Osnabrücker Traditionskneipe Für Maria Meinert ist im Schmalen Handtuch Feierabend

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Osnabrück. Feierabend in der kleinsten Gaststätte der Stadt: Nach mehr als 30 Jahren verlässt Maria Meinert am 1. April das schönste Wohnzimmer von Osnabrück. Die Wirtin der Traditionskneipe an der Hasestraße übergibt dann den Zapfhahn in jüngere Hände.

Wenn am Samstagabend das Schmale Handtuch an der Hasestraße 46 aus allen Nähten platzt, wenn in der Kneipe ein Gedränge herrscht, dass kaum ein Durchkommen oder gar Reinkommen ist, wenn die Gäste ihre Feierlaune mit immer neuen Getränken befeuern wollen und ihre Bestellungen über die Theke brüllen, dann wirkt Maria Meinert bisweilen so, als lebe sie an ihrem Zapfhahn in ihrer eigenen Welt.

Bier zapfen im Akkord

Die Wirtin des Schmalen Handtuchs ist über mehrere Stunden hoch konzentriert, ihre Hände arbeiten flink, sie zapft Bier im Akkord, jeder Handgriff sitzt, ihr Mund öffnet sich nur, um kurze Anweisungen zu geben. Am 1. April verlässt sie diese Welt. Dann bricht für sie nach mehr als 30 Jahren der Ruhestand an.

„Das ist Vollgas hier“, sagt Julian Oelgemöller. Der 22-jährige Student der Politikwissenschaft arbeitet als Aushilfe im Schmalen Handtuch. Er hat die Aufgabe, Getränke auf einem Tablett zu den Gästen zu tragen. Keine leichte Aufgabe. Er muss sich durch die sprichwörtlichen Sardinen in der Büchse drängen. Prosaisch gesprochen zwängt er sich mit einem vollen Tablett durch dicht an dicht stehende Menschen, die sich in die Kneipe an der Hasestraße gedrängt haben und feiern. „Ich muss schon gut aufpassen und Ansagen machen. Sonst geht es nicht“, sagt er. Als Stress empfindet er seine Arbeit jedoch nicht. „Normal“, schreit er gegen Lärm aus Musik und Stimmengewirr an. Er glaubt eher, dass er im Schmalen Handtuch lernen kann, auf Leute zu zugehen, offen zu sein und mit Grenzsituationen umgehen zu können.

Julian hat zwar mal auf Schützenfesten gearbeitet, aber er ist neu in der Osnabrücker Gastroszene. Das war Maria (jeder nennt sie nur beim Vornamen) auch mal. Da war Julian aber noch gar nicht auf der Welt. Am 17. November 1987 hat sie das Schmale Handtuch übernommen, erzählt sie an einem Mittwochvormittag in ihrer Kneipe. Da ist der enge Raum nicht voll. Nur ihr Lebensgefährte Ralf Dierker und ihre fast zwei Jahre alte Enkelin Mila sind da. Die beiden sind auch Gründe, warum die 64-jährige Maria die Schlüssel zu ihrer Kneipe abgibt.

Sie wolle kürzer treten, sich mehr um die Familie kümmern, sagt sie. Die kleine Mila hält ihre Oma bestimmt auf Trab. Sie scheint die Energie von ihrer Großmutter geerbt zu haben. Das Mädchen ist ein kleiner Wirbelwind und entdeckt im Schmalen Handtuch immer wieder etwas, womit sie spielen kann. Manchmal fällt das „Spielzeug“ laut scheppernd zu Boden. Aber Maria bleibt gelassen. Wie kann sie ihrer Enkelin auch böse sein, so süß wie sie sie anstrahlt. Und dann entdeckt Mila ihre Oma auch noch im Schmalen Handtuch an der Wand. Sie zeigt auf ein Bild, das der Künstler Jürgen Budde der Wirtin zum zehnjährigen Bestehen gemalt hat. Darauf ist sie mit einem schmalen Handtuch bekleidet. „Oma duscht“, sagt Mila.

