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Erinnerungen an den Palmsonntag 1945 Bombardierung verfolgt Osnabrückerin bis in ihre Träume

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Zufluchtsort: Die Osnabrückerin Elli Meyberg kehrt nach 73 Jahren zurück in den Keller, in dem sie mit ihrer Mutter Schutz vor den Bomben suchte. Foto: David Ebener Zufluchtsort: Die Osnabrückerin Elli Meyberg kehrt nach 73 Jahren zurück in den Keller, in dem sie mit ihrer Mutter Schutz vor den Bomben suchte. Foto: David Ebener

Osnabrück. Am Palmsonntag 1945 bombardieren die Engländer Osnabrück ein letztes Mal. In einer ohnehin schon zerstörten Stadt sterben 178 Menschen. Eine Zeitzeugin erzählt von Stunden in Todesangst.

Die angstvollen Bilder aus dem Keller verfolgen Elli Meyberg noch Jahrzehnte später bis in ihre Träume. Sie irrt durch ein unterirdisches Labyrinth aus Räumen und Gängen. Wo sind nur die Kinder geblieben? Über ihr tosen die Flugzeuggeschwader. Unter ihr bebt der Boden, als eine Bombe in der Nähe aufschlägt. „Das waren Albträume. Ich bin aufgewacht und die Erinnerungen waren wieder ganz nah“, sagt die 93-jährige Osnabrückerin. 

Bis in die Träume: Zeitzeugin Elli Meyberg ließen die angstvollen Stunden im Luftschutzkeller lange nicht los. Foto: David Ebener

Vor genau 73 Jahren hat Elli Meyberg die letzte schwere Bombardierung Osnabrücks im Zweiten Weltkrieg erlebt. Es war der 25. März 1945, Palmsonntag. Die Bomben machten keine Pause, nicht an Sonntagen und auch nicht in der stillen Woche, die für evangelische Christen wie Elli Meyberg mit dem Palmsonntag beginnt und mit Ostern endet.

Angst und Dankbarkeit

In diesem Jahr fällt der 25. März, das historische Datum, wieder auf den Palmsonntag. Für die 93-Jährige war das der Anlass, ihre Geschichte zu erzählen. Elli Meyberg will über die existenziellen Ängste sprechen, die in den letzten Kriegswochen beinahe alltäglich geworden waren. Und sie möchte über Dankbarkeit sprechen. „Dass man überhaupt noch da ist. Dass wir überlebt haben und bewahrt wurden: Das macht mich zutiefst dankbar“, sagt sie. 

„Die Erinnerungen waren wieder ganz nah": Elli Meyberg im Alter von 20 Jahren. Foto: David Ebener

1945 war Elli Meyberg 20 Jahre alt, ein Einzelkind. Mit ihrer Mutter wohnte sie in der Wörthstraße unweit des Rosenplatzes. Ihr Vater war im Dezember 1943 an einer Lungenentzündung gestorben. An Heiligabend hatten sie ihn beerdigt. Wenn die Sirenen losheulten, eilten Elli Meyberg und ihre Mutter zum Luftschutzkeller unter der Lutherkirche an der Miquelstraße. Das war ihre Gemeinde. Auch viele Nachbarn suchten dort Schutz.

Gedankenreise in die Vergangenheit

Den Keller gibt es heute noch. Er hat sich kaum verändert. Eine steile Wendeltreppe aus Stein führt hinab, ein Geländer fehlt. So sicher, wie Elli Meyberg die Stufen betritt, würde man die alte Dame für viele Jahre jünger halten. Sie läuft ohne Stock, ihr Blick ist klar, manchmal blitzt in den braun-grünen Augen hinter der randlosen Brille etwas Jugendlich-schelmisches auf.

Wendeltreppe in die Tiefe: Diese Stufen nahmen Elli Meyberg und ihre Mutter, wenn sie in den Luftschutzkeller flüchteten. Foto: David Ebener

Nicht aber in diesem Moment, in dem sich die Augen an das karge Licht im Keller hinter der dicken Eisentür gewöhnen müssen. Die 93-Jährige schaut um sich und man hat das Gefühl, sie reist mit ihren Gedanken gerade 73 Jahre zurück in die Vergangenheit. „Hier saßen wir damals zusammengekauert, meine Mutter und ich, ganz nah beieinander, auf kargen Holzbänken ohne Lehnen. Die Wolldecken hatten wir über uns gelegt und die Hände gefaltet.“ 

Trifft es uns dieses Mal?

