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Erinnerung an ein „Massaker“

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Damals wie heute im Blickpunkt. Die Rechtsanwälte Jens Meggers (links) und Michael Klein halten ein Foto von der Urteilsverkündung vor 15 Jahren in die Kamera des dänischen Fernsehens. Foto: Michael HehmannDamals wie heute im Blickpunkt. Die Rechtsanwälte Jens Meggers (links) und Michael Klein halten ein Foto von der Urteilsverkündung vor 15 Jahren in die Kamera des dänischen Fernsehens. Foto: Michael Hehmann

Es war ein klarer Fall: Von sechs Seeleuten des Frachters „Bärbel“ wurden fünf getötet. Den Sechsten griffen die Behörden Tage später mit den Wertsachen der anderen auf. Die Anklage lautete folgerichtig auf fünffachen Mord. Das Urteil des Landgerichts Osnabrück: Freispruch.

„Das war das einzig richtige Urteil. Alles andere wäre willkürlich gewesen“, sagt Rechtsanwalt Jens Meggers heute. Zusammen mit seinem Kollegen Thomas Klein hatte Meggers damals den angeklagten Russen Andrej Lapin verteidigt. Davon erzählen die beiden jetzt einem dänischen Kamerateam. 15 Jahre nach den Vorfällen auf der in Haren/Ems beheimateten „Bärbel“ sind Michael Plejdrup und Mohsen Safarkhanlou nach Osnabrück gekommen, um die unglaubliche Geschichte noch einmal zu hören. Sie machen daraus eine 30-minütige Dokumentation für den öffentlich-rechtlichen Sender Danmarks Radio.

Sie wollen an einen Fall erinnern, der damals nicht nur in Dänemark für Furore gesorgt hat. Pressevertreter aus der ganzen Bundesrepublik verfolgten die äußerst blutigen Details des Prozesses um das „Massaker auf dem Frachter“ (Neue OZ). Stern-TV berichtete. Anwalt Klein erinnert sich, dass eine große Boulevard-Zeitung Lapin Bilder abkaufte, die er im Gefängnis gemalt hatte, und einen Psychologen die Frage beantworten ließ: „Malt so ein Mörder?“ Der dänische Roman „Das Axtschiff“ (auch in deutscher Übersetzung erhältlich) nimmt die wahre Begebenheit als Grundlage für einen Spionagethriller. Sogar Regisseur Detlev Buck hatte zwischenzeitlich überlegt, das Thema zu verfilmen.

Kein Wunder, denn der Fall bot einfach alles, was zu einem spannenden Krimi gehört: Hass, Meuterei, spektakuläre Mordtheorien und einen undurchsichtigen Angeklagten. Von London aus war die „Bärbel“ im Sommer 1993 in Richtung Brunsbüttel unterwegs, mit sechs Mann an Bord: neben dem deutschen Kapitän Heinrich Telkmann noch fünf Russen, darunter der spätere Angeklagte Lapin. Die Atmosphäre auf dem Schiff war schlecht, sagt Rechtsanwalt Klein. Der Kapitän habe seine Crew autoritär behandelt, zudem seien die Russen auch untereinander in zwei Fraktionen zerstritten gewesen.

Wie genau dann die Situation eskaliert ist auf der „Bärbel“, die heute unter dem neuen Namen „Stadum“ immer noch die Meere bereist, weiß wohl niemand. Vielleicht noch nicht einmal Lapin. Laut seinen Aussagen von damals haben zwei Besatzungsmitglieder gemeutert. Mit einem Beil hätten sie zunächst den Kapitän und dann zwei weitere Matrosen getötet. Als sie schließlich hinter ihm her waren, konnte er sie nacheinander überwältigen und erschlagen.

„Meine Kenntnisse über die Schlacht bei den Termophylen haben mir geholfen“, sagte Lapin vor dem Osnabrücker Gericht aus. Beim psychiatrischen Gutachter habe er Tolstoi und Teschechow zitiert, erinnert sich Klein an diesen „spezifischen Typ“. Der damals 28-Jährige war nicht nur offensichtlich gebildet, sondern auch außerordentlich beherrscht. „Er hatte die absolute Kontrolle über sich selbst“, so Meggers.

Auch deshalb entschieden die beiden Anwälte sich dazu, ihren Mandanten vor Gericht für sich selbst reden zu lassen. Das nutzte er schließlich auch weidlich aus. Klein: „Seit Lapin heißt es: Der Angeklagte hat nicht das letzte, er hat das längste Wort.“ Drei Stunden habe sich der Russe dem Gericht kurz vor der Urteilsverkündung erklärt, noch einmal zu allen Vorwürfen Stellung genommen. Das Geld habe er den Familien der Opfer übergeben wollen, die Leichen über Bord geworfen und einen Brand gelegt aus Angst, niemand würde ihm seine Geschichte glauben. Deshalb habe er bei den ersten Aussagen der dänischen Ermittler auch zunächst eine Brandkatastrophe erfunden.

Alles Indizien, die in der Öffentlichkeit nur den Schuldspruch erwarten ließen – vor allem in der dänischen. Auch deshalb ist der Fall dort noch vielen in Erinnerung. Sie glauben noch immer an die Schuld Lapins, berichtet der Journalist Plejdrup.

„Ob er es war? Das weiß nur Lapin“, sagt auch Anwalt Meggers. Aber noch mal: Das Urteil – Freispruch aus Mangel an Beweisen – sei das einzig richtige gewesen.


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