Als Maria das Schmale Handtuch übernahm, habe sie sieben Tage in der Woche gearbeitet, erzählt sie. Jetzt sind es noch drei Tage, an denen sie den Zapfhahn bedient. Sie weiß, dass sie „ihr Baby“ vermissen wird. Ab dem 2. April ist Miro Bauhaus der neue Chef. Insgeheim hofft sie, dass sie der Neue anrufen wird, um sie zu fragen, ob sie einspringen kann, gibt sie freimütig zu. So ganz loslassen will und kann sie nicht.

Seit 20 Jahren Stammgast

Darauf hoffen auch die zahlreichen Stammgäste. Am 1. April wird Dirk „Stöbi“ Stöbitsch ihr mit zwei Kollegen sogar eine Art Abschieds-Ständchen spielen. Beim Kneipen-Festival „Altstadt live“ tritt das Trio Stöbi, Pete & Schmitz im Schmalen Handtuch auf. Die drei Musiker standen schon häufiger in einer Ecke neben der Theke und spielten Musik von U2, Prince, Ray Charles oder Udo Jürgens. „Das ist kuschelig“, sagt der 44-jährige Stöbitsch, der seit 20 Jahren Stammgast im Schmalen Handtuch ist. „Ich bin hier hängen geblieben, weil es heimelig ist.“ Außerdem steche die Kneipe aus anderen heraus, meint er. Und das liegt an der Wirtin, meint er.

„Maria ist für alle da“, sagt Dirk Stöbitsch. Sie habe es geschafft, auch junge Leute für ihre kleine Kneipe zu begeistern, erzählt der Mann mit den langen Haaren mit Bewunderung in der Stimme. Dabei gebe es im Schmalen Handtuch nicht viel mehr als eine Theke und einen Fernseher, auf dem Fußball läuft.

Na ja, etwas mehr gibt es schon. Zum Beispiel Kobra. Das ist ein Mischgetränk, das aus Ahoi-Brause und Korn besteht. Deswegen hat Dennis (25) seinen Kumpel Andi (24), der zum ersten Mal seinen Fuß in die Kneipe gesetzt hat, mit ins Schmale Handtuch geschleift. „Das schmeckt wie ein Longdrink, ist aber ein Kurzer und billiger“, erklärt Dennis. Aber nicht nur wegen Korn und Brause (= Kobra) kommt er ins Schmale Handtuch. „Das ist eine Kult-Kneipe. Sie gehört dazu, wenn man Osnabrück zeigen möchte.“ Und diese kultige, besondere Atmosphäre zählt neben Theke, Fernseher und Kobra zu den Gründen, warum die Kneipengänger vor allem am Wochenende so zahlreich ins Schmale Handtuch strömen. Dass junge und alte Menschen in ihre Kneipe kommen, habe sich so ergeben, sagt Maria so, als wäre es ganz selbstverständlich. Ist es aber nicht. Auch wenn es am Wochenende hektisch und turbulent ist, so kommt ihre herzliche und verständnisvolle Art auch im Sturm um das Thekenbrett rüber. Sie kenne keine Berührungsängste, sagt sie. „Man hat ja Spaß mit den jungen Leuten.“

Dass man im Schmalen Handtuch Spaß haben kann, hat sich nicht nur rumgesprochen, es scheint sich auch vererbt zu haben. Viele Stammhalter der Stammgäste sind nun auch regelmäßig an der Hasestraße und vergnügen sich dort oder quatschen miteinander.

