Serie: Ein Fall für Fays Eine Nacht als Barkeeper in Osnabrück

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Osnabrück. Sie sind jung und brauchen das Geld. Doch für die Barkeeper in der Diskothek Sonnendeck ist der Beruf mehr als nur ein Job. Die Studenten, die dort als 400-Euro-Kräfte arbeiten, betrachten sich als eine Familie. Sie trinken nicht nur mit den Kunden, sondern auch mit den Kollegen gerne Longdrinks. Ich habe eine Nacht mit ihnen gearbeitet und zwischen Tequila und Rum-Cola Cocktails gemixt, Bier gezapft und gekellnert.

„Die einzige Bedingung ist, dass Du mit dem Fahrrad kommst“, hatten Sonnendeck-Chef Bernd Wagner und seine Stellvertreterin Katharina Krüwel verlangt, als ich darum bat, dort eine Nacht als Barkeeper zu arbeiten. Damals wusste ich noch nicht, dass sie es damit so ernst meinten. Denn Barkeeper im Sonnendeck arbeiten anders, als man es aus Diskotheken kennt. Einerseits liegt das vielleicht an der etwas anderen Lage in der Lohstraße, dem sogenannten Bermuda-Dreieck aus den Kneipen Countdown, Sonderbar und dem Club Sonnendeck. Andererseits an der familiären Philosophie. Das Personal ist mittendrin und Bestandteil des Konzepts. Es lädt sympathische Gäste auf Kosten des Chefs Bernd (man duzt sich) ein, stößt mit ihnen an und wird so zu einem Teil der Party. Die Belegschaft dankt es Bernd. Die Fluktuation ist gering. Die Barkeeper arbeiten schon seit Jahren hier.

Die Herausforderung ist, mitzufeiern und trotzdem von halb neun abends bis morgens um sechs so fit zu bleiben, dass ich bedienen, die Drinks korrekt mischen und das richtige Wechselgeld herausgeben kann.

Der Dienst beginnt mit einem Knall. Eine Bierflasche zerbirst auf dem Boden hinter der Haupttheke. „Die Flasche stand schief im Kühlschrank. Na, das geht ja gut los“, sagt der 24-jährige Maschinenbau-Student Philipp. Trotz rauen Alkoholgenusses soll es an diesem Abend die einzige Flasche bleiben, die hinter der Theke zu Bruch geht. Auf der anderen Seite der Theke wird das anders aussehen, denn in dem Club, der vielen älteren Osnabrückern unter dem ehemaligen Namen Wintergarten bekannt ist, sind an diesem Abend gleich mehrere Junggesellenabschiede zu Gast.

Als die ersten Gäste gegen 23 Uhr eintreffen, erreichen wir Betriebstemperatur

Philipp trifft die Vorbereitungen, schneidet mit der Routine eines Kochs Orangen-, Zitronen- und Limettenscheiben, die später zu den verschiedenen Drinks serviert werden. Ehrfürchtig schaue ich hm dabei zu und mache mich nebenbei mit den Getränkepreisen vertraut. Dann bekomme ich ein Portemonnaie mit Wechselgeld und verstaue es in einer am Gürtel befestigten Tasche. Das Sonnendeck-Logo trage ich auf meinem T-Shirt. Damit ist mein Barkeeper-Outfit perfekt.

Die symbolische Taufe beginnt mit dem Lieblingsgetränk meiner Kollegen Philipp und Moritz, der mich später noch an der Cocktailtheke einweisen wird. Es ist Cola mit einem erlesenen sieben Jahre alten Havana-Club-Rum. Den 40-prozentigen Alkohol schmecke ich kaum. Es wird warm in der Kehle. Als die ersten Gäste gegen 23 Uhr eintreffen, erreichen wir Betriebstemperatur. Die Kollegen schreiben ihre Getränke selbst auf und zahlen sie am Ende des Monats zur Hälfte. Die Rechnung zieht der Chef automatisch vom Gehalt ab.

Ein 19-köpfiger Junggesellenabschied, der in Anlehnung an eine große Supermarkt-Kette ein T-Shirt mit der Aufschrift „Magdkauf“ trägt, hatte sich angekündigt. Sie haben schon nachmittags um vier mit dem Trinken begonnen. Ein bulliger Typ mit Bart und kleinen Augen gibt die erste Bestellung bei mir auf. „Fünf Jack-Daniels-Cola“. Ich frage: „Groß oder klein?“ Er erwidert: „Groß! Was sonst?“ Philipp hatte mir vorher schon eine Liste mit den Top-10-Getränken genannt. Auch Whiskey-Cola war darunter. 3,20 Euro im kleinen Glas mit 2 cl Whiskey und 6,40 Euro im großen 0,4-Liter-Longdrink-Glas mit vier cl Whiskey. Jack Daniels wiederum ist teurer und kostet 3,50 Euro oder sieben Euro. Soweit kann ich mich erinnern. Allerdings vergesse ich zunächst das Eis, muss das Getränk noch einmal umkippen. Auch der Strohhalm ist falsch. „Bei großen Gläsern ist es der große dicke“, sagt Philipp und schmeißt den kleinen weg. Nach gefühlten zehn Minuten bin ich dann auch so weit und rechne aus: „35 Euro, bitte“. Er zahlt ohne Murren. Als er für einen Nachzügler allerdings sieben Euro für das gleiche Getränk bezahlen soll, realisiert er den Preis für das Einzelgetränk und reagiert unwirsch: „Was? So teuer?“ Ich verteidige: „Das ist fast ein halber Liter mit doppelt so viel Whiskey.“ Den Kollegen berichte ich stolz von meiner ersten Großbestellung. „Sehr gut“, sagt Philipp und klatscht mit mir ab.

