Verwirrung in Raubprozess Osnabrücker Ermittler findet Zeugen nicht, der im Knast sitzt

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Symbolfoto: Michael GründelSymbolfoto: Michael Gründel

Osnabrück. Ein 20-jähriger Osnabrücker muss sich derzeit vor dem Osnabrücker Jugendschöffengericht verantworten, weil er einen gefährlichen Raub begangen haben soll. Der wichtigste Zeuge galt bis zur Verhandlung als verschwunden – dabei ist der Mann seit April 2017 in Lingen inhaftiert. Und es spricht viel dafür, dass in Wahrheit er der Täter ist.

Der Anlass für eine Straftat und die sich daran anschließende Arbeit von Polizisten, Anwälten und Richtern ist oft erschreckend lapidar. Im verworrenen Fall des 20-jährigen Osnabrückers ging es um gerade einmal 50 Euro. Laut Anklage soll der junge Mann am ersten Weihnachtstag 2016 einem 19-Jährigen Osnabrücker „unter Vorhalt eines Gegenstandes, der zumindest wie eine Waffe aussah“ eben diese 50 Euro abgepresst haben. Der Geschädigte hatte zuvor mit einer jungen Frau, die er flüchtig kannte und die sich bei dem Angeklagten aufhielt, Whatsapp-Nachrichten ausgetauscht. Dabei bot die Frau dem 19-Jährigen an, für 50 Euro Sex mit ihm zu haben. Und zwar in der Ein-Zimmer-Wohnung des Angeklagten.

Dieser soll sich irgendwann in die Kommunikation eingeschaltet und als Bruder der jungen Frau ausgegeben haben. Als der 19-Jährige dann in der Nähe der Wohnung des Angeklagten ankam, habe ihn der 20-Jährige abgefangen und ihm gemeinsam mit einem unbekannten Mittäter die 50 Euro abgenommen.

Missverständnis zwischen Gericht und Ermittlern

Der Angeklagte stritt die Tat ab. Ja, er sei zwar vor Ort gewesen, aber der alleinige Täter sei der Partner der jungen Frau. Beide hätten zu dieser Zeit bei ihm gewohnt, beide seien drogenabhängig. Er habe den etwas desorientierten Geschädigten einfach nur zu seiner Wohnung bringen wollen, sagte der 20-Jährige. Doch dann sei plötzlich der Partner der jungen Frau erschienen, bewaffnet mit einer Gaspistole, und habe dem 19-jährigen gedroht: „Du Hurensohn, wenn du mir das Geld nicht gibst, drücke ich ab.“

Die Vorsitzende Richterin äußerte Zweifel an der Einlassung; vor allem, weil die Polizei dem Geschädigten Fotos vorgelegt habe, auf denen er den Partner der jungen Frau nicht wiedererkannt hatte. Doch bei der Befragung der ermittelnden Polizistin stellte sich heraus: Dem 19-Jährigen war gar kein Foto des gesuchten Mannes vorgelegt worden. Er habe den Täter zuvor so beschrieben, dass der Partner der jungen Frau nicht infrage kam, sagte die 40-jährige Polizistin.

Verschwundener Zeuge ist bei der Polizei registriert

Der gesuchte Mann war der Polizei allerdings gut bekannt. Laut der Polizeibeamtin hatte ihn die Behörde erkennungsdienstlich behandelt, folglich ist er dort mit allen wichtigen Daten registriert. Trotzdem galt er ausgerechnet dann als unauffindbar, als er im Gefängnis saß. Verurteilt wurde er obendrein wegen Taten wie Raub und räuberischer Erpressung; die vorliegende Tat sei dem Mann, der doch eigentlich nur als Zeuge vernommen werden sollte, also „nicht wesensfremd“, wie der Staatsanwalt eingestehen musste.

Bevor der Gesuchte in Lingen abtauchen konnte, kamen die Ermittlungsbehörden aber auch noch persönlich mit ihm in Kontakt. Als die Polizistin, die vor Gericht als Zeugin aussagte, die Wohnung des Angeklagten aufsuchte, fand sie dort statt des 20-Jährigen nur die junge Gelegenheitsprostituierte und ihrem kriminellen Partner, außerdem eine Schusswaffe und Drogen. Um welche Substanzen es sich handelte, wusste die Polizistin nicht mehr. Ach ja, und zu der Schusswaffe habe das Pärchen gesagt, sie gehöre dem Angeklagten.

Drogen- und Waffenfund hat keine Konsequenzen

Die Polizistin gab sich damit offenbar zufrieden. Auch der Drogenfund hatte keine Konsequenzen, und wenig später galten der polizeilich registrierte Mann und seine Freundin als unauffindbar. Der Hinweis, wonach der gesuchte Zeuge und mögliche Täter in Lingen einsitzt, kam dann ausgerechnet vom Angeklagten.

Der 20-Jährige sagte außerdem, er habe erst vor Kurzem mit einem Freund der dringend gesuchten jungen Frau gesprochen. Der Mann stehe mit der verschwundenen Zeugin in regelmäßigem Kontakt. Weder der Staatsanwalt, noch die Vorsitzende Richterin fragten den Angeklagten nach dem Namen des Mannes.

Angeklagter weitgehend entlastet

In der nächsten Sitzung am 13. März wird dann immerhin der angeblich verschwundene Zeuge aussagen - sofern er nicht von seinem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch macht, das er als nun dringend Tatverdächtiger hat.

Als weitgehend entlastet kann der Angeklagte gelten. Der 19-jährige Geschädigte sagte in der Verhandlung, der angeklagte Osnabrücker habe sich zwar am Tatort befunden, sei aber nicht derjenige, der ihm mit vorgehaltener Waffe die 50 Euro abgepresst hatte. 

Wie es dazu kommen konnte, dass der Partner der jungen Frau als verschwunden galt, obwohl er seit April 2017 in erzwungener staatlicher Obhut lebt und außerdem von einer Ermittlerin mit einer Waffe, Drogen und seiner später ebenfalls nicht aufzufindenden Freundin angetroffen wurde, ist unklar. Die Staatsanwaltschaft Osnabrück hat auf die Anfrage unserer Redaktion bislang keine Stellung bezogen.


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