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Interview mit Reiner Nagel Spielflächen im Büro als Lockangebot

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Osnabrück. Während der Komfort von Angestellten am Arbeitsplatz früher weniger wichtig war, gehört der Wohlfühlfaktor heute oft zur Unternehmensphilosophie dazu. Arbeitgeber lassen von Architekten moderne Gebäude errichten, welche die Quartierlage, Nachhaltigkeit und Raumqualität berücksichtigen. Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur, erzählt, warum vom Wandel der Arbeits- und Unternehmenskultur nicht nur Angestellte, sondern auch Städte profitieren.

Herr Nagel, welche Faktoren sollte ein Arbeitgeber beachten, damit seine Mitarbeiter sich wirklich wohlfühlen?

Zunächst spielen die Lage und die Raumqualitäten des Arbeitsortes eine Rolle. Sitzen die Arbeitnehmer in Großraumbüros, in Gruppen- und Einzelbüros, oder können sie aufgrund eines flexiblen Konzeptes, wie bei der Firma Hellmann in Osnabrück , in verschiedenen Teamstrukturen an wechselnden Plätzen arbeiten? Neben arbeitsrechtlichen Standards ist auch der Komfort entscheidend. Manche Unternehmer achten darauf, dass ihre Angestellten einen schönen Ausblick aus dem Fenster haben und eine gute Haustechnik zur Verfügung steht. Zuletzt spielt auch der Standort eine Rolle. Wer in der Kreativwirtschaft arbeitet und auch rund um die Uhr tätig sein kann, möchte nach der Arbeit auf eine Straße treten, wo noch Leben ist. Für diese Unternehmen bietet sich ein städtisches Umfeld an, während eine Kantine nicht zu empfehlen wäre, damit die Gastronomie im Umfeld attraktiv wird und bleibt.

Früher war der Komfort von Angestellten weniger wichtig. Wie kam es zu dem Wandel?

In der Vergangenheit wurde der Arbeitnehmer nicht so hoch geschätzt wie heute in der Dienstleistungsgesellschaft. Körperliche Arbeit war einfach und billig. Heute ist die Arbeitskraft das wertvollste Gut eines Unternehmens und mit den höchsten Kosten verbunden. Zudem wird sie eine zunehmend knappe Ressource. Aufgrund des erhöhten Wettbewerbs um Fachkräfte stehen Unternehmen nun unter dem Druck, auch ein attraktives Arbeitsumfeld zu schaffen.

Welche Unternehmen haben es besonders einfach?

Unternehmen in großen Städten haben hier Vorteile. Denn junge Menschen wollen in die Großstadt. Agiert man hingegen in einer kleineren Stadt und in einer Branche mit einem starken Bedarf an Fachkräften, dann muss man für den Angestellten mehr bieten, und dazu gehört ein qualitativ hohes Arbeitsumfeld.

Web-Unternehmen wie Google haben Entspannungs- und Spielzonen in ihre Gebäude integriert. Wird Arbeit dadurch neu definiert, sodass wir uns während der Arbeit nun vergnügen dürfen?

Das würde ich nicht sagen. Natürlich funktionieren diese Konzepte für junge Unternehmen, die am Puls der Zeit operieren und kreative Produkte entwickeln. Bei uns in der Bundesstiftung Baukultur steht kein Kickertisch, dafür haben wir aber Freiflächen. Ein Garten rund ums Haus oder ein Balkon ist wichtig, damit die Mitarbeiter auch einmal an die frische Luft gehen können.

Aber werden diese verspielten Flächen wie im Züricher Forschungszentrum von Google genutzt?

Wie sich das im Betrieb bewährt, kann ich nicht beurteilen. Es ist sicherlich ein Lockangebot und spricht sich in der Öffentlichkeit herum. Aber am Ende ist die Spiel- oder Ruhezone Teil des Arbeitsumfelds, und dort ist man, um eben zu arbeiten. Der Mitarbeiter kann in der Regel nicht dauerhaft Pausen machen oder mit seinen Kollegen kickern.

Weshalb gibt es dann diese Angebote?

Letztendlich geht es auch hier wieder um den Wettbewerb um gut ausgebildete Menschen. Wenn man die mit seinem besonderen Arbeitsplatz überzeugen kann, bewährt sich das Konzept. Gleichzeitig wirkt das unkonventionelle Arbeitsumfeld nach innen modernisierend.

Großraumbüros prägen das moderne Arbeitsumfeld. Welche Vorteile sehen Sie darin?

Im Verwaltungsbereich habe ich überwiegend Kleinraumbüros kennengelernt. Diese sind wenig kommunikativ. Dadurch kommt es mitunter zu langen Abstimmungsprozessen und einem formalisierten Umgang miteinander. Bei Architekten findet man häufig Großraumbüros. Im Londoner Büro von Norman Foster sitzen 400 Menschen in einem Raum. Da fühlt man sich wie in einer Galeere – unter solchen Bedingungen würde ich ungern arbeiten. Eine gute Lösung sind Gruppenbüros für vier bis sechs Personen oder Teamcluster. Hier kann man sich austauschen, wird aber nicht zu häufig gestört.

Welchen Stellenwert haben Prestigeobjekte wie ein Einzelbüro?

Das Statusdenken ändert sich gerade. Früher war das Einzelbüro ein klassisches Prestigeobjekt, während heute eher die Qualität der Projekte oder die Arbeitsausstattung zählt.

Welchen Einfluss nehmen ökologische Aspekte auf den Bau von Arbeitsplätzen?

Hier darf man sich nichts vormachen. Die zunehmende Bedeutung ökologischen Bauens liegt vor allem an den strengeren Regeln der Umweltgesetzgebung. Aber natürlich gehört es inzwischen auch zur Firmenphilosophie. Man zeigt sich gerne sozial und ökologisch korrekt. Tatsächlich hängt auch der Verbrauch von Ressourcen damit zusammen. Nach den Personalkosten sind die Betriebskosten für Unternehmen erheblich. Wenn man energieeffizient baut, kann man Kosten sparen.

Warum wurde der Gewerbebau bislang eher im Hintergrund behandelt?

In der Architektur geht es in der Regel um Einzelgebäude oder Ensembles. Flächenmäßig hat der Gewerbebau den größten Anteil in ganz Deutschland. Obwohl viele Menschen den Großteil ihres Lebens am Arbeitsplatz verbringen, fand bisher oft kein reflektierter Umgang mit diesen Bauten statt. Dabei lohnt es sich, wenn Architektur- und Städtebau sich um diese Objekte bemühen. Denn sie bringen nicht nur dem Unternehmen Innovation und besseres Personal, sondern werten auch Quartiere, wie alte Industriestätten, auf und bereichern das Stadtbild. Dadurch schafft man nicht nur für Arbeitnehmer, sondern auch für die Bürger der Stadt eine bessere Lebensqualität.

Arbeitsorte der Zukunft

Im Rahmen der Initiative „Wie weiter arbeiten – Arbeitsorte der Zukunft“ spürt die Bundesstiftung Baukultur bundesweit Beispiele guter Gewerbearchitektur auf. Vergangenen Montag besuchte der Vorstandsvorsitzende Reiner Nagel das Unternehmen Hellmann in Osnabrück. Mit Besichtigungen von Bürokonzepten und Podiumsdiskussionen versucht das Projekt, zu mehr baulicher Qualität anzuregen. Weitere Infos und interessante Beispiele gibt es beim Web-Auftritt der Bundesstiftung Baukultur.


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