Serie zum Osnabrücker Wissensforum Haben Tiere menschliche Gefühle und Denkweisen?

Von Chadi Touma (Gastautor)

Chadi Touma ist Professor für Verhaltensbiologie. Foto: Gert WestdörpChadi Touma ist Professor für Verhaltensbiologie. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Beim 10. Osnabrücker Wissensforum im November 2017 haben 32 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Verhaltensbiologie. Haben Hunde, Katzen, Raben menschliche Gefühle und Denkweisen?

Obwohl viele Halter von Haustieren intuitiv anders antworten würden, ist die wissenschaftliche Antwort eindeutig: Nein, Hunde, Katzen oder Raben haben keine „menschlichen“ Gefühle und Denkweisen. Diese sind dem Menschen vorbehalten. Aber das bedeutet nicht, dass Tiere keine Gefühle haben und sich wie Reflexautomaten verhalten. Tiere oder besser gesagt nicht-menschliche Tiere zeigen je nach Entwicklungshöhe sehr wohl verschiedene Emotionen und teilweise erstaunliche kognitive Fähigkeiten. Diese sind artspezifisch und beinhalten auch Leistungen, die man lange nur dem Menschen zugeschrieben hatte.

Artunterschiede sind gradueller Natur

Bereits Charles Darwin widmete sich dem Thema. Er wandte das Konzept der evolutionären Kontinuität nicht nur auf anatomische und physiologische Eigenschaften an, sondern auch auf Gefühle und geistige Leistungen. Zahlreiche Ergebnisse der Verhaltensforschung stützen diese Überlegungen, wonach Artunterschiede gradueller Natur sind und menschliche Eigenschaften zumindest in Vorstufen bei Tieren beobachtet werden können. (Weiterlesen: Roboter als Star des Abends beim 10. Osnabrücker Wissensforum)

Ein Problem bei der Erforschung des Gefühlslebens von Tieren ist aber, dass die tierischen Probanden nicht verbal auf unsere Fragen antworten können. Wir müssen uns also auf die Interpretation ihres Verhaltens verlassen und können auch physiologische Reaktionen und neuronale Prozesse einbeziehen, um Analogieschlüsse zwischen Mensch und Tier zu ziehen. Die Qualität tierischer Emotionen lässt sich damit zwar nicht studieren. Deutliche Gemeinsamkeiten zum Beispiel in Aufbau und Funktion von Hirnstrukturen, die maßgeblich an der Entstehung und Regulation von Emotionen beteiligt sind, legen aber den Schluss nahe, dass basale Emotionen – wie zum Beispiel Angst – bei Säugetieren, Vögeln und Reptilien vorhanden sein dürften. Diesen Umstand machen wir uns zunutze, um etwa in der biomedizinischen Forschung die molekularen Grundlagen und Steuerungsmechanismen von Emotionen in sogenannten Tiermodellen zu untersuchen.

Hunde zeigen Freude

Neuere Verhaltensexperimente belegen das Vorhandensein von Furcht und Frustration bei Katzen. Hunde zeigen auch Freude und verfügen außerdem über ausgeprägte Kooperations- und Kommunikationsfähigkeiten, speziell mit menschlichen Partnern. Raben sind sogar in der Lage, sich in Artgenossen hineinzuversetzen und deren Absichten zu deuten. Bei Gefühlen wie Wut, Trauer und Eifersucht sind sich die Forscher noch uneins, aber zum Beispiel Mitleid, Schuld und Reue ließen sich bisher genauso wenig wissenschaftlich nachweisen wie höhere mathematische Fähigkeiten.

Vorschnelle Schlussfolgerungen vermeiden

In jedem Fall sind bei der Interpretation von tierischem Verhalten vorschnelle Schlussfolgerungen unbedingt zu vermeiden, um nicht in die Falle des Anthropomorphismus zu tappen, also unsere Neigung, menschliche Eigenschaften in andere Lebewesen hineinzuprojizieren. Das Phänomen, dass die eigene Erwartungshaltung die Ergebnisse eines Experiments oder einer Beobachtung deutlich beeinflussen kann, ist lange bekannt und muss vermieden werden, um valide wissenschaftliche Ergebnisse zu erhalten.


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 10. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 11. Wissensforum findet am Freitag, 16. November 2018, statt.