Die Bänke sind nicht mehr da, dafür die Erinnerung an das Gefühl zu wissen: Jetzt gleich geht es los. Und nicht zu wissen: Was wird kommen? Trifft es uns dieses Mal? „Es herrschte eine atemlose Stille“, sagt Elli Meyberg. „Dann hörten wir die Bomber.“ 

Die Regale standen während des Krieges nicht in dem Keller. Sonst hat er sich kaum verändert. Elli Meyberg blickt auf die Wand, an der die Holzbänke lehnten. Foto: David Ebener

Der Palmsonntag 1945 hatte als schöner Frühlingstag begonnen. Warm sollte es werden, 19 Grad. „Als ich die Verdunklung des Fensters entfernte, grüßte mich vom klarblauen Himmel die strahlende Sonne“, so hat es Elli Meyberg aufgeschrieben, als sie den Mitgliedern ihrer Kirchengemeinde jüngst von jenem Morgen erzählte, an dem bald Rauchwolken den Himmel über der Stadt schwärzen und die Sonne verdecken sollten. 

Es war eine erholsame Nacht gewesen. „Wir hatten schlafen dürfen“, erinnert sich Elli Meyberg. Sie legte sich immer halb angezogen ins Bett, suchte vorher warme Kleidung zum Überziehen heraus und schmierte vorsorglich eine Schnitte Brot, damit es schnell ging, wenn nachts der Alarm losschlug. „Wir hatten kaum Nächte ohne Alarm. Deshalb freuten wir uns so über den ruhigen Schlaf.“

Da schlugen die Sirenen los

Die Meybergs frühstückten und wollten anschließend den Palmsonntagsgottesdienst in der Lutherkirche besuchen. Doch dazu kam es nicht. Die Sirenen begannen zu heulen. Erst tönte der Voralarm durch die Straßen, dann das anhaltende Geheul des Vollalarms. „Spätestens da wussten wir, dass es ernst war und uns nicht viel Zeit blieb“, sagt Elli Meyberg.

Angst statt Andacht: Als am Palmsonntag der Vollalarm losbricht, suchen Elli Meyberg und ihre Mutter Schutz im Keller unter der Lutherkirche. Foto: David Ebener

Ihre Mutter und sie zogen die Mäntel über, griffen sich jeweils eine Wolldecke und nahmen das gepackte Täschchen mit, das sie stets vor der Wohnungstür bereitstellten. Eine Wäschegarnitur für jeden war darin, Strümpfe, ein Becher, ein Löffel und ein Messer. Elli Meyberg fand noch Platz für ihre Bibel und ein Gesangsbuch. Und sie bewahrte darin das Foto ihres lieben Freundes auf. Karl-Edzard, der als Funker in Russland stationiert war und mit dem sie ein Versprechen verband: aufeinander zu warten, was immer auch passiere. Erst 1948 sollte Karl-Edzard aus russischer Gefangenschaft zurückkehren, ein Jahr später sollten sie sich verloben, ein weiteres Jahr später heiraten. Ihr Versprechen: Das hatten sie gehalten. 

„Dieser Angriff galt uns"

Die Sirenen jaulten weiter, während die Meybergs so schnell es ging zur Lutherkirche liefen. Die Eisentür war noch nicht ins Schloss gefallen, da sauste ein Aufklärungsflugzeug im Tiefflug über die Stadt hinweg. „Da war uns klar: Dieser Angriff gilt uns“, erinnert sich die alte Dame. Mit rund 20 anderen Menschen harrten sie in dem Keller aus und warteten auf die ersten Einschläge.

Der Luftangriff am Palmsonntag traf eine bereits weitgehend zerstörte Stadt. Hier: die Lohstraße in der Altstadt. Foto: NOZ Archiv

78 teils verheerende Bombenangriffe hatte Osnabrück zu diesem Zeitpunkt schon erlebt. Die Altstadt war weitgehend zerstört, auch in anderen Stadtteilen sahen ganze Straßenzüge eher aus wie die Kulisse eines Geisterfilms denn wie Wohngebiete. 

