wenn Radler sich, wie von Beck beschrieben, verhalten.

Radfahrer und Fußgänger sollten nicht gegeneinander ausgespielt werden, forderte Jens Meier, ehemaliger Ratsherr der Grünen. Der Verkehrsraum werde heute immer noch „aus der Mitte heraus“ geplant, mit Vorrang für den Autoverkehr. Die Füße und das Rad seien die Verkehrsmittel der Zukunft, deshalb müssten die Prioritäten anders gesetzt werden.

Autos werden bevorzugt

Auch andere schlugen in diese Kerbe. Die Straßenverkehrsordnung sei eine Auto-Verkehrsordnung. Gegen die einseitige Bevorzugung dieses einen Verkehrsmittels sollten sich Fußgänger und Radfahrer gemeinsam wenden, meinte ein Teilnehmer der Diskussion. Wolfgang Driehaus vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC) versuchte es mit einem Witz: Auf dem Tisch liegen zehn Kekse. Der Autofahrer nimmt neun und rät dem Fußgänger, er solle aufpassen, dass der Radler den verbleibenden Keks gerecht mit ihm teile.

Stadtbaurat Otte wies in seinem Vortrag darauf hin, dass in Osnabrück 29 Prozent der innerstädtischen Wege zu Fuß zurückgelegt würden – das sei kein schlechter Wert, gab er zu bedenken. Mit dem Masterplan Mobilität habe sich die Stadt zum Ziel gesetzt, die Lücken im Gehwegenetz zu schließen, ausreichende Gehwegbreiten sicherzustellen und mehr Querungshilfen zu bauen.

Bordsteine sollten an Knotenpunkten flächenhaft abgesenkt und Ampeln fußgängerfreundlicher geschaltet werden. Außerdem habe sich die Stadt vorgenommen, für mehr Sicherheit auf Gehwegen und eine ausreichende Beleuchtung zu sorgen. Viele dieser Punkte seien bereits umgesetzt, meinte Otte, manches scheitere aber aus banalen Gründen. Wenn ein Gehweg zu schmal sei und die Stadt dafür ein paar Quadratmeter Vorgarten ankaufen wolle, sei sie auf das Wohlwollen des Eigentümers angewiesen. Enteignung sei leider keine Option.