Der Kräftigste aus der Junggesellengruppe feilscht mit mir. Er will für ein Tablett mit 19 Jägermeister-Shots lediglich 20 Euro bezahlen. Nach Rücksprache mit Philipp willige ich ein. „Den Fehlbetrag übernimmt Bernd“, sagt Philipp. „Die lassen heute sicher noch mehr Geld hier.“ Er soll recht behalten.

„Damit hebst Du nicht ab. Damit brennst Du ab“

Nach dem Tablett mache ich ihm den „Shot des Tages“ schmackhaft. Auf ein Schild am Eingang hatte ich geschrieben: „Abheben mit dem Helikopter, 73 Prozent. 2 Stück nur 5 Euro.“ Von der angetrunkenen westfälischen Gruppe hat es natürlich keiner wahrgenommen, aber nach meiner Werbung ist der Kräftige neugierig und bestellt.

Um drei Uhr verlässt der Mittzwanziger mit seiner dezimierten Entourage den Laden. Ich lade ihn auf Bernds Kosten auf einen letzten Helikopter ein. Allerdings muss ich mittrinken. Dabei stellt er sich als Daniel vor. Ich mische zwei 2-cl-Pinnchen zusammen. Zwei Drittel Sambuca auf ein Drittel Robinson-Rum mit dem beworbenen 73-prozentigen Alkoholgehalt. Dann zünde ich die Getränke an, lege einen Bierdeckel darauf und schüttele sie, wie es mir mein Kollege, der 29-jährige BWL-Student Ferz, vorher beschrieben hat. Danach schlürfen wir die Pinnchen mit Strohhalm aus. „Damit hebst Du nicht ab. Damit brennst Du ab“, sagt Daniel und klopft sich auf seine Brust. Danach reibt er sich den Bauch, der mindestens das doppelte Volumen des Brustkorbs umfasst. Ich fühle, wie sich der Helikopter Zentimeter um Zentimeter seinen Weg Richtung Magen bahnt. In diesem Moment fühle ich mich zehn Jahre jünger, also nicht wie ein 32-jähriger Redakteur und Familienvater, sondern wie ein 22-jähriger Student, der an Samstagen eben gerne exotische Mischungen wie diese ausprobiert. Was ich in dem Moment noch nicht weiß: Am nächsten Morgen werde ich mich dafür eher wie 42 fühlen.

„Bei einem Longdrink wie diesem muss man den Alkohol schmecken. Bei einem Cocktail nicht.“

Nach dem Shot lässt sich Daniel den Abend noch einmal durch den Kopf gehen: „Ein paar Jungs sind rausgeflogen. Ist dennoch ein geiler Laden. Geiler als unsere Disco, die Aura in Ibbenbüren. Hier ist es nicht so spießig.“

Der Türsteher Sven, der Muskelpakete wie ein Gorilla hat, erklärt: „Zwei von denen haben in den Wintergarten gepinkelt, wo sie rauchen dürfen, und einer hat an der Haupttheke geraucht, wo sie nicht rauchen dürfen.“

Als es an der Haupttheke ruhiger wird, wechsel ich um halb zwei zur Cocktailtheke, die sich im hinteren Teil des Ladens direkt hinter der vollen Tanzfläche befindet. Dort ist es enger. Die Cocktail-Mixer André und Moritz haben die Arbeitsabläufe automatisiert. Der brasilianische Student Tiago, der dort sonst als Theken-Chef arbeitet und an diesem Abend privat bei „seiner Familie“ ist, wie er sie bezeichnet, weiht mich in die hohe Kunst der Cocktail-Schule ein. Er bestellt seinen Lieblingsdrink, blauen „Bombay-Gin“ mit Tonic. „Bei einem Longdrink wie diesem muss man den Alkohol schmecken. Bei einem Cocktail nicht. Das ist der Unterschied zwischen Cocktail und Longdrink.“ Dann lädt Tiago, der Brasilianer mit den Rastalocken, mich und die anderen Kollegen auf einen weiteren Drink ein. So erklärt sich auch, warum die Kollegen ihn gerne auch liebevoll „Papa“ nennen.

Die Schlagzahl hinter und vor der Theke wird höher. Langsam gewöhne ich mich ans Tempo. Auch die meisten Getränkepreise kenne ich inzwischen auswendig. Es hapert nur am Wechselgeld. Die 10- und 20-Cent-Stücke werden knapp im Portemonnaie. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis ich das Kleingeld zusammengekratzt habe und die Leute ihr Geld zurückbekommen. Nachher erfahre ich, dass die Kollegen an der Cocktailtheke eigentlich nur mit einer Kasse arbeiten, in der das Kleingeld bereits vorsortiert ist.

Die letzten zwei Stunden, also von 3.30 Uhr bis 5.30 Uhr, ist nur noch Aufräumen, Spülen und Abtrocknen angesagt. Wir trinken noch den ein oder anderen Rum-Cola und lassen den Abend gemütlich ausklingen. Nachdem der Service-Chef jedem der acht Servicekräfte 13 Euro Trinkgeld auszahlt (ich spende natürlich auch das Trinkgeld), fragt er Moritz, wie ich mich angestellt habe. Der 24-jährige Womanizer fasst zusammen: „Also, wenn er sich jeden Abend so anstellen würde, würde ich ihn nehmen.“


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