Kampf gegen die Erreger Wie sich das Marienhospital in Osnabrück multiresistenten Keimen stellt

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Osnabrück . Ob in Gewässern oder Krankenhäusern: Multiresistente Keime bedrohen die Gesundheit, denn gegen sie wirkt kaum ein Antibiotikum mehr. Für Krankenhäuser ist der Kampf gegen die Keime eine Herausforderung.

Multiresistente Keime entstehen sowohl durch den häufig übermäßigen Gebrauch als auch den Missbrauch von Antibiotika, zum Beispiel in der Tierzucht. Sie gelten heute als eine der größten Gesundheitsgefahren weltweit. Die Medizin kämpft gegen Windmühlen.

Multiresistente Erreger sind schwer behandelbar

Multiresistente Erreger seien nicht gefährlicher als nicht resistente, sie seien nur hartnäckiger, sagt Gerhard Bojara vom Gesundheitsdienst für den Landkreis und die Stadt Osnabrück. Da einige Antibiotika gegen sie nicht wirken, seien sie schwerer behandelbar und ihre Ausbreitung nur schwer einzudämmen. Den Staphylococcus aureus etwa trage laut Bojara jeder Dritte auf der Haut, hingegen sei der Methicillin-resistente Staphylococcus aureus, auch bekannt als MRSA, in der Allgemeinbevölkerung bei unter einem Prozent nachweisbar. Einen gesunden Menschen mit intaktem Immunsystem beeinträchtige dieser zunächst überhaupt nicht, deshalb wird die Übertragung eines MRSA auch nicht bemerkt. Gefährlich werde es, wenn vorerkrankte Menschen, Ältere oder Neugeborene kontaminiert werden, denn dann könne es zu einer Infektion kommen. Man trage die Keime unter anderem auch auf der Schleimhaut, im Rachen und manchmal auch im Darm. „Bei Krebspatienten, die sich gerade in der Chemotherapie befinden, könnte eine Infektion mit MRSA katastrophal enden“, sagt Bojara.

Problematisch sei, dass sich die Keime einerseits schnell verbreiten und Resistenzen gegen Antibiotika bilden, andererseits nicht einfach neue Wirkstoffe erfunden werden können, gegen die die Keime nicht resistent sind. Eine Antibiotikaresistenz kann evolutionär bedingt sein. Häufig trete sie als Folge einer Behandlung mit Antibiotika auf. Dabei entstehe ein sogenannter „Selektionsdruck“, wie es Bojara beschreibt. Der Organismus wehrt sich gegen den Angreifer und versucht, einen Schutz zu entwickeln. Gelingt dies, entsteht eine Resistenz. Gelingt dies gegen mehrere Antibiotika, entsteht eine Multiresistenz.

Risikopatienten werden bei Aufnahme untersucht

Wird ein Patient etwa im Marienhospital in Osnabrück aufgenommen, bei dem ein Risiko auf eine Kontamination mit multiresistenten Erregern besteht, muss sich dieser einem sogenannten Screening unterziehen, wie es Reinold Gross erklärt. Gross ist Facharzt für medizinische Mikrobiologie, Infektionsepidemiologie und Virologie im Marienhospital und zuständiger Krankenhaushygieniker in den Kliniken des Niels-Stensen-Verbundes. Es werden Abstriche in der Nase und im Rachen gemacht, ein Analabstrich kann ebenfalls erfolgen. Zu Risikopatienten zählen bei MRSA zum Beispiel jene, die mit Tieren zu tun haben. Sowohl Landwirte als auch Tierärzte, aber auch Fahrer von Viehtransportern gehören dazu. Auch, wer bereits viele Krankenhausaufenthalte hinter sich hat, aus Pflegeeinrichtungen kommt, längere Zeit im Ausland war, mehrmals antibiotisch behandelt wurde oder zuvor schon mal mit MRSA kontaminiert war, wird untersucht. Patienten, die auf die Intensivstation kommen, werden grundsätzlich einem Screening auf multiresistente Erreger unterzogen und zusätzlich alle sieben Tage abgestrichen, falls zwischenzeitlich eine Kontamination etwa durch Besucher oder Personal erfolgte. Ist ein Patient schließlich betroffen, kommt er in die Isolierung, um auszuschließen, dass er weitere Patienten ansteckt.

