Vortrag in Osnabrück Erschütternde Einblicke in indische Kinderarbeit

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Über das Schicksal indischer Kinderarbeiter referierte Benjamin Pütter in der Franz-von-Assisi-Schule. Foto: PentermannÜber das Schicksal indischer Kinderarbeiter referierte Benjamin Pütter in der Franz-von-Assisi-Schule. Foto: Pentermann

Osnabrück. Kinderarbeit ist international verboten. Trotzdem ist sie in Afrika, Lateinamerika und Asien nach wie vor weit verbreitet. Kinderarbeitsexperte Benjamin Pütter bereiste 86 Mal den indischen Subkontinent. Auf Einladung der Indienhilfe Deutschland (IHD) berichtete er in der Franz-von-Assisi-Schule über seine erschütternden Erkundungen.

Den Vortrag versteht die IHD als Auftakt für den Arbeitsschwerpunkt, den sie sich für 2018/19 gesetzt hat: den Kampf gegen die Kinderarbeit in Indien. Der vor neun Jahren in Wallenhorst gegründete Hilfsverein engagiert sich vielfältig in Indien, organisiert Armenspeisungen, unterstützt Bildungseinrichtungen des katholischen Pilar-Ordens in Bhopal und hat bereits neun Partnerschaften zwischen Schulen des Osnabrücker Landes und Zentralindiens ins Leben gerufen. Bildung und Lernen durch interkulturelle Begegnung sind die Ziele. Briefkontakte zwischen den Schülern und Informationsaustausch zwischen den Kollegien sollen Lernfelder wie Friedens- und Menschenrechtserziehung, globale Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik, Umwelterziehung, interreligiöser und interkultureller Dialog und Wahrnehmung von sozialer Verantwortung beleben.

Lehrer schwänzen

Nun ist es so, dass das rasante Wachstum der indischen Volkswirtschaft der Masse der armen Bevölkerung nicht zugutekommt und vieles, was auf dem Papier steht – wie die Schulpflicht für alle Kinder zwischen sechs und 14 Jahren –, nicht umgesetzt wird. Die Qualität der staatlichen Schulen ist oftmals schlecht, berichtete Pütter, Schulschwänzer seien eher die Lehrer als die Kinder. Nach einer Untersuchung erscheinen in ländlichen Gebieten nur 43 Prozent der verpflichteten, aber miserabel bezahlten Lehrer zum Unterricht. Und sieben Millionen Kindern bleibt der Schulbesuch überhaupt verwehrt. Insofern sind die Kinder in den Schulen des von der IHD unterstützten Pilar-Ordens privilegiert, machte der IHD-Vorsitzende Jürgen Fluhr deutlich.

Der evangelische Theologe und für das katholische Kindermissionswerk „Die Sternsinger“ aktive Berater Benjamin Pütter kennt einen weiteren Grund für die Schulabsenz vieler indischer Kinder: Sie werden als Arbeitssklaven gehalten und müssen ab dem Alter von fünf Jahren ganztägig in Steinbrüchen, Teppichknüpfereien, Ziegelwerken oder Schmuckmanufakturen arbeiten – würdelos und massiven Gesundheitsschädigungen ausgesetzt.

Verstümmelungen

Erschütternd, was Pütter aus eigenem Erleben schilderte und mit Bildern bewies: Kinder mit plattgeklopften oder fehlenden Fingern, Kinder mit verstümmelten Füßen, Kinder mit Hautverätzungen in der Räucherstäbchen-Produktion, Kinder, die barfuß auf dampfende und stinkende Müllhalden geschickt werden, um sie nach bestimmten Rohstoffen abzusuchen. Am drastischsten wirkten aber wohl die Eindrücke aus den Granitsteinbrüchen. Schon als Babys werden die Kinder von den Müttern mit zur Arbeit genommen und atmen Steinstaub ein. Als Fünfjährige bekommen sie den Hammer in die Hand gedrückt und müssen Gesteinsbrocken für den Straßenbau zertrümmern. „Die einzige Entwicklung der Kinder sieht so aus: Je größer sie werden, desto größer werden die Hämmer, die man ihnen an die Hand gibt“, schildert Pütter. Später geht es ans Bohren von Sprenglöchern oder Sägen und Schleifen von Rohlingen für Grabsteinplatten: ohne Wassergabe zur Staubbindung, ohne Atemschutz, ohne Gehörschutz, ohne Handschuhe, ohne Schutzkleidung gegen die bei Sprengungen herumfliegenden Steinsplitter. Der Steinstaub belaste die kindlichen Lungen wie bei einem Kettenraucher mit 200 Zigaretten am Tag. Die Lebenserwartung liegt bei 30 Jahren. „Mit 15 sind fast alle Kinder verheiratet, damit sie in ihrer zweiten Lebenshälfte noch die Chance haben, selber Nachwuchs zu bekommen“, so Pütter.

Under Cover wie Wallraff

Von offizieller Seite wird die Kinderarbeit geleugnet. Pütter machte es wie Günter Wallraff: Er gab sich als interessierter Importeur aus und verschaffte sich so Zugang. In sieben von acht Export-Steinbrüchen stieß er auf Kinderarbeit. Als er aufflog, erhielt er Morddrohungen. Das Manuskript für sein Buch „Kleine Hände – großer Profit“ hat er vorab von drei Rechtsanwaltskanzleien überprüfen lassen, damit er nicht von mächtigen Akteuren im Export- und Importhandel belangt werden kann.

Pütter schätzt, dass etwa die Hälfte aller deutschen Grabsteinplatten aus Indien stammt und unter Kinderbeteiligung gebrochen wurde. Die Frage tauchte auf, was denn der deutsche Konsument tun könne, um nicht unbewusst Kinderarbeit zu verfestigen. Pütter: „Sprechen Sie mit Ihren Landtagsabgeordneten, sorgen Sie dafür, dass Niedersachsen die Kommunen gesetzlich ermächtigt, Friedhofssatzungen zu erlassen, die nur Grabsteine aus zertifiziert kinderarbeitsfreien Steinbrüchen erlauben. In NRW und vielen anderen Bundesländern geht das bereits.“

Father Franklin

Father Franklin Rodrigues vom Orden der Pilar Fathers, Vor-Ort-Partner der IHD in Bhopal, legte auf seiner Deutschland-Reise in Osnabrück Station ein und stand als Zeuge für den Wahrheitsgehalt von Pütters Ausführungen zur Verfügung.


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