zuletzt aktualisiert vor

Plattdeutsche Spielgemeinschaft Voxtrup lädt zum Promi-Dinner der besonderen Art Verliebt, verlobt, verloren

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.


Osnabrück. Eine Haarnadel im Knabberzeug, Kaugummi im Gemüse und die Maggi-Flasche auf der festlich gedeckten Tafel: Es läuft nicht alles ganz nach Plan, als der aufstrebende Jung-Manager seinen obersten Boss aus den USA samt Gattin in seiner Wohnung zum Dinner empfängt, nachdem aber zuvor seine bessere Hälfte ihn sitzen gelassen hatte. Das Premierenpublikum spendete der Inszenierung von „Voleeft… Volobt… Voluorden!“ der Plattdeutschen Spielgemeinschaft Voxtrup im Großen Haus der Städtischen Bühnen begeisterten Beifall.

In die ausgelassene Fröhlichkeit des Abends mischten sich jedoch auch wehmütige Momente. Nach dem Schlussapplaus gab Gründungsmitglied Helmut Broxtermann bekannt, dass mit der diesjährigen Inszenierung die 36-jährige Zusammenarbeit mit den Städtischen Bühnen zu Ende gehe. Man müsse den Realitäten ins Auge sehen. Und die besagen, dass sowohl die Akteure wie auch die „Toukiekers“ (Zuschauer) älter werden und jeweils nicht genug von ihnen nachwachsen. Wurde in früheren Jahren „dat Graude Huus“ bis zu zwölfmal pro Inszenierung gefüllt, reichten zuletzt fünf Vorstellungen, um die Nachfrage zu bedienen. So habe man sich jetzt erst einmal eine schöpferische Pause verordnet, um danach in kleinerem Rahmen im heimischen Voxtrup wieder aufzutreten. Mit Ovationen im Stehen feierte das Publikum das Ensemble, darunter besonders Anna Rethschulte für ihr goldenes Bühnenjubiläum, und die langjährigen Helfer hinter der Bühne.

Zuvor war das temporeiche Lustspiel des englischen Autors Edward Taylor über die Bühne gegangen. Arnold Preuß hat die Geschichte ins Plattdeutsche übertragen, die von dem quirligen Niederlassungsleiter und Schürzenjäger Jan Weber (Stefan Werries) erzählt, der Besuch vom Boss Willy van Gröben (Friedel Nolte) nebst Gattin (Monika Stallkamp) bekommt. An sich kein Problem, wenn da nicht die puritanischen Grundsätze des Chefs wären. Wer in ungeordneten Verhältnissen mit einer Frau zusammenlebt, der fliegt oder wird zumindest nach Timbuktu versetzt, so einfach ist das. Jan Webers Derzeitige (Vera Hürkamp) weigert sich, für lediglich einen Abend die Ehefrau zu spielen, und lässt den des Kochens Unkundigen mit einem Haufen Zutaten für „Tournedos chasseur“ zurück. Kann die Sekretärin (Andrea Heßling) einspringen oder zur Not auch die „Reenemakersche“, die Putzfrau Erna Dobermann (Anna Rethschulte), „ut de Patsken hiälpen“ (aus der Patsche helfen)? Das ist die Ausgangslage, aus der heraus Verwicklungen und Verwechslungen den Darstellern reichlich Gelegenheit bieten, turbulente Komik auszuspielen.

Anfangs fällt es etwas schwer, die Milieutransformation nachzuvollziehen. Das yuppiehafte Gehabe des Hauptdarstellers, Börsenkurse und Campari-Soda in einem schnörkellos modernen Apartment (Bühne: Hubert Broxtermann und Heinrich Rethschulte) wollen nicht sofort mit dem Plattdeutschen zusammengehen. Doch je mehr sich die Handlung ins Absurde steigert – die herausgeputzte „Putze“ Anna Rethschulte (Maske: Siegfried Schoder) macht allein schon den Abend lohnend –, desto mehr tritt dieser Aspekt in den Hintergrund. Wie man ja auch überhaupt wohl konzedieren muss, dass nach 53 Jahren plattdeutschen Spielens allmählich die Stücke mit original niederdeutsch-landwirtschaftlichem Hintergrund alle gespielt sind und der Anreiz zunimmt, das Plattdeutsche auch mal an ganz anderen Stoffen auszuprobieren. Dem Publikum war es auf jeden Fall recht.


Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN