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Das "Knusperhäuschen" als Fall für das Landgericht

Osnabrück (rll).
In Osnabrück spricht man vom "Knusperhäuschen", in den Akten des Ordnungsamts wird der Betrieb als "Mädchenwohnheim" geführt. Um das angeblich schon 112 Jahre alte Etablissement an der Rheiner Landstraße ging es gestern in einem Prozess vor dem Schöffengericht. Anlass war eine anonyme Anzeige. Der Vorwurf: Förderung der Prostitution. Das Ergebnis: Eine Geldbuße, die zwei Kinderheimen zugute kommen soll.

Prostitution wird vom Staat geduldet, die Förderung der Prostitution steht dagegen unter Strafe. In Gerichtsurteilen und juristischen Kommentaren gibt es sehr unterschiedliche Auslegungen des betreffenden Paragraphen 180 a. Da wird zum Teil schon die Einrichtung eines Whirlpools oder das Aufhängen eines Kondomautomaten als Förderung der Prostitution angesehen, ebenso das Anbringen einer Leuchtreklame oder das Inserieren in einer Zeitung. Darauf wies Richter Klaus-Peter Benecke hin, ohne sich dieser Sicht der Dinge anzuschließen.

Einen Whirlpool soll es auch im "Knusperhäuschen" geben, wie Oberstaatsanwalt Norber Mayer vermerkte. Doch die von ihm vertretene Anklage richtete sich vor allem auf den Vorwurf, die 61-jährige Inhaberin habe die Preise für die Dienstleistungen festgelegt und mit einem EC-Kartenlesegerät den elektronischen Zahlungsverkehr kontrolliert. Dafür lieferten drei als Zeugen geladene "Mädels" jedoch keine Bestätigung. Im Gegenteil: Sie hätten die Preise untereinander festgelegt. Von 400 DM für eine Stunde und 250 DM für eine halbe Stunde war die Rede. Die Prostituierten berichteten, dass sie pro Tag 170 DM Miete für eines der sieben Zimmer entrichtet hätten, außerdem eine "Getränkepauschale" von 60 bis 110 DM für ein halbes oder ganzes Freierstündchen. Die Miete sei nur fällig gewesen, wenn das Zimmer auch tatsächlich in Anspruch genommen wurde.

Übereinstimmend hielten die Damen fest, in dem Lokal sei alles sauber und korrekt zugegangen, und die Inhaberin habe ihnen niemals Gäste zugewiesen. Zudem habe sie stets auf gültige Papiere und wöchentliche Untersuchungen beim Gesundheitsamt geachtet.

Rechtsanwalt Jens Meggers, der die angeklagte Inhaberin verteidigte, sprach von einem Bordell, das "in jeder Beziehung anständig" und überhaupt "vorbildlich" sei. Ganz im Gegensatz zur illegalen Prostitution in manchen Wohnungen. Das öffentliche Bewusstsein habe sich gegenüber dem horizontalen Gewerbe verändert: "Wir alle wissen, dass ein solcher Betrieb gesellschaftlich wichtig ist." Das zeige auch ein Urteil des Berliner Verwaltungsgerichts vom vergangenen Freitag, nach dem die Prostitution nicht mehr als sittenwidrig anzusehen sei. Auch Oberstaatsanwalt Mayer äußerte Verständnis: Die Rechtsprechung hinke vielleicht der gesellschaftlichen Wahrnehmung hinterher. Er schlug vor, das Verfahren unter der Auflage einzustellen, dass die Angeklagte 40000 DM an eine gemeinnützige Einrichtung zahlt. Damit werde auf der einen Seite dem fraglichen Paragraphen Rechnung getragen, zum anderen einem Verstoß gegen das Ausländergesetz. Zwei Damen, die sich an der Rheiner Landstraße eingemietet hatten, waren ohne gültige Arbeits- bzw. Aufenthaltserlaubnis angetroffen worden.

Die Höhe der Geldzahlung begründete Mayer mit den Einkommensverhältnissen der 61-jährigen Angeklagten. Da sie nicht die Absicht hatte, den Streit bis nach Karlsruhe zu tragen, willigte sie in den juristischen Deal ein. Die 40000 DM sollen nun an zwei Osnabrücker Kinderheime aufgeteilt werden.