Serie zum Osnabrücker Wissensforum Radikalisierung jugendlicher Dschihadisten: Wie kann Prävention gelingen?

Michael Kiefer (Gastautor)

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Michael Kiefer ist Lehrbeauftragter am Institut für Islamische Theologie. Foto: Gert WestdörpMichael Kiefer ist Lehrbeauftragter am Institut für Islamische Theologie. Foto: Gert Westdörp

Osnabrück. Beim 10. Osnabrücker Wissensforum im November 2017 haben 32 Professoren der Universität Osnabrück Fragen von Lesern der Neuen Osnabrücker Zeitung beantwortet. Heute als Beitrag: Radikalisierung jugendlicher Dschihadisten. Wie kann Präventionsarbeit im Elternhaus und in der Schule gelingen?

Prävention kann nur dann gelingen, wenn sie wissensbasiert ist. Deshalb soll zunächst dargelegt werden, was unter Radikalisierung verstanden wird und welche Faktoren dabei eine Rolle spielen. Zunächst ist zu konstatieren, dass es in der Forschung keine einheitliche Sichtweise gibt. Randy Borum zum Beispiel beschreibt Radikalisierung als einen vierstufigen linearen Prozess, der von der Beschwerde („Es ist nicht richtig!“) bis zur Distanzierung und Abwertung („Du bist/ihr seid böse!“) führt.

Ein anderes Modell vertritt Zeyno Baran. Sie vergleicht den Radikalisierungsprozess mit einem Fließband, auf dem verschiedene Elemente, Einflüsse und Ereignisse Schritt für Schritt hinzukommen. Eine ähnliche Auffassung vertreten auch die Bielefelder Gewaltforscher Nils Böckler und Andreas Zick. Sie beschreiben Radikalisierung gleichfalls als einen „sozialen Prozess, der zu einer extremen Polarisierung von Gefühlen, Überzeugungen und Verhaltensweisen führt, die mit der gesellschaftlichen Norm inkonsistent ist sowie zu Extremismus und letztendlich zu Gewalt führt“.

Viele Faktoren spielen Rolle

Doch damit ist noch längst nicht erklärt, wie junge Menschen zu Dschihadisten werden beziehungsweise welche Faktoren im Prozess eine Rolle spielen. Genau hier wird es kompliziert. Nach Lage der Dinge spielen viele Faktoren in unterschiedlichen Konstellationen eine Rolle. In der Forschung spricht man daher von multifaktoriell beeinflussten Prozessen. (Weiterlesen: Roboter als Star des Abends beim 10. Osnabrücker Wissensforum)

Zu den Faktoren gerechnet werden unter anderem Attraktivitätsmomente der salafistischen Ideologie (Selbsterhöhung), jugendphasentypische Aspekte (wie Lust an Provokation), Krisenerfahrungen (wie ein Todesfall in der Familie), Diskriminierungserfahrungen (aufgrund von Herkunft oder Religion), objektive Konfliktlagen (wie den Syrienkrieg), Gruppeninteraktionen (wie Abgrenzung und Überbietung) und schließlich die Religion. Welche Faktoren sich als wirkmächtig erweisen, ist stets abhängig von der individuellen Situation. In Gänze betrachtet, bedeutet dies, dass Radikalisierung nie nach einem einheitlichen Muster verläuft. Genau dieser Sachverhalt stellt die Prävention vor eine schwierige Aufgabe.

Kein Patentkonzept

Wie kann man Radikalisierung verhindern? Ein Patentkonzept kann es aus den hier skizzierten Gründen nicht geben. Prävention kann dann gelingen, wenn sie früh ansetzt und über zwei Handlungsstränge verfügt. Als erster Handlungsstrang ist die konsequente Stärkung der Schutzfaktoren zu nennen. Es geht schlicht darum, dass in Anlehnung an Zeyno Baran keine negativen Erfahrungen auf dem „Fließband“ abgelegt werden. Dies bedeutet unter anderem, Bildungsverläufe sicher zu gestalten und Diskriminierung zu vermeiden.

Im Zentrum des zweiten Handlungsstrangs steht die „wachsame Sorge“. Haim Omer beschrieb dieses mehrstufige Konzept ursprünglich als eine Aufgabe der fürsorglichen elterlichen Begleitung. In der Radikalisierungsprävention umfasst sie alle relevanten Akteure der Lebenswelt eines gefährdeten jungen Menschen. Wenn die „wachsame Sorge“ gut funktioniert, schafft sie in Krisenphasen eine fokussierte Aufmerksamkeit, in der Eltern, Lehrkräfte und Schulsozialarbeit eine hohe Präsenz zeigen, die ein Entgleiten des Schützlings zu verhindern vermag.


Über das Internetangebot der Universität Osnabrück sind die Beiträge des 10. Wissensforums auch als Video abrufbar unter www.uni-osnabrueck.de/wissensforum.

Das 11. Wissensforum findet am Freitag, 16. November 2018, statt.

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN