Wochen gegen Rassismus haben begonnen Altmodische Messe als Statement gegen Rassismus?

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Deutsch-syrischer Dialog: Musiker des Syrian Expat Philharmonic Orchestra und das Vocalensemble Marienhain eröffnen die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Foto: Thomas OsterfeldDeutsch-syrischer Dialog: Musiker des Syrian Expat Philharmonic Orchestra und das Vocalensemble Marienhain eröffnen die Internationalen Wochen gegen Rassismus. Foto: Thomas Osterfeld

Osnabrück. Mit einer deutsch-syrischen Musikkooperation und einer klugen Rede von Schirmfrau Tupoka Ogette haben am Montag die Internationalen Wochen gegen Rassismus begonnen.

Natürlich ist das alles beeindruckend; Chor und Orchester zusammen schauen immer imposant aus. Das Besondere des Anblicks im Altarraum der Katharinenkirche erschließt sich aber erst durch den Blick ins Programmheft: Vor dem Vokalensemble Marienhain aus Vechta, sitzt ein Orchester aus Musikerinnen und Musikern, die ihre Heimat verlassen haben, verlassen mussten. „Syrian Expat Philharmonic Orchestra“ heißt es, kurz Sepo, und gegründet hat es der Kontrabassist Raed Jazbeh 2015. Er wollte damals die Profis zusammenführen, die der Krieg aus ihrer Heimat vertrieben hat. Weiterlesen: Das Programm der Wochen gegen Rassismus

Was wollen wir sagen?

Mit der deutsch-syrischen Kooperation erfährt die Eröffnung der Internationalen Wochen gegen Rassismus am Montagabend in St. Katharinen ihren musikalischen und publikumswirksamen Höhepunkt. Vorausgegangen war ein Empfang im Lutherhaus, bei dem Schirmfrau Tupoka Ogette sehr viel Kluges über Rassismus sagt. Nicht der Rassismus der extremen Rechten ist dabei ihr Thema, sondern der alltägliche Rassismus, nicht der „Rassismus der anderen“, sondern „der Rassismus in uns allen, der mit einem Lächeln daherkommt“, weil er „Teil unserer Sozialisation“ ist. Darüber müsse man, „reden, aber ohne zu moralisieren“. Wir müssen „beginnen zu verstehen, wie tief Rassismus in unserer Geschichte steckt“, sagt sie. Die Frage sei aber nicht, „was wir sagen dürfen, sondern was wir sagen wollen“.

Eine gute Stunde später übernimmt die Musik das Wort. Denn die richtet sich angeblich weniger an den Verstand als an das Gefühl, weshalb sie jeder versteht, sagt ein Gemeinplatz. Das prädestiniert sie als Weltsprache für den Dialog der Kulturen und natürlich auch für ein ein Statement gegen Rassismus. So dachten die Organisatoren wohl und setzten die Missa pro pace terrae in tempore fugae“, die Messe für den Frieden in Zeiten der Flucht von Constantin Grun aufs Programm. Weiterlesen: Die Gründung des Sepo

Der Komponist hat die Abschnitte der katholischen Messe vertont. Den einzelnen Sätzen von Kyrie bis Agnus Dei schickt er Texte Navid Kermanis voraus, in denen der Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels von seinen Erlebnissen mit Flüchtlingstrecks auf der griechischen Insel Lesbos berichet und über Eindrücke von Deutschland angesichts der sogenannten „Flüchtlingskrise“ spricht.

Gruns Komposition hinkt allerdings Kermanis Aktualität gute anderthalb Jahrhunderte hinterher: Die Messe klingt, als habe Schubert verpasst, sie zu komponieren. Aber Grun hat in bester Absicht gehandelt, und die Ausführenden haben sein Werk in beachtlicher Qualität aufgeführt. Unter der Leitung von Robert Eilers haben Rasha Rizk (Sopran), Mirna Kassis (Alt) Johannes Weiss (Tenor) und Falko Höhnisch (Bass und Sprecher) eindrucksvoll die Soloparts gesungen. Weiterlesen: Musiker des Sepo beim Morgenland Festival

So entsteht ein interkulturelle Dialog auf professionellem Niveau: Der deutsche Chor singt in Kompositionen von Issaam Rafea arabisch, syrische Musikerinnen und Musiker spielen eine katholische Messe. Und vielleicht liegt gerade in dem Umstand, dass die Musik gestrig und ein bisschen gefühlig daherkommt, das Geheimnis des Erfolgs. Allerdings wäre das Sepo gut beraten, sich mit aktuellerer, brisanterer Musik zu beschäftigen. Sonst stehen die persönlichen Schicksale der künstlerischen Anerkennung im Weg – womit wir wieder beim Problem des „lächelnden Rassismus“ wären. Oder?


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