Gewaltige Logistik, minutiöse Planung

Die britischen Truppen standen nur noch 100 Kilometer von der Stadtgrenze entfernt. Dass sie Osnabrück einnehmen würden, war eine Frage der Zeit. Aus lokaler Perspektive erscheine die Palmsonntagsbombardierung rückblickend deshalb als nicht mehr notwendig und wirke besonders tragisch, sagt Christoph Rass, Professor für Neueste Geschichte an der Universität Osnabrück. Die Alliierten hatten allerdings einen Plan: Sie wollten die deutschen Nachschublinien nach Westen kappen. Zudem folgte die Bombardierung einer größeren Logik: „Briten und Amerikaner führten seit 1941/42 einen strategischen Bombenkrieg gegen Deutschland. Dahinter steckten eine gewaltige Logistik, riesige Materialmengen und eine minutiöse Planung“, so der Historiker. Eine solche Maschinerie lasse sich nicht einfach anhalten. 


Gewaltige Logistik, minutiöse Planung: Die Briten dokumentierten ihre Bombenangriffe mit Luftaufnahmen. Foto: Archiv NOZ

Die Bombenangriffe hatten eine dreifache Zielsetzung: Sie sollten die Infrastruktur lähmen, Produktionsstätten zerstören und die Moral der Bevölkerung zermürben, wie Rass erklärt. „Die Vorstellung, dass der Druck auf die Zivilbevölkerung bewirken würde, dass die Menschen bereit wären aufzugeben, stellte sich aber als falsch heraus.“

 „Eine menschenverachtende Form der Kriegsführung"

So wurde der Luftkrieg bis zum bitteren Ende weitergeführt. „Das Flächenbombardement von Wohngebieten war eine menschenverachtende Form der Kriegsführung, aber man muss sich immer wieder vor Augen führen, dass die Deutschen damit angefangen haben“, gibt Professor Rass zu bedenken. Guernica, Warschau, Rotterdam sowie die deutschen Luftangriffe auf Großbritannien etwa waren die Vorläufer des Alliierten Bombenkrieges. „Die Welt schlug zurück im Angesicht eines mörderischen Regimes.“

132 Bomber des Typs Halifax ließen ihre explosive Fracht über Osnabrück fallen. Foto: Wikimedia

Am Palmsonntag 1945 tat sie es in Osnabrück. Elli Meyberg und ihre Mutter zogen sich die Wolldecken über den Kopf und drängten sich aneinander. Die feuchte Kälte des Kellerbodens zog über die Füße in den gesamten Körper. Das Dröhnen der Bombengeschwader rückte näher, eine Formation aus 132 Bombern des Typs Hallifax, 14 Lancaster-Bombern und 10 Mosquito, wie es der Heimatforscher Wido Spratte in seinem Buch „Im Anflug auf Osnabrück“ dokumentiert. „Es lag eine unheimliche Spannung in der Luft. Mein Herz raste“, sagt Elli Meyberg.

Es regnet Brandbomben

„Um 9.48 Uhr fiel der erste Bombenteppich zwischen Wall und Wüste, dann regnete es Brandbomben auf die Neustadt“, schreibt Spratte. Im Keller unter der Lutherkirche hörten sie die Flugzeuge brausen und die Bomben durch die Luft zischen. „Bei jedem Einschlag wurde der Boden erschüttert“, erinnert sich die 93-jährige Osnabrückerin. 

„Es kam uns viel länger vor“: Nach zweieinhalb Stunden konnten die Menschen den Luftschutzkeller wieder verlassen. Foto: David Ebener

Ansonsten sei es still gewesen. Sie habe die ganze Zeit gebetet. Zweieinhalb Stunden kauerten die Menschen in den Luftschutzbunkern und Kellern. „Es kam uns viel länger vor“, sagt Elli Meyberg. Als sie die Eisentür öffneten und die Treppen emporstiegen, ließ ihnen die verbrannte Luft Tränen in die Augen steigen. Draußen über der Stadt lag eine einzige riesige Rauchwolke. In Anspielung an den lateinischen Namen „Palmarum“ ging der 25. März 1945 als Qualmarum“ in die Stadtgeschichte ein.

Qualmarum: Osnabrück verschwand hinter einer schwarzen Rauchwolke. Foto: David Ebener

Das Haus der Meybergs blieb verschont. „Wir mussten nur Mörtel von den Möbeln und vom Boden wischen.“ Doch als andere Hausbewohner an diesem Tag zurückkehrten, bekamen Elli Meyberg und ihre Mutter eine Ahnung von der gewaltigen Vernichtung, die die Bomben angerichtet hatten.

