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Landkreis bietet Kurse an Osnabrück: Selbstverteidigung im Rollstuhl

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Osnabrück. Wer im Rollstuhl sitzt, ist wehrlos. Stimmt nicht, sagt Dirk Linnemeyer. Mit welchen Tricks und einfachen Handgriffen selbst Rollstuhlfahrer tätliche Angriffe parieren können, erklärt der Kampfkunst-Lehrer in einem einzigartigen Selbstverteidigungskursus des Landkreises Osnabrück.

Musawer Sierp ist die Flucht versperrt. Vor seinem Rollstuhl hat sich ein Mann aufgebaut, und eins ist dem 16-Jährigen sofort klar: Dieser Typ führt nichts Gutes im Schilde. Mit einem Satz schnellt der Angreifer vor. Doch der Junge reagiert geschickt. Bevor es ihm an den Kragen geht, schnappt er sich den erstbesten Finger des Mannes und biegt ihn ohne mit der Wimper zu zucken nach hinten um. Der Angreifer, verdutzt, krümmt sich vor Schmerz, geht in die Knie. Im Augenwinkel sieht er Musawers flache Hand heranfliegen. Ihr Ziel: sein Ohr. Ein Knall – Knock-out. Ein Konter aus dem Lehrbuch. Der vermeintlich hilflose Rollstuhlfahrer, als billiges Opfer auserkoren, hat das Blatt binnen Sekunden gewendet und den Überfall beherzt vereitelt.

Musawer Sierp aus Georgsmarienhütte ist einer von mehreren Rollstuhlfahrern, die an diesem Nachmittag in der Sporthalle der Osnabrücker Werkstätten in Sutthausen zusammengekommen sind. Auf Einladung der Kriminalprävention des Landkreises wollen sie eins lernen: sich im Notfall zu verteidigen. Ihre Behinderung eint sie. Die Beweggründe und Lebensgeschichten der Teilnehmer sind jedoch höchst verschieden.

Da ist zum Beispiel Ralf Grote, Maler von Beruf. 2011 fiel er aus acht Metern vom Gerüst. „Seitdem sitze ich im Rollstuhl und komme nicht mehr raus“, sagt der 53-jährige Osnabrücker. Angela Kuhlenbeck (50) bekam 1984 die Diagnose „ Multiple Sklerose “. Vor vier Jahren versagten ihre Beine den Dienst. Auch Ulrike Meyer, die gemeinsam mit ihr im Osnabrücker Paulusheim wohnt, leidet an der unheilbaren Nervenentzündung. Sie kann seit zehn Jahren nicht mehr laufen. Die 42-Jährige treibt eine Frage um: „Wie kann ich im Rollstuhl meinen zwölfjährigen Sohn beschützen?“ Carolin Linkemeyer aus GMHütte sagt, sie wolle durch den Kursus vor allem selbstbewusster werden. Die 34-Jährige ist wegen Sauerstoffmangels von Geburt an eingeschränkt in ihren Bewegungen. „Ich kann zwar laufen, doch es fällt mir sehr schwer.“ Von klein auf ertrage sie bei ihren Gehversuchen lästige Blicke und dumme Sprüche. „Das ist verletzend.“

Schwarzer Gürtel

Helfen soll ihnen ein echter Profi: Dirk Linnemeyer. Wie kaum ein Zweiter in der Region kennt der 45-jährige Osnabrücker sich aus mit Menschen, denen man lieber nicht im Dunkeln begegnen möchte – und mit Techniken, wie man sich gegen üble und gefährliche Gestalten zur Wehr setzt. Neun Jahre lang arbeitete er als Krankenpfleger in der Psychiatrie mit Drogensüchtigen auf Entzug, danach war er eine Weile Stationsleiter im Maßregelvollzug und kümmerte sich um geisteskranke Verbrecher. „Das waren wirklich keine Eierdiebe. Einer meiner Patienten hatte sich auf die Vergewaltigung von Rollstuhlfahrerinnen spezialisiert“, sagt Linnemeyer. Körperliche Attacken auf ihn und seine Kollegen bestimmten den Berufsalltag. Aber dank jahrzehntelanger Kampfkunst-Erfahrung wusste der bärtige Hüne – mit 1,96 Metern und 99 Kilo ebenso baumlang wie bullig – sich und anderen in solchen Notlagen stets zu helfen: Mit 16 lernte Linnemeyer Judo. Heute trägt er einen schwarzen Gürtel in To-Shin Do , einer besonderen Form der Selbstverteidigung. Mit Stock und Schwert kann er kämpfen wie ein Ninja und ein Samurai. In Osnabrück betreibt er eine eigene Kampfkunst-Schule . Und ein Buch über Selbstverteidigung hat Dirk Linnemeyer auch schon geschrieben. Titel: „iDefend – Sei dein eigener Bodyguard“.

