Carsten Reese begutachtet Fahrgeschäfte Der Prüfer der Karussells kommt aus Bramsche

Von Nadine Grunewald


Osnabrück. Break Dancer, Achterbahn, Riesenrad oder Geisterbahn: Für die meisten ist die Fahrt mit einem Karussell der Höhepunkt des Kirmesbesuchs. Für Carsten Reese sind die Fahrgeschäfte Alltag. Der Bramscher ist einer von wenigen Sachverständigen für fliegende Bauten, die deutschlandweit Karussells begutachten. Auf dem Osnabrücker Frühlingsjahrmarkt hat er den Break Dancer von Fredi Welte unter die Lupe genommen.

Noch stehen die Karussells auf dem Osnabrücker Frühlingsjahrmarkt still. An der Losbude warten riesige Plüschteddys darauf, später am Tag mit Kirmesbesuchern neue Besitzer zu finden. Ein Stück weiter, zwischen Kinderkarussell und Autoscooter, steht Carsten Reese vor dem Break Dancer. Der 50-jährige Bramscher ist Sachverständiger für fliegende Bauten und soll an diesem Tag den Betrieb des 34-jährigen Fredi Welte begutachten. „Meine Aufgabe ist es, Fahrgeschäfte optisch zu bewerten. Ich gucke, welchen Wert sie haben und ob der Betreiber noch die passende Versicherungsprämie zahlt“, erklärt Reese. Zu entscheiden, ob das Karussell fahrtüchtig ist oder nicht, sei nicht seine Aufgabe. „Das macht der TÜV.“ Für die Schausteller sind Reeses Gutachten allerdings fast genauso wichtig wie die Überprüfung durch den TÜV. „Wenn mal was passiert, hat man was, das man der Versicherung vorlegen kann“, sagt Welte. „Ich mache viel in Eigenregie. Dafür gibt es dann keine Belege.“ (Weiterlesen: Frühlingsjahrmarkt in Osnabrück mit 16 Großattraktionen)

Ein Blick in den Keller

Laut Reese ist eine solche Bewertung freiwillig, sie dient dem Selbstschutz. Alle vier, fünf Jahre sollte sie durchgeführt werden. Bei Weltes Break Dancer ist es jetzt so weit. Mit dem Fotoapparat in der Hand macht sich Reese an die Arbeit, die Bewertung von vor fünf Jahren im Hinterkopf. Mit prüfendem Blick geht der 50-Jährige um den Break Dancer herum. Wie sieht die Bemalung aus? Sind gravierende Schäden entstanden oder rostet etwas?

Bereits nach ein paar Schritten entdeckt er etwas, das bei der letzten Begutachtung noch nicht vorhanden war: eine LED-Wand. Reese macht ein Foto davon, bevor er weiter geht in den sogenannten Keller, den Unterbau des Break Dancers. Er begutachtet die Streben der Konstruktion, legt dann den Kopf in den Nacken. „Von hier kann man sich gut den Zustand des Umlaufs ansehen“, erklärt er und zeigt auf die Platten, die immer poltern, wenn die Fahrgäste darüber zu den Gondeln laufen. „Die Fahrgeschäfte werden jede Woche auf- und abgebaut. Da bleiben kleine Macken nicht aus“, sagt Reese und zeigt mit dem Finger auf eine Metallstrebe, von der an einigen Stelle die Farbe abgeblättert ist.

Gespräch mit den Schaustellern wichtig

Der Bramscher schaut sich noch den Fuhrpark an, dann geht er nach vorne und hoch auf den Umlauf, unter dem er gerade noch stand. „Die Chaisen könnten mal wieder bemalt werden“, sagt er und zeigt auf die Gondeln, in denen die Fahrgäste sitzen. Ob die Drehkreuze neu sind, möchte er von Welte wissen. „Nein, aber die Wellen, auf denen die Gondeln stehen“, sagt der Schausteller. Dann zählt er auf, was noch neu ist: der Diamant in der Mitte des Karussells, die Beamer, die Scheinwerfer.