„Kaum jemand überlebte"

Viele der Nachbarn hatten in einem großen Bunker an der Brinkstraße im Stadtteil Kalkhügel Schutz gesucht. Dort explodierte ein Sprengsatz direkt vor einem der Eingänge. Die Bombe „fegte die beiden Schutzmauern hinweg, zerfetzte die Tür und schleuderte ihre gewaltige Sprengkraft ungehindert in das Innere der Höhle“, heißt es im Buch „Im Anflug auf Osnabrück“. Und weiter: „In einer Stollenlänge von 80 Metern überlebte kaum jemand. Den ersten Rettungsmannschaften bot sich später ein Bild, das es in seiner Grausamkeit während des ganzen Luftkrieges gegen Osnabrück bisher noch nicht gegeben hatte. Über hundert Menschen waren auf der Stelle tot: von Gesteinsstücken erschlagen, vom Luftdruck zerfetzt, verblutet oder durch Kohlenoxydgase vergiftet.“  

Auf vielen Grabmälern steht ein Datum: 25. März 1945. Foto: David Ebener


Auf dem Johannisfriedhof erinnern auf einem Gräberfeld Hunderte Steine an das Schicksal der Menschen, die bei den 79 Bombenangriffen auf Osnabrück getötet wurden. Auf vielen steht ein Datum: 25. März 1945. Elli Meyberg geht hier manchmal spazieren. Das inzwischen eingeebnete Grab ihrer Eltern lag ganz in der Nähe des Felds. Einige der Namen auf den bemoosten Steinen kennt die 93-Jährige. Es waren Nachbarn und Gemeindemitglieder. 

Besonders einen Todesfall kann sie nicht vergessen. Auch dieses Grabmal findet sich auf dem Johannisfriedhof. Der dreijährige Sohn eines Gemeindevorstehers war im Dezember 1944 vor dem Bunker an der Brinkstraße zerquetscht worden. Das Kind hatte in einem Buggy gesessen, als Panik am Eingang ausbrach. In Todesangst vor anfliegenden Bombern waren Menschen auf den Kinderwagen gesprungen.

Die ureigene Angst um die Kinder

„Wie man so einen Schicksalsschlag verkraften soll, das weiß ich wirklich nicht“, sagt Elli Meyberg. Sie bekam nach dem Krieg zwei Kinder mit ihrem Mann Karl-Edzard, hat inzwischen vier Enkel und zwei Urenkel. In die späteren Bombenalbträume drängte sich immer wieder die ureigene Angst: Dass den Kindern etwas zustoßen könnte.

Die Toten des Luftkriegs: Elli Meyberg geht auf dem Johannisfriedhof spazieren. Einige der Namen auf den Grabmälern kennt sie. Foto: David Ebener

Die Bilanz des Luftangriffs am Palmsonntag fiel verheerend aus: Mindestens 178 Menschen starben, 241 wurden verletzt, 15.000 Osnabrücker wurden obdachlos. 2518 Spreng- und 1500 Brandbomben fielen aufs Stadtgebiet, 35 Luftminen und 200.000 Stabbrandbomben richteten einen enormen Schaden an, der sich kaum beziffern lässt. Stadtteile, die zuvor schon stark zerstört waren, lagen endgültig in Schutt und Asche. 65 Prozent der Gebäude im Stadtgebiet waren bei Kriegsende zertrümmert. Zehn Tage sollte es noch dauern, dann nahmen die Alliierten Osnabrück ein.

Der Rosenplatz glich im Frühjahr 1945 einer Trümmerwüste. Foto: Imperial War Museum

Die Erlebnisse von Elli Meyberg stehen stellvertretend für die Erlebnisse von Zigtausenden Osnabrückern, die in Kellern und Bunkern um ihr Leben fürchteten, während über ihren Köpfen die Bomben explodierten. „Kinder, Frauen und alte Leute waren die wirklichen Opfer des Bombenkrieges“, schreibt Heimatforscher Spratte.

Wenn Elli Meyberg heute Bilder aus syrischen Städten sieht, dann erinnert sie sich an die Angst im Keller. Und sie hat den Rosenplatz vor Augen, der 1945 einer Geröllwüste ähnelte. Die alte Dame schüttelt den Kopf. „Dass die Menschen daraus nicht gelernt haben.“


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