Hunderte von Toten Als Cholera und Spanische Grippe in Osnabrück wüteten

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Osnabrück. Infektionskrankheiten sind eine Geißel der Menschheit. Immer wieder in der Geschichte haben Viren oder Bakterien ganze Landstriche entvölkert. Die Pest raffte im Mittelalter bis zu einem Drittel der Bevölkerung Europas dahin. Der Spanischen Grippe fielen von 1918 an binnen zwei Jahren 40 bis 50 Millionen Menschen zum Opfer. Auch Osnabrück war betroffen.

Heutzutage leiden überwiegend die Menschen in Entwicklungsländern an Seuchen wie Tuberkulose, Malaria oder AIDS, während in den Industriestaaten solche Lebensumstände herrschen und Medikamente verfügbar sind, die die Ausbreitung und die Folgen begrenzen. Das war jedoch nicht immer so. Selbst Osnabrück ist noch in den beiden zurückliegenden Jahrhunderten von Epidemien heimgesucht worden, die – anders als die aktuellen Grippewellen – Hunderte von Toten zur Folge hatten. Die Rede ist von der Cholera im 19. Jahrhundert und der Spanischen Grippe im 20. Jahrhundert.

Cholera: Ein Prozent der Bevölkerung starb

Am 17. Juli 1859 wurde in Osnabrück der erste Cholera-Erkrankte gemeldet. In kurzer Zeit infizierten sich 295 Menschen, von denen die Hälfte die Krankheit nicht überlebte. Die Seuche hatte innerhalb von drei Monaten ein Prozent der Bevölkerung hinweggerafft. Auf heutige Größenordnungen übertragen, wäre es gleichbedeutend mit dem Tod von 1600 Mitbürgern in kurzer Zeit. Das Wissen um die medizinischen Zusammenhänge machte im 19. Jahrhundert große Fortschritte. So wurde auch bald dem Magistrat bewusst, dass beengte und unhygienische Wohnverhältnisse, wie sie bis zur Abtragung der Stadtmauern in der Altstadt herrschten, den Ausbruch einer Cholera-Epidemie in Osnabrück begünstigt hatten.

Zu viele Menschen auf zu kleinem Raum, das war der Kern des Problems. Um 1800 zählte Osnabrück 8564 Einwohner in 1474 Wohngebäuden. Jedes Haus wurde somit durchschnittlich von 5,8 Menschen bewohnt. Mit der beginnenden Industrialisierung wuchs die Bevölkerung rasch. 1875 hatte sie sich mit 30.000 fast vervierfacht. Jedes Haus war statistisch nun mit 11,5 Menschen belegt, die Wohndichte hatte sich also verdoppelt. Zwar war das Festungsgebot 1843 aufgehoben, aber die Stadt breitete sich nur sehr zögerlich außerhalb der Stadtmauern aus. Vier Fünftel der Menschen hauste weiterhin in der durch die Wälle und den Hasefluss limitierten Altstadtfläche von nur 142 Hektar.

Leben ohne Müllabfuhr

Die Bevölkerungsverdichtung traf auf eine nicht mitgewachsene, völlig unzureichende Ver- und Entsorgungs-Infrastruktur. Trinkwasser wurde aus Brunnen geschöpft, die oft dicht an Aborten lagen. Abwässer wurden in teils noch offene Gerinne geleitet, die ungeklärt in die Hase entwässerten. Eine Müllabfuhr gab es nicht. Unrat wurde häufig zusammen mit den Fäkalien von Mensch und Tier sowie Schlachtabfällen und betrieblichen Abwässern jeder Art und Konsistenz in die Gräben gegeben. Abort-Gruben mussten von Zeit zu Zeit entleert werden, was eine wenig begehrte Tätigkeit darstellte. Da schien es praktischer, die „Abtritte“ direkt über den Gräben anzulegen. Die Wasserspülung funktionierte jedoch häufig nicht, weil die Gräben zu wenig oder gar falsches Gefälle hatten. Zudem wurden sie nicht gereinigt, sodass der Abfluss-Querschnitt immer weiter abnahm. Bei Starkregen kam es zu Stauungen, Erdgeschoss- und Kellerwohnungen liefen mit stinkender Brühe voll. Von der „guten, alten Zeit“ sollte man gerade in dieser Hinsicht besser nicht reden. Jedenfalls fand die Cholera 1859 zu ihrer Ausbreitung ideale Bedingungen vor.

Der Ausbruch der Krankheit lässt sich längs des „Hauptcanals“ und seiner Nebengräben und Gossen nachvollziehen, die seit dem Mittelalter die Wasser des aus der Wüste kommenden Poggenbachs aufnahmen und westlich an der Domburg vorbei beim Hasetor in die Hase leiteten. Krahnstraße, Bierstraße, Lohstraße, Gerberhof und Vitihof zeichnen in etwa den Verlauf des „Hauptcanals“ nach. Historiker Michael Haverkamp schreibt: „Die Ausscheidungen der ersten Cholerafälle waren in den Abwassergraben der Bierstraße entsorgt worden. Prompt traten daraufhin die nächsten Fälle in der Lohstraße, Hasestraße und am Vitihofe auf, folgten also dem Verlauf dieses Abwasserkanals.“ Der Schrecken der Cholera machte den Stadtverantwortlichen Beine. 1860 gilt als Geburtsjahr der zentralen städtischen Abwasserkanalisation, die 1875 für die Innenstadt zu einem ersten Abschluss kam und nach und nach in die Außenbereiche vordrang. Städtisches Trinkwasser gibt es seit 1890, Straßenreinigung und Müllabfuhr seit 1898.

