Serie zum Osnabrücker Wissensforum Wie soll man auf die Terroranschläge des IS reagieren?

Von Ulrich Schneckener (Gastautor)

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Ulrich Schneckener ist Professor für Kultur- und Sozialwissenschaften. Foto: Gert WestdörpUlrich Schneckener ist Professor für Kultur- und Sozialwissenschaften. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Beim 10. Osnabrücker Wissensforum im November 2017 haben 32 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Paris, Brüssel, Berlin oder Barcelona: Wie reagieren auf die Terroranschläge des IS?

Der Terrorismus ist in den Alltag eingesickert, nachdem öffentliche Orte wie Museen, Flughäfen, Bahnhöfe, Konzerthallen, Flaniermeilen oder Weihnachtsmärkte zu Anschlagszielen wurden. Westeuropa erlebt eine anhaltende Welle von Attentaten, bei denen ein direkter oder mittelbarer Bezug zum sogenannten Islamischen Staat (IS) besteht. Von Mai 2014 bis August 2017 gab es mindestens 38 Anschläge unterschiedlicher Größenordnung in acht westeuropäischen Staaten, davon 16 in Frankreich, sieben in Belgien und sechs in Großbritannien. Deutschland war fünfmal betroffen.

Rückschlüsse auf Taktik und Möglichkeiten

Obgleich es kein einheitliches Muster gibt, lassen sich Häufungen feststellen, die Rückschlüsse auf Taktik und Möglichkeiten des IS erlauben: 30 Anschläge wurden von Einzeltätern begangen, viermal war ein Täterduo aktiv. In 16 Fällen wurden Stichwaffen genutzt, neunmal Fahrzeuge, siebenmal Schusswaffen und sechsmal Sprengsätze. Mehr als die Hälfte der insgesamt 62 Attentäter war den Sicherheitsbehörden zuvor bekannt, sei es durch die Einstufung als „Gefährder“, sei es durch kriminelle Aktivitäten. Rund zwei Drittel der Attentäter sind im Land der Tat geboren oder aufgewachsen. Lediglich fünf kamen als Flüchtlinge oder Asylbewerber nach Europa, ehe sie sich hier radikalisierten. Mehr als 85 Prozent aller Todesopfer gingen auf das Konto der fünf größten Anschläge, bei 19 Attentaten gab es keine Toten, bei zwölf mehr als zwei Tote. (Weiterlesen: Roboter als Star des Abends beim 10. Osnabrücker Wissensforum)

Einfache Machart

Diese Zahlen belegen, dass der IS primär auf Anschläge einfachster Machart durch Einzeltäter setzt, was im Einzelfall größere Kommandooperationen wie in Paris oder Brüssel keineswegs ausschließt. Das Drehbuch dafür skizzierte der IS im September 2014, als er seine Anhänger detailliert zu genau solchen Aktionen aufgerufen hatte, nachdem sein „Kalifatsprojekt“ in der Kriegsregion Syrien/Irak militärisch verstärkt unter Druck geraten war. Seither versucht der IS die „Kampfzone“ in Richtung Europa auszuweiten – mit dem erklärten Ziel, dass „jeder Nachbar seine Nachbarn fürchten solle“.

Dem Kalkül nicht in die Karten spielen

Wie nun darauf reagieren? Die wichtigste Grundregel lautet: Handele stets so, dass deine Reaktion nicht dem terroristischen Kalkül in die Karten spielt. Gesellschaft, Politik und Medien sollten sich darüber im Klaren sein, dass Terrorismus von Aufmerksamkeit und Gegenreaktionen lebt. Er will den Adressaten in einen jahrelangen, zermürbenden „Kleinkrieg“ verwickeln. Er zielt auf die Verbreitung von Verunsicherung, Angst und Schrecken, er strebt nach einer Spaltung der Gesellschaft und möchte staatliche Maßnahmen provozieren, um liberale Demokratien als im Kern „illiberal“ und „undemokratisch“ zu entlarven.

Sondersendungen nicht hilfreich

Wenig hilfreich sind daher erstens mediale Reflexe in Form von Sondersendungen und Talkshows, die das schockierende Gewaltereignis in einer Art Dauerschleife in den Köpfen verankern und damit jene psychologischen Effekte steigern, auf die es Terroristen abgesehen haben. Wenig hilfreich ist zweitens ein staatlicher Paternalismus im Umgang mit dem Terrorrisiko, wie er in der Formulierung des Innenministers zum Ausdruck kam, wonach „ein Teil dieser Antworten die Bevölkerung verunsichern“ würde. Dieser Satz trug unbeabsichtigt erst recht zur Verunsicherung bei und signalisierte eine Form der Bevormundung, die kaum mit einer offenen Gesellschaft vereinbar ist, der Risiken zugemutet werden müssen und die lernen muss, damit einen aufgeklärten Umgang zu finden.

Geradezu gefährlich sind drittens Versuche rechtspopulistischer beziehungsweise islamfeindlicher Gruppen, jeden Terrorakt für die eigene Agenda der gesellschaftlichen Polarisierung zu nutzen. Diese Kräfte sind aktiv an einer Spirale der Ko-Radikalisierung beteiligt, bei der sich extremistische Bewegungen – hier salafistisch-dschihadistische Milieus, dort Rechtsradikale – gegenseitig befeuern. Die Folgen davon lassen sich in Frankreich schon länger beobachten. Es bleibt daher eine wichtige Aufgabe, diesen Kräften entgegen zu wirken und für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzutreten, ohne dabei Konflikte und Risiken zu beschönigen.


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 10. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 11. Wissensforum findet am Freitag, 16. November 2018, statt.

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