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Abschiedsfoto für ein Akzisehaus Der Rißmüllerplatz vor 80 Jahren

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Osnabrück. Auch wenn der Fotograf Rudolf Lichtenberg jr. (1875–1942) im Auftrag des Stadtbauamts Häuser und Plätze mit nüchternen Zweckvorgaben knipste, gestaltete er seine Werke mit hohem ästhetischen Anspruch, das „Malerische“ in der Fotografie kam bei ihm nie zu kurz. Losgeschickt wurde Lichtenberg 1931, den alten Platz am Natruper Tor (später: Rißmüllerplatz) vor dem Abriss des Akzisehauses in der Bildmitte fotografisch festzuhalten.

Herausgekommen war ein Meisterwerk. Lichtenberg hatte nichts dem Zufall überlassen. Licht und Schatten sind sorgfältig komponiert. Die Kinder auf dem Mauer-Rondell unter der Linde beleben den Vordergrund. Vielleicht hatte Lichtenberg sie vom Schulhof der Altstädter Volksschule (links im Hintergrund) herübergeholt. Die Männer beiderseits des Eingangs verleihen dem Akzisehaus Bedeutung. Der Holzkarren rechts am Eingang der Natruper Straße, hinter der Selters-Bude hervorlugend, könnte als ein nostalgischer Gruß an die vormotorisierte Zeit gedeutet werden.

Man wird Lichtenbergs Fotografien wohl nicht als einen stillen Protest gegen das stückweise Verschwinden Alt-Osnabrücks zugunsten des Verkehrs interpretieren können. Aber ein liebevolles Festhalten der vorindustriellen Epoche wenigstens für die Erinnerung war es schon.

Hundert Jahre zuvor begann die Stadtbefestigung, ihre Funktion zu verlieren. 1824/1825 war das Natruper Tor am Eingang der Natruper Straße abgetragen worden, da es den zunehmenden Verkehr (!) behinderte. Die Stadt wollte aber weiterhin Zölle und Verbrauchssteuern („Akzise“) auf die eingeführten Produkte erheben. Aus dem Grunde errichtete sie an den Ausfallstraßen neue Zollhäuschen, „Akzisehäuser“, im damals vorherrschenden klassizistischen Stil. Heute ist als einziges Akzisehaus noch das am Heger Tor erhalten. Es beherbergt den Museumsladen.

Das Akzisehaus am Natruper Tor war das kleinste und schmuckloseste der 1931 noch erhaltenen fünf Akzisehäuser. „Lediglich zwei untersetzte dorische Säulen fassten den Eingang des quadratischen Baues ein, dessen Vorderfront im Vergleich zu den anderen Torhäusern streng und verschlossen wirkte“, schreibt Rolf Spilker in seinem Lichtenberg-Band. Vielleicht fiel es den Stadtvätern deshalb etwas leichter, den „Steh-im-Weg“ 1931 zugunsten eines Kreuzungsausbaus zu opfern. „Namentlich für den Autobusverkehr nach Eversburg“ stellte das nach heutiger Orientierung mitten auf dem Rißmüllerplatz stehende Akzisehaus „ein ärgerliches Hindernis“ dar, wie man 1931 schrieb.

Der für damalige Verhältnisse großzügig ausgebaute Platz wurde nach dem allgemein als verdienstvoll eingestuften Oberbürgermeister Dr. Julius Rißmüller (1863– 1933) benannt. Während seiner Amtszeit von 1901 bis 1927 verdoppelte sich die Einwohnerzahl Osnabrücks nahezu: Sie stieg von 52000 auf 92000. Straßenbahn und Hafen wurden eingeweiht, Osnabrück entwickelte sich zur Großstadt. Insofern war es folgerichtig, dass die erste „großstädtisch“ ausgebaute Kreuzung fortan Rißmüllerplatz hieß.

Auf der historischen Ansicht ist mit etwas Mühe ein einziges Gebäude zu erkennen, das es heute noch gibt: Das Bettenhaus der Städtischen Krankenanstalten, 1928–1931 errichtet, erhebt sich am linken Bildrand über der Altstädter Schule. Nachdem das Krankenhaus 1991 den Neubau am Finkenhügel bezogen hatte, wurde es zum städtischen Verwaltungsgebäude „Stadthaus 1“ umgebaut und 1994 eingeweiht.


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