Spanische Grippe aus Amerika

Das alles half jedoch nicht gegen die Spanische Grippe, die im Frühjahr 1918 vermutlich im US-Staat Kansas erstmals auftrat, mit amerikanischen Soldaten auf den europäischen Kriegsschauplatz geschleppt wurde und sich rasend schnell weiter verbreitete. „Spanisch“ wird die Grippe vermutlich deshalb genannt, weil auch der spanische König Alfons XIII. betroffen war. Und weil das neutrale Spanien im Gegensatz zu den kriegführenden Mächten keine strenge Pressezensur unterhielt und offen über das katastrophale Ausmaß der Epidemie berichtete. Die Epidemie wurde zur weltweit grassierenden Pandemie, die sich besonders in Afrika und Asien ihre Opfer holte. Nach Schätzungen starben 50 Millionen Menschen an der Grippe oder der Folgeerkrankung Lungenentzündung. Das sind etwa dreimal so viele, wie im Ersten Weltkrieg insgesamt an militärischen und zivilen Opfern zu beklagen war.

Für das Deutsche Reich wird die Zahl der Grippetoten mit 426.000 angegeben. Das entspricht etwa 0,7 Prozent der Gesamtbevölkerung von 62 Millionen. In Osnabrück waren es 415 Todesfälle zwischen Juni und Dezember 1918 oder rund 0,5 Prozent von 80.000 Einwohnern. Die erste Welle, die im Juni eintraf, kam noch recht harmlos daher. Die „Osnabrücker Volkszeitung“ benennt als typische Symptome „Fieber, grenzenlose Abgespanntheit, tränende, oft anschwellende Augenlider“. Am 3. Juli heißt es, in München werde nach 1500 Fällen bereits von einer Epidemie gesprochen, in Berlin würden sich die gemeldeten Krankheitsfälle von Stunde zu Stunde mehren. Alle Osnabrücker Hospitäler, die über Isolierzimmer verfügen, stünden zur Aufnahme von Infizierten bereit.

Ahnungslose Medizinier

Noch im Juli zitiert die Zeitung den Bremer Obermedizinalrat Prof. Tjaden mit beruhigenden Worten: „Die Erreger stellen nichts Neues dar. Sie haben Ähnlichkeit mit der Influenzawelle Anfang der 1890er. Der Verlauf ist aber leichter. Die vielfach mit hohem Fieber einsetzenden Krankheitserscheinungen pflegen bald abzuklingen. Bei der starken Ansteckungsfähigkeit sind Isolierungsmaßregeln zwecklos, wenngleich unnötiges Aufsuchen von Kranken durch Gesunde vermieden werden sollte. Eine sofortige Inanspruchnahme der Ärzte, zumal nachts, beim Eintreten des Fiebers, ist meistens unnötig. Bettruhe ist das beste Mittel.“

Das Statement zeigt, wie ahnungslos die deutschen Mediziner in die Katastrophe hineinschlitterten. Sie gingen von einem Bakterium aus – erst 1933 wurde nachgewiesen, dass es sich um einen Influenza-Virus handelte. Richtig gefährlich wurde die Sache ab August 1918. Der Virus änderte seine genetische Struktur und zog bakterielle Lungen- oder Hirnhautentzündungen nach sich, die oft tödlich endeten. Antibiotika gab es noch nicht. Ebenso wenig standen Methoden der invasiven Beatmung zur Verfügung, wenn die Patienten an Atemnot litten. Sie erstickten.

247 Grippetote in einem Monat

Im Verwaltungsbericht der Stadt Osnabrück für den Zeitraum 1913 bis 1923 spiegelt sich die reichsweite Entwicklung wider. Für Juni und Juli 1918 werden 26 Todesfälle gemeldet, im August und September sind es 44, um dann im Oktober den Höhepunkt mit 247 Grippetoten zu erreichen. Insgesamt werden im Verlauf des Jahres 1918 in Summe 415 Todesfälle der Spanischen Grippe zugeordnet. Auffällig ist auch in Osnabrück, dass in der Altersgruppe 15 bis 40 Jahre die vermeintlich besonders Lebenskräftigen gehäuft sterben, während bei sonstigen Erkrankungen Kinder und Alte die Risikogruppen bilden. Die Todesrate von 0,5 Prozent darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass „der größte Teil der Bevölkerung von der Krankheit ergriffen“ wurde, wie es im Verwaltungsbericht heißt. Viele Menschen waren über Wochen ans Krankenbett gefesselt, auch wenn sie letztlich überlebten.


Die Cholera und das Marienhospital

Die ersten Cholera-Erkrankten konnte man noch im Städtischen Krankenhaus unterbringen. Dessen Kapazitäten erschöpften sich jedoch rasch. Bürgermeister Carl Bertram Stüve sah sich genötigt, den Pfarrkaplan zu St. Johann, Mathias Seling, um die Bereitstellung eines „Lokals“ für eventuell in der Neustadt auftretende Cholerafälle zu bitten. Tatsächlich war auch bald die Neustadt betroffen. Bischof Paulus Melchers kündigte am 9. August 1859 die Einrichtung einer „Cholerastation“ in der Dechanei von St. Johann an. Für die Pflege der Kranken stellte das Mutterhaus der Barmherzigen Schwestern in Trier mehrere Schwestern ab. Bereits am 20. August wurde die Dechanei zur Aufnahme von Kranken freigegeben. Das „Lokal“ wurde zur bleibenden Einrichtung. Mit Zustimmung der Königin Marie von Hannover durfte es sich noch im gleichen Jahr „Marienhospital“ nennen. Es ist somit aus der Notsituation des Cholera-Jahres 1859 entstanden.

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