In der Sutthauser Turnhalle kommt Linnemeyer sofort zur Sache. „Wir sind im Notfallprogramm: Was tue ich, wenn es für alles andere zu spät ist?“ Der Experte nimmt kein Blatt vor den Mund. „Oberstes Ziel: auf der richtigen Seite vom Gras aufwachen!“ Wichtig sei die Bereitschaft, für Gesundheit und Leben alles zu tun – auch jemanden zu verletzen. Linnemeyer empfiehlt, sich gedanklich für den Notfall zu rüsten. „Die größte Blockade ist im Kopf. Spielt alles in Gedanken durch – mit euch als Gewinner!“

Angriffsfläche

Praxistest: Linnemeyer stellt sich vor einen Rollstuhl und holt zum Schlag aus. Blitzschnell reißt MS-Patientin Kuhlenbeck ihren Arm hoch und duckt sich, den spitzen Ellenbogen voran, wie eine Schildkröte darunter weg. „Sehr gut“, lobt der Ausbilder, „so schützt du deinen Kopf und bedeckst zugleich das halbe Gesicht.“ Mit der freien Hand böte sich jetzt die Gelegenheit zum Gegenangriff. Die Ohren des Angreifers seien ein gutes Ziel, erklärt Linnemeyer. Dort sitze das Gleichgewichtsorgan. Ein wohlgesetzter Presshieb könne den Kampf sofort beenden. Auch der Hals eigne sich für eine Attacke. „Kehlkopf und Luftröhre sind sehr empfindlich.“ Wem Kraft zum Greifen und Würgen fehle, der finde andere Wege, sich zu wehren. Immer nützlich: die eigene Hand. Ob mit der Hammerfaust, dem starken Daumen, dem bruchsicheren Ballen oder den zur Speerspitze geformten Fingern – Treffer an Augen, Kinn und Nase zeigen Wirkung. Wer eine Lippe oder Backe packen könne, sollte kräftig daran ziehen und reißen, und auch andere Weichteile unterhalb der Gürtellinie dürften kein Tabu sein, rät Linnemeyer. „Jeder kleine Junge weiß: Das tut unglaublich weh!“ Und die meisten Angreifer seien nun einmal Männer.

Vor seinem Stuhl hat der Selbstverteidigungsprofi Gegenstände ausgebreitet, wie man sie in jeder Handtasche findet: Kugelschreiber, Schlüsselanhänger, Feuerzeug. All dies lasse sich in der Not als Waffe gebrauchen, erklärt Linnemeyer. „Sobald man merkt, hier stimmt was nicht, hat man was zum Fuchteln in der Hand.“ Selbst die Packung Taschentücher eigne sich in der Not als Wurfgeschoss, ebenso eine Handvoll Klimpergeld. Auf Trillerpfeifen, um Alarm zu schlagen, würde er sich nicht verlassen: „Da gilt das Prinzip Hoffnung. Wäre ich Rollstuhlfahrer, hätte ich immer ein kleines Messer und eine Taschenlampe dabei.“

Traurige Wahrheit

Der Kursus verfehlt sein Ziel nicht. „Ich fühle mich gewappnet“, sagt Angela Kuhlenbeck am Ende und glaubt, sich nun besser zur Wehr setzen zu können – auch gegen Hunde, die ihr bislang „großen Respekt“ eingeflößt haben. Ulrike Meyer sieht die Sache realistisch: „Geheilt bin ich durch den Selbstverteidigungskursus nicht, und mehr Kraft habe ich auch nicht. Aber ich habe gelernt, mit erhobenem Haupt auf die Leute zuzugehen und ihnen in die Augen zu schauen.“ Ihren Sohn schütze sie künftig, indem sie ihn im Notfall mit einem geheimen Zeichen zum Weglaufen auffordere. „Auch wenn ihm das schwerfällt: So hilft er mir am meisten. Es bringt nichts, wenn wir beide überfallen und zugerichtet werden.“

Linnemeyer stimmt zu. Angreifer wollen leichte Beute. Jeder Zweite lasse deshalb schon bei geringster Gegenwehr vom Opfer ab. Soweit die gute Nachricht. „Die traurige Wahrheit ist: Absolute Sicherheit gibt es nicht.“

Hintergrund

Der Selbstverteidigungskursus für Rollstuhlfahrer ist ein Angebot des Landkreises Osnabrück. Organisiert wird er von der Abteilung Kriminalprävention, die dem Gleichstellungsreferat angegliedert ist. „Es ist beschämend, dass solche Kurse notwendig sind. Man kann sich nicht vorstellen, dass es Menschen gibt, die Personen in einem Rollstuhl anrempeln, attackieren und umreißen“, sagt Susanne von Garrel, Geschäftsführerin der Kriminalprävention und Mitglied des Behindertenbeirates. In Kürze soll im Nordkreis ein weiterer Kursus für den Bereich Bramsche, Bersenbrück, Fürstenau und Quakenbrück stattfinden. Weitere Kurse in anderen Teilen des Landkreises sind möglich – sofern sich mindestens fünf Interessenten mit Gehbehinderung aus den entsprechenden Gebieten melden.

Auskünfte zum Kursus erteilt Marion Plogmann vom Landkreis Osnabrück unter der Rufnummer 0541/501-3057 oder per E-Mail an marion.plogmann@lkos.de . Weitere Informationen zur Selbstverteidigung sowie das E-Book „iDefend – Sei dein eigener Bodyguard“ finden sich auf Dirk Linnemeyers Internetseite www.verteidigedichselbst.de .


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