Das Gespräch mit dem Schausteller ist ein wichtiger Teil der Begutachtung. So erfährt Reese, was dieser alles erneuert und wie lange er in etwa dafür benötigt hat. Als Handwerker könne er einschätzen, ob die Angaben der Karussellbetreiber hinkommen. All die Informationen fasst der 50-Jährige schließlich in einem Gutachten zusammen. Denn im Schadensfall berechneten Versicherungen den Wert des Fahrgeschäfts häufig nur nach dessen Baujahr. Wie viele Arbeitsstunden und wie Geld die Betreiber in Umrüstung und Instandhaltung einbrächten, werde außer Acht gelassen. Dabei sei der Einsatz beachtlich: „Die Umrüstung auf stromsparende LED‘s kostet eine Menge Geld. Bei einem Riesenrad sind es um die 150.000 Euro“, nennt Reese ein Beispiel. Im Streitfall wird der 50-Jährige von Gerichten mit Gutachten beauftragt.

Bislang keine großen Schäden

Welte hat bislang Glück gehabt: „Bis auf eine Plane, die mal beim Transport kaputt gegangen ist, hatte ich am Breaker noch keine Schäden“, sagt der 34-Jährige, der das Fahrgeschäft vor vier Jahren von seinem Vater übernommen hat. Doch nicht immer läuft es so glimpflich. Was alles passieren kann, weiß Carsten Reese nur zu gut. Der Bramscher zeigt auf seinem Smartphone ein Foto, das gerade erst auf einer Kirmes in Hamburg entstanden ist. Es zeigt einen Lastwagen, der an einem Stand einen Teil des Aufbaus abgerissen hat. „Dieses und letztes Jahr hatten wir viele Sturm- und Hagelschäden. Oft entstehen auch Transportschäden“, so Reese.

Der Bramscher ist eher zufällig zu seinem Job gekommen. Früher arbeitete er als Werkstattmeister bei einem Wohnwagenhändler in Osnabrück. Durch Zufall lernte er den Vorgänger seines heutigen Betriebs kennen, kurz bevor dieser in Rente ging. 2010 übernahm Reese den Betrieb, heute beschäftigt er in seinem Sachverständigenbüro drei Mitarbeiter. Reese ist nach eigenen Angaben einer von wenigen Sachverständigen für fliegende Bauten in Deutschland. Zwischen 300 und 350 Gutachten fertigt sein Betrieb jährlich an. Reese selbst ist bundesweit unterwegs, hauptsächlich aber in Norddeutschland und bis zum Raum Münster im Einsatz. „95 Prozent meiner Arbeit sind fliegende Bauten“, sagt er. Dazu bewertet er auch Oldtimer.

Achterbahnen als Herausforderung

Im Gespräch mit Schausteller Fredi Welte (rechts) erfragt Carsten Reese, was am Break Dancer alles erneuert worden ist. Foto: Michael Gründel

An Weltes Fahrgeschäft ist Reese nach etwa zwei Stunden fertig. Für eine Erstbegutachtung braucht er fast einen halben Tag. Die Begutachtung des Break Dancers ist für ihn wie die von Riesenrad oder Babyflug Alltagsgeschäft. „Eine Neubewertung von einer Geisterbahn oder einer Achterbahn, die ich in der Form noch nie hatte, das ist eine Herausforderung“, sagt er. So wie im vergangenen Jahr, als er mit Dr. Archibal „Master of Time“ eine Weltneuheit bewertete. Das Fahrgeschäft, das auf dem Sommerdom 2017 in Hamburg stand, ist eine Mischung aus Laufgeschäft und Erlebnisbahn, bei dem die Besucher mithilfe von Virtual-Reality-Brillen in eine virtuelle Welt eintauchen. Ein Beispiel, das exemplarisch für das steht, was sich in den vergangenen Jahren verändert hat: „Es gibt immer spektakulärere Fahrgeschäfte. Es geht immer schneller, höher, weiter. Heute muss man schon ein paar Millionen in die Hand nehmen, um ein Karussell zu kaufen.“ Doch immer wieder etwas Neues zu erleben, genau das liebt der 50-Jährige an seinem Job – ebenso wie den Kontakt zu den Schaustellern. Wenn Reese privat auf einer Kirmes ist, steigt er übrigens nicht in ein Fahrgeschäft. „Aus dem Alter bin ich raus.“