Hadern mit der Herkunft Ijoma Mangold liest Autobiografisches bei Wenner

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Teilte Erinnerungen 
              
              an seine Kindheit und Jugend mit den Zuhörern in der Buchhandlung Wenner: Zeit-Literaturchef Ijoma Mangold. Foto: Swaantje HehmannTeilte Erinnerungen an seine Kindheit und Jugend mit den Zuhörern in der Buchhandlung Wenner: Zeit-Literaturchef Ijoma Mangold. Foto: Swaantje Hehmann

Osnabrück. . Mit dem autobiografisch geprägten Buch „Das deutsche Krokodil“ stellte Literaturkritiker Ijoma Mangold sein erstes Stück eigene Literatur in der Buchhandlung Wenner vor.

Bewusst nicht etwas Journalistisches, sondern etwas Erzählerisches habe er schreiben wollen, verriet der gerade von einer Grippe genesene Literaturchef der Wochenzeitung „Die Zeit“ seinen vielen Zuhörern seine Motivation. Erst dann habe er sich über das Sujet Gedanken gemacht, wobei das Schöpfen aus autobiografischem Material es ihm neben der rein handwerklichen Herausforderung ermöglichte, Erinnerungen zu reanimieren - auch zur Selbstvergewisserung.

Zwischen Abweichung und Anpassung

Das war deutlich zu spüren, etwa als Mangold in dritter Person darüber berichtete, wie er als Kind mit dem Sammeln von Stempeln, das ihn wie ein ordnungsmächtiger Beamter fühlen ließ, seinem Bedürfnis nach Normalität begegnete. Aus Sorge, „nach ethnischen Gesichtspunkten“ aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, neigte „der Junge“ dazu, seine halbafrikanische Herkunft zu leugnen. Der Angst, dass Abweichung zu einem Problem werden könnte, versuchte er mit Anpassung Herr zu werden. Sein krauses Haar bedeutete ihm ebenso wie das schwarze Holzkrokodil in der Wohnung eine „Exotik, die allen anderen mehr Freude bereitet als ihm selbst“. Dabei habe es keinerlei „reale Erfahrung“ gegeben, die seine „anthropologische Urangst“, wegen der Hautfarbe exkludiert zu werden, als begründet hätte erscheinen lassen, berichtet der heute 46-Jährige im Rückblick. Im Gymnasium habe er begriffen, dass „die Gesellschaft“ nach ganz anderen, nämlich sozialen Kriterien sortiert. Er selbst hat sich so im Führungszirkel der Klassengemeinschaft wiedergefunden, der sogenannten, schon rein definitorisch nicht erweiterbaren „Sechsergruppe“.

Plötzlich einen Vater

Deren Triumphe beschreibt er im Buch dann ebenso aus der Perspektive des Ich-Erzählers wie den plötzlichen Eintritt des Vaters in sein Leben, der ein Jahr nach der Geburt seines Sohnes als Mediziner nach Nigeria zurückgegangen ist und ihm unbekannt blieb – bis er als Germanistikstudent in München einen langen Brief erhielt mit dem für ihn befremdlichen Argument „Blut ist dicker als Wasser“. Nur widerwillig und für ein Foto streifte er das ihm bei der ersten Begegnung geschenkte Häuptlingskostüm über. Den Glauben daran, dass die genealogische „Kraft des Blutes“ seine deutsche Sozialisation überlagert, konnte und mochte er mit seinem Vater nicht teilen.

An seinem eigenen Beispiel verdeutlichte Mangold schließlich, dass sich die Wahrnehmung der Hautfarbe in den letzten Jahrzehnten verändert hat. In den späten Achtzigerjahren wurde er im Italienurlaub mit dem seinerzeit in Neapel spielenden argentinischen Fußballstar Maradona assoziiert, zehn Jahre später zur Weltmeisterschaft in Frankreich mit dem Brasilianer Ronaldo und seit dessen Präsidentschaftskandidatur mit Barack Obama, immerhin „erstmals mit ähnlichem Bildungshintergrund“. Für den Autor persönlich bedeutete es das Ende seiner gewollten „Unsichtbarkeit“.


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