Andere Länder, anderes Tempo Niedersachsen: Spätstarter bei der Inklusion

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<em>Schüler des Comenius-Projekts </em>aus Frankreich, Norwegen, Schweden, Polen, der Tschechischen Republik und von der Rolandsmauer. Foto: SchomakerSchüler des Comenius-Projekts aus Frankreich, Norwegen, Schweden, Polen, der Tschechischen Republik und von der Rolandsmauer. Foto: Schomaker

Osnabrück. Wenn am 1. August die Inklusion an niedersächsischen Schulen startet, lohnt der Blick auf die Landkarte: Von Schleswig-Holstein bis Bayern, von Rheinland-Pfalz bis Brandenburg – auf dem Weg zur inklusiven Schule kommen die Bundesländer unterschiedlich schnell voran.

Das zeigt eine Studie der Bertelsmannstiftung aus März 2013. In Niedersachsen lag der Anteil der Schüler mit Förderbedarf, die inklusiv unterrichtet wurden, 2011/2012 bei rund elf Prozent – der niedrigste Wert im Ländervergleich. Allerdings hat das Land mit über 68 Prozent eine hohe Steigerung hingelegt; 2008/2009 betrug der Inklusionsanteil etwa sieben Prozent. Schleswig-Holstein liegt mit 54 Prozent inklusiv beschulter Schüler weit vorne. Davor kommt nur noch Bremen mit 55 Prozent. Für die Region Osnabrück liegt keine aussagekräftige Statistik vor, wie die Pressesprecherin des niedersächsisches Kultusministeriums, Susanne Schrammar, mitteilte. Mit dem Start der Inklusion sollen jedoch Zahlen erhoben werden, so Schrammar. „Es gibt, soweit ich weiß, keine umfassende Übersicht über die Umsetzung der Inklusion in einzelnen Bundesländern, Regionen und Kommunen“, schreibt Hubert Hüppe, Beauftragter der Bundesregierung für die Belange behinderter Menschen. Dies gelte für die Inklusion in allen Bereichen.

Zahlen allein geben jedoch keine eindeutige Antwort auf die Fragen: Wer ist am inklusivsten? Und wieso? Wenn ein Flächenland wie Schleswig-Holstein ähnlich gut abschneidet wie der Stadtstaat Bremen, kann es nicht an der Erreichbarkeit von Schulen oder der Nähe zu Förderzentren liegen. „Teilweise liegt dies an den bestehenden Schulgesetzen, teilweise an verfestigten Strukturen oder man ist nicht bereit, vorhandene Ressourcen in die Regelschulen umzusteuern“, schreibt Hüppe.

Auf der „Inklusionslandkarte“ auf seiner Internetseite stehen einige „Leuchttürme“ der Inklusion. Hier können Leute Einrichtungen vorschlagen, die vorbildlich inklusiv sind. Ein Leuchtturm könnte beispielsweise die Grundschule Berg Fidel im westfälischen Münster sein.

„Wir haben einen sehr eignen Weg genommen, weil wir aus einem Brennpunkt kommen“, sagt Schulleiter Reinhard Stähling. Schon vor zwanzig Jahren gab es an der Schule gebundenen Ganztagsunterricht, Nachmittagsbetreuung im festen Klassenverband, wie Stähling sagt. „Wir haben eine langjährige Erfahrung, im Team mit verschiedenen Berufsgruppen zusammenzuarbeiten“, sagt der Schulleiter. Das kommt nun auch den Kindern mit Förderbedarf zugute.

Die Inklusion am „grünen Tisch“ umsetzen zu wollen werde nicht funktionieren. „An einigen Schulen im Land gibt es sehr viel Erfahrung“, sagt er. Die müsse genutzt werden. Und: „Jetzt muss man konsequent sein und die Sonderschulen abschaffen“, meint Stähling.

Nicht nur die Berg-Fidel-Schule, sondern auch die „Leuchttürme“ auf der Inklusionslandkarte, auf der auch ein direkter Ansprechpartner vermerkt ist, könnten als hilfreiche Praxisbeispiele dienen, auch welche aus unseren Nachbarländern.

Alles per Erlass

Kontakt mit Inklusion in anderen Ländern sammelt die Osnabrücker Schule an der Rolandsmauer seit 1996. Seitdem nimmt sie am Comenius-Europa-Projekt teil, das den Schüleraustausch zwischen verschiedenen Ländern ermöglicht. „Andere Länder gehen praktikabler damit um“, sagt Projektkoordinator und Konrektor Frank Böttger über die Inklusion an ausländischen Schulen. „Wenn gute Ideen entstehen, dann machen die das gleich“, sagt er. Damit bezieht er sich vor allem auf die nördlichen Länder wie Schweden. In Niedersachsen müsse alles per Erlass in Hannover beschlossen werden. Statt „sinnvoller Lösungen vor Ort“ gebe es zentral verordnete. Probleme sieht er auch in Ländern, die sich an Deutschland orientierten. Beispielsweise habe Tschechien nach dem Fall der Mauer „deutsche Systeme“ übernommen. Dort sei die Inklusion noch nicht so weit fortgeschritten, da es eine „sehr feine Aufgliederung in Förderpunkte“ gebe.

Die Umsetzung der Inklusion weicht nicht nur von Bundesland zu Bundesland ab, sondern hängt auch von den einzelnen Schulbehörden ab. „Die Zusammenarbeit mit unserer Schulbehörde klappt sehr gut“, sagt Böttger.

Die länderübergreifende Inklusion funktioniere an der Schule an der Rolandsmauer gut: Ein 18-jähriger Pole beispielsweise, der im Rollstuhl sitzt, sei auf dem Alfsee im Doppelreifen Wasserski gefahren. „Mit Tränen in den Augen vor Glückseligkeit“ hätten die Kinder den Austausch aufgenommen.

Im September geht es für einige Schüler für eine Woche nach Bordeaux. Die Inklusion bleibe jedoch nicht in der Schule stehen, sondern finde auch in der Kooperation mit Sportvereinen statt. Dort können Schüler neue Sportarten ausprobieren, „wenn sie sich sonst nicht in neue Sportvereine trauen“, sagt der Lehrer.

Hilfe für jeden Schüler

Den direkten Inklusionsvergleich hat die ehemalige Lehramtsstudentin Jana Hotes aus Köln. Die angehende Förderschullehrerin unterrichtet seit November 2011 an „Stockholms Rh-Gymnasium“, einer Förderschule für Oberstufenschüler, wie sie sagt. „Ich habe für jeden Schüler einen Assistenten, wenn ich will“, sagt Hotes. Das sei nicht immer einfach: „Manchmal hat man das Gefühl, dass ein Schüler mehr in der Klasse sitzt.“ Für die Freizeit sei das jedoch ein großer Vorteil, „weil sie dadurch viel machen können“. Aber auch an ihrer Schule werde das Thema Inklusion oft diskutiert. Probleme wie die Zusammenlegung von Schulen gebe es auch in Schweden. Generell ist Hotes erstaunt über die Unwissenheit über Bildungssysteme anderer Länder. Zumindest für Kinder des Förderbereichs geistige und motorische Entwicklung sei es in Stockholm einfach. In allen U-Bahn-Stationen gebe es Aufzüge.„Davon kann man in Köln nur träumen“, sagt Hotes.

Bei einem Restaurantbesuch mit der Schule in Stockholm sei ein Schüler im Rollstuhl mitgefahren. Eigentlich hätten sie den Rollstuhl eine kleine Stufe hochwuchten müssen, sagt sie. Aber: „Als wir kamen, waren sie dabei, eine Rampe zu zimmern.“


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