Kneipe hat zwei Gesichter

Stöbi kommt lieber, wenn es ruhiger ist oder er Fußball gucken kann. „Die Kneipe hat zwei Gesichter“, sagt er. Zum einen sei es die Feiermeile, in der Studenten Party machen; zum anderen ist es die Eckkneipe, wo man persönlich begrüßt wird. Das Schmale Handtuch sei für ihn eine Art zweites Wohnzimmer, so Stöbi. „Hier kennt jeder jeden.“ Auch Maria kennt jeden. „Sie hat ein unglaubliches Namensgedächtnis“, sagt Stöbi wieder bewundernd. Er sei mal mit einem Kumpel da gewesen, den er ein halbes Jahr später wieder mitgenommen habe, erzählt er. „Sie wusste immer noch seinen Namen.“

Maria versteht ihr Geschäft. Das ist im doppeldeutigen Sinn zu verstehen. Sie ist eine Wirtin, die nicht nur durch ihre Verbindlichkeit Gäste an ihre Kneipe bindet. Und sie ist eine Wirtin mit Herz. Maria nimmt ihre Gesprächspartner ernst, hört zu, spricht offen und ehrlich mit ihnen und manchmal strahlt sie genauso wie die kleine Mila. Zum Kneipenleben gehören aber auch andere Dinge. „Maria hat Präsenz“, sagt Stöbi nun nicht mehr bewundernd, sondern respektvoll. „Ich kann mich durchsetzen“, formuliert es die Wirtin selbst. Wenn mal ein Gast zu tief ins Glas geschaut hat und auf Krawall gebürstet ist, setzt sie sich durch. „Das kommt immer wieder mal vor, ist aber oft auch schnell erledigt“. Die Leute wollen halt wieder kommen, sagt sie süffisant. Und die Leute sind auch das Kapital von Maria. Sie sollen auch kommen, wenn der neue Wirt am Zapfhahn steht, denn Maria gehört das Haus, in dem das Schmale Handtuch beheimatet ist.

Das Geschäft gehört zur Wirtschaft dazu, aber es ist beileibe nicht alles. „Ich finde es wichtig, dass sich die Leute bei mir wohlfühlen“, sagt Maria, und das ist nicht nur ein Spruch. Um einen Gast hat sie sich sogar besonders bemüht. „Normalerweise ist sie nie mit Gästen ausgegangen. Bei mir hat sie eine Ausnahme gemacht“, erzählt Ralf Dierker stolz. Der Lebensgefährte von Maria freut sich natürlich darüber, dass sie nun kürzer tritt. „Dann haben wir endlich mal ein Wochenende, und wir können gemeinsam frühstücken“, zählt er die Vorteile auf.

Auf ein Feierabend-Bier

Nicht zum Frühstücken, aber auf ein Feierabend-Bier besucht Sonja Maria im Schmalen Handtuch. Die 51-Jährige arbeitet auch in der Gastronomie und kennt Maria seit 22 Jahren. „Sie ist die Beste“, sagt Sonja unumwunden. Sie schätzt die Abende, an denen sie privat mit Maria reden kann, sagt sie, um im nächsten Atemzug anzufügen, dass sie auch gerne feiert. So kann sie gut abschalten. Sonja kennt das Kneipenleben. „Es ist anstrengend, aber auch schön, weil man viel positives Feedback von den Gästen bekommt“, sagt sie. Über die Jahre hätten sich auch Freundschaften gebildet. Deswegen hält sie ihrem Beruf auch die Treue, sagt sie.

„Mir hat der Laden immer Spaß gemacht – von Anfang bis jetzt“, bilanziert Maria ihr Kneipenleben. Viele Gäste sind ihr treu geblieben. Manche, die älter geworden sind, bringen nun ihre Kinder mit. „Das ist sehr persönlich.“ Zu guter Letzt bestätigt sie auch noch ein Klischee. Ein guter Wirt müsse auch ein guter Zuhörer beziehungsweise Psychologe sein. „Ist so.“

In der kleinen Kneipe ist es für Julian Oelgemöller keine leichte Aufgabe, das Bier zu den Gästen zu bringen. Foto: Swaantje Hehmann

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