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Der Reiz von Nostalgie und Ironie Max Raabe in der Osnabrückhalle

Von Martina Binnig

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Immer ein bisschen spöttisch: der Sänger und Entertainer Max Raabe. Foto: Egmont SeilerImmer ein bisschen spöttisch: der Sänger und Entertainer Max Raabe. Foto: Egmont Seiler

Osnabrück. Max Raabe ist ein eigenartiges Phänomen. Mit seinem Palast Orchester füllt er Säle, sorgt etwa für eine ausverkaufte Osnabrückhalle. Seine unverwechselbare Melange aus der Nostalgie alter Schlager und aus lakonischer Moderation trifft offenbar den Zeitgeist.

Gemessenen Schritts betritt Max Raabe die Bühne. Ebenso gemessen verbeugt er sich und nimmt seine typisch lässige Pose ein, in der er immer dann verharrt, wenn er gerade mal nicht singt: Er lehnt sich an den Flügel. Das alles geschieht im Halbdunkel. Denn zunächst ist der Spot auf Max Raabes Palastorchester gerichtet, das mit Paukenwirbel und Geigenschmelz Raabes aktuelles Tourneeprogramm „Küssen kann man nicht alleine“ eröffnet: auf zwölf nicht sonderlich attraktive Herren an Saxofon, Trompete, Posaune, Gitarre, Schlagwerk und Bass sowie auf eine umso schönere Dame an der Violine.

Lasziver Junge...

Fräcke und Fliegen, Gel in den Haaren, langes Abendkleid und weiße Notenpulte vermitteln schon optisch die gehobene Klasse der Darbietung. Und spielen können sie, die Herren und die Dame! Meist sogar mehrere Instrumente. In den perfekten Arrangements der Schlager, die überwiegend aus den 30er-Jahren stammen, werden auch exotische Instrumente ins Rampenlicht gerückt wie etwa das Bass-Saxofon. Auch der Humor kommt nicht zu kurz, etwa wenn zwei Trompeter in „In meiner Badewanne bin ich Kapitän“ ihre Instrumente in eine mit Wasser gefüllte Plastikwanne tauchen und ein herrlich blubberndes Solo von sich geben.

Doch im Mittelpunkt steht natürlich er: Max Raabe. Der schmächtige Sänger und Entertainer, der niemals lacht, aber immer dezent zu schmunzeln scheint. Mit brav geglätteten Haaren und Dackelblick zwischen Segelohren wirkt er wie ein harmloser Schuljunge, der kein Wässerchen trüben kann. Wenn da nicht sein Augenaufschlag wäre, mit dem er Blicke ins Publikum sendet, die zwischen lasziv und spitzbübisch changieren. Dafür liebt ihn sein Publikum ebenso wie für seine betont lakonischen und untemperamentvollen Ansagen, die mitunter an Loriot erinnern. Und natürlich für seinen Gesang: Keiner kann die Vokale so kauen und in hohem Falsett so ironisch dehnen wie er, wenn er sich etwa das Wort „Seeräuberbande“ genüsslich auf der Zunge zergehen lässt.

...gewollt blasiert...

Dabei geht er nie in die Vollen, sondern bleibt immer reserviert. Das wirkt manchmal gewollt blasiert, manchmal schnöselig ennuyiert oder sogar somnambul. Und immer etwas spöttisch. Ob Raabe damit wirklich die Ästhetik der 30er-Jahre trifft, ist unerheblich: Er hat einfach seinen unverwechselbaren Personalstil kultiviert.

Neu im Programm sind daher auch ganz folgerichtig Eigenkompositionen Raabes, die neben den Klassikern aus seinem im Lauf von 25 Jahren gewachsenen Repertoire stehen und in Koproduktion mit Annette Humpe entstanden sind. Hier ist die Ironie und auch die Melancholie noch um einiges zugespitzter als in den Originalen, etwa wenn sich Raabe als schüchterner Geheimagent outet und bekennt: „Ich singe nur zur Tarnung. Meine Waffe ist das Mikrofon.“ Aber Raabe spart auch nicht an Hits wie „Mein kleiner grüner Kaktus“ oder „Ich wollt, ich wär ein Huhn“.

Zwischen Swing, Rumba, Tango und Wechselbass-Nummern bewegen sich die Arrangements, und auch als Kunstpfeifer beeindruckt Raabe. Schwarz-Weiß-Filme im Bühnenhintergrund, die zeitweilig das Palastorchester wie in einer gegenwärtigen Retrospektive zeigen, lassen noch einen zusätzlichen Hauch von Nostalgie in die Osnabrückhalle wehen – auch wenn sie nur ein Fake sind: Sie wirken zwar synchron mit dem Bühnengeschehen, sind jedoch nur Einspielungen.

...und unübertrefflich

Aber vielleicht ist es auch gerade diese Illusion der Vergangenheit, die zündet. Und Raabes trockene Moderation über tausend Ecken ist einfach nicht zu überbieten. Vor „Ich denk an Lilly die ganze Nacht“ sagt er etwa: „Oft möchten Frauen wissen, was Männer denken. Das ist leider nicht immer möglich. Oft geht der Mann einem Gedankengang nach und stellt am Ende fest: Da ist nichts. Und dann sagt er nichts.“ So einfach ist das also. Danke, Herr Raabe!


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