Skelett reist nach Herne Osnabrücker Einhorn ist der Star einer Fake-Ausstellung


Osnabrück. Das Einhorn vom Museum am Schölerberg geht auf Reisen. Für knapp fünf Monate ist das Fabeltier aus Osnabrück Stargast der Ausstellung „Irrtümer & Fälschungen der Archäologie“ im LWL-Museum Herne. Anschließend zeigt sich das Tier, das es nicht gibt, in Hildesheim.

Die Spitze des Einhorns durchdringt den Luftraum bis in eine Höhe von 2,70 m, was den Versand des frisch restaurierten Skeletts zu einer Herausforderung macht. Für den Transport nach Herne hat das Museum am Schölerberg eine große Holzkiste angefertigt, aus der das Horn allerdings herausragt. Museumsleiter Norbert Niedernostheide stülpt deshalb ein mit Luftpolsterfolie ausstaffiertes Abflussrohr über den markanten Kopfschmuck des zweibeinigen Ungetüms, um ihn vor Beschädigungen zu bewahren. Und weil das verpackte Fabelwesen für den Lkw zu hoch ist, muss der Torso nach vorne gekippt die Reise nach Herne antreten.

Arche Noah verpasst

Seit 1998 gehört das kuriose Skelett aus Epoxydharz zum Museum am Schölerberg. Damals wurde es eigens angefertigt für die Ausstellung „Hat das Einhorn die Arche Noah verpasst?“ Es ging es um Tiere, die der Vorstellungswelt des 17. Jahrhunderts entsprungen sind. Den Forschern jener Zeit war das Einhorn zwar aus der der Bibel, aber nicht aus der Natur bekannt. Da lag es nahe, dass es nicht den Weg auf Noahs Arche gefunden hatte.

Für das Archäologische Museum des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (LWL) in Herne zählt die Leihgabe aus Osnabrück zu den herausragenden Exponaten. Weitere Fälschungen warten darauf, entlarvt zu werden. „Eine vielschichtige, humoristische Ausstellung“für Kinder und Erwachsene verspricht Museumsleiter Josef Mühlenbrock. Ende des Jahres soll die Fake-Show in Hildesheim gezeigt werden. 2019 darf das zweibeinige Hörnchen nach Osnabrück zurückkehren.

Bibel falsch übersetzt

Sinn für Humor lässt schon der Umstand erkennen, dass das Einhornskelett vom Schölerberg vor einem naturwissenschaftlichen Museum steht. Als selbstironische Warnung, dass auch Forscher gelegentlich Fake News verbreiten. Auf sehr, sehr dünnes Eis wagte sich der angesehene Physiker Otto von Guericke, über dessen Magdeburger Halbkugelversuch die Schulbücher noch heute berichten. Aus diversen Knochen, die Zeitgenossen in der Nähe von Quedlinburg gefunden hatten, setzte er ein Skelett zusammen, das ein zweibeiniges Einhorn darstellen soll. Es ist das Vorbild für die 20 Jahre alte Epoxydharz-Installation aus Osnabrück.

An der Existenz von Einhörnern wurde in Guerickes Jahrhundert nicht gezweifelt. Marco Polo will eines der sagenumwobenen Exemplare auf Sumatra entdeckt haben. Andere Weltreisende berichten von Einhornbegegnungen in Indien und Äthiopien.

Der Einhorn-Kult geht möglicherweise auf einen Übersetzungsfehler zurück. Als das Alte Testament im dritten Jahrhundert vom Hebräischen ins Griechische übertragen wurde, musste für ein seltsames Tier namens Re‘em ein passender Begriff gefunden werden. Gemeint war offensichtlich der Auerochse, aber für die Bibel wurde daraus ein „monokeros“ – was auf Deutsch nichts anderes als „Einhorn“ heißt.

Lächel-Monster

Damit war die Karriere des Fabeltiers vorgezeichnet. Und der Magdeburger Otto von Guericke befand sich in guter Gesellschaft, als er das seltsame Wesen, von dem schon so oft berichtet worden war, aus Knochenfunden zu rekonstruieren versuchte. Dass der Physiker, der auch an den Verhandlungen zum Westfälischen Frieden beteiligt war, ein zweibeiniges Einhorn schuf, dürfte der zufallsbedingten Zusammensetzung seines Fundmaterials geschuldet sein.

Wie der Zufall so spielte, stammten die Oberschenkelknochen offenbar von einem Wollnashorn, das Horn vom Narwal, die Beinknochen, Schulterblätter und Backenzähne von einem Mammut. Dessen Existenz sei im 17. Jahrhundert noch gar nicht bekannt gewesen, vermerkt Museumsleiter Norbert Niedernostheide. Er betrachtet es als „wissenschaftliche Leistung“, dass ein Mensch damals überhaupt eine Skelettrekonstruktion von fossilen Wirbeltierknochen zustande gebracht hat – auch wenn das Ergebnis nur ein Fantasiewesen ist. Immerhin: Das Monster, das zu lächeln scheint, hat seine Fans. Museums- oder Zoobesucher verabreden sich mit Vorliebe am Einhorn.


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