Komplett desinfizieren

Da die Behandlung mit einigen Antibiotika bei MRSA-Patienten der Multiresistenz wegen nicht mehr anschlägt, wird in der Isolierung eine sogenannte Sanierungsbehandlung ausprobiert, erklärt Gerhard Bojara. Dabei geht es um Desinfektionsmaßnahmen. Fünf Tage lang bekommt der Patient drei Mal täglich eine desinfizierende Nasensalbe, muss desinfizierend gurgeln und sich täglich komplett desinfizierend waschen. Außerdem muss er täglich seine Bettwäsche, Handtücher und Kleidung wechseln und sie möglichst bei 60 Grad waschen. Auch ist ein täglicher Austausch von Zahnbürste und Kamm erforderlich, um eine erneute Übertragung zu verhindern. Drei Tage nach der Sanierung könne ein neuer Abstrich gemacht und überprüft werden, ob sie erfolgreich war, so Reinold Gross. „Eine Sanierung kann durchaus vier oder fünf Zyklen dauern, ehe sie anschlägt“, sagt Bojara. Ein Erfolg sei jedoch nicht garantiert, manchmal gelingt sie auch trotz zahlreicher Versuche nicht.

Übertragung der Keime

Der Kampf gegen multiresistente Keime ist nach Angaben der Experten mühsam. Die Keime können im Wasser, in der Luft oder auf Oberflächen sein und schon bei einem Handschlag übertragen werden. Selbst, wenn die Sanierung im Krankenhaus erfolgreich ist, sei es gut möglich, dass sich der Patient bereits zuhause wieder kontaminiert, sagt Gross. Die Aufgabe des Krankenhauses sei es, die Erreger innerhalb der eigenen vier Wände einzudämmen.

Über Hände werden die meisten Keime verbreitet

Dies erfolgt mit denkbar naheliegenden Methoden. „Basishygienemaßnahmen sind das beste Mittel dagegen“, sagt Bernd Gruber. Der Hygienemanager des Marienhospitals weist insbesondere darauf hin, dass über die Hände die meisten Keime verbreitet werden. Es gilt also: „Hände und Oberflächen desinfizieren, Schutzkittel anlegen, wenn es die Situation erfordert.“ Vorsicht und Sensibilität sind geboten, um der Verbreitung der Erreger entgegenwirken zu können. Zudem werden Mediziner auf Fortbildungen zum richtigen Antibiotikagebrauch geschult. „Antibiotika-Therapien müssen sehr gut durchdacht sein und gezielt eingesetzt werden“, sagt Bojara.

Im Zusammenhang mit multiresistenten Keimen fällt häufig der Begriff „Krankenhauskeim“. Dieser ist jedoch irrtümlich, wie sowohl Bojara als auch Gross und Gruber betonen. Die Keime entstehen nämlich nicht in Krankenhäusern. Sie werden von Patienten dort hinein gebracht und verbreiten sich naturgemäß dort am stärksten, da sich in Krankenhäusern eben viele kranke Menschen mit schwachem Immunsystem aufhalten, die für Keime jeglicher Art empfänglicher sind.

Große Herausforderung

Multiresistente Erreger seien eine große Herausforderung für die moderne Medizin. „Wir werden damit in Zukunft leben müssen“, sagt Reinold Gross. Gerhard Bojara merkt an, dass trotzdem jeder seinen Teil dazu beitragen könne. Er plädiert dafür, die Antibiotikaabgaben in der Landwirtschaft zu reduzieren. „Wer im Discounter ein Kilogramm Fleisch für zwei bis drei Euro erwirbt, der sollte sich klar machen, dass Fleisch zu solchen Preisen nur in sehr großen Tierhaltungen produziert werden kann. Dort müssen Antibiotika ungleich häufiger eingesetzt werden.“


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