Rausch auf Rezept Nach Tod ihres Verlobten: Osnabrückerin warnt vor Lyrica und „Oxys“

Meine Nachrichten

Um das Thema Osnabrück Ihren Nachrichten hinzuzufügen, müssen Sie sich anmelden oder registrieren.

Das Medikament Lyrica soll eigentlich bei Epilepsie, starken Schmerzen oder Angststörungen Patienten helfen. Es hat aber hohes Suchtpotenzial. Foto: Jörn MartensDas Medikament Lyrica soll eigentlich bei Epilepsie, starken Schmerzen oder Angststörungen Patienten helfen. Es hat aber hohes Suchtpotenzial. Foto: Jörn Martens

Osnabrück. Eigentlich lief es für F. aus Osnabrück nach vielen Jahren Drogenabhängigkeit ganz gut mit dem Methadonprogramm. Doch dann begann er, Tabletten zu nehmen – Lyrica und Oxycodon. Diese Woche wurde F. beerdigt. Seine Verlobte sagt: F. ist nicht der Erste aus der Szene rund um den Raiffeisenplatz, der in diesem Jahr in Folge von Schmerzmittelmissbrauch gestorben ist.

Von neun Menschen aus der Szene wüsste sie, die in den vergangenen zehn Wochen gestorben seien. „Mir kommt das gerade wie das reinste Massensterben vor. Sollen denn alle Junkies ausgerottet werden?“, fragt Jenny R. am Telefon. Der Tod ihres Verlobten, mit dem sie einen fünf Jahre alten Sohn hat, liegt erst eine Woche zurück. Aber sie will nicht über ihre Trauer sprechen, sondern über ihre Wut. An die Krankenkassen wolle sie sich noch wenden und an die Bundesärztekammer. Ihr Vorwurf: Es wird Drogenabhängigen oder ehemals Drogenabhängigen viel zu leicht gemacht, an Tabletten zu kommen, die ein hohes Suchtpotenzial besitzen.

Tabletten von Ärzten verschrieben

Mehrere Osnabrücker Ärzte hätten ihrem Verlobten immer wieder die Schmerzmittel verschrieben, ein Fall sei besonders schlimm gewesen. „Der schlimmste Arzt in Osnabrück“, wie Jenny R. sagt. F. sei teilweise mehrmals die Woche mit verschiedenen Krankenkassenkarten von Freunden und Verwandten in die Praxis gegangen und habe sich Rezepte ausstellen lassen. „Der wurde nicht mal untersucht, sondern hat einfach von der Sprechstundenhilfe das Rezept bekommen – und die hat sogar noch zehn Euro Rezeptgebühr verlangt, die es doch gar nicht mehr gibt“, sagt Jenny R. Besagter Arzt möchte zu den Vorwürfen nicht Stellung beziehen. (Weiterlesen: Osnabrücker Suchtmediziner: Lyrica-Missbrauch steigt weiter)

Zusammenhang zwischen Droge und Tod nicht immer eindeutig

Das Café Connection in der Hermannstraße ist eine Anlaufstelle für drogengefährdete oder drogenabhängige Menschen. Es bezeichnet sich selbst als „niedrigschwellige Drogenhilfe des Diakonischen Werks Osnabrück“. Oliver Moch ist stellvertretender Leiter dieses Suchthilfezentrums. Er kannte F. und hat auch mit Jenny R. telefoniert, die nach eigenen Angaben nie Drogen genommen hat.

Die Probleme, die Lyrica verursacht, sind im Café Connection seit Längerem bekannt. Und die hohe Zahl von neun Drogentoten binnen zweieinhalb Monaten? „Die deckt sich mit unseren Erfahrungen“, sagt Oliver Moch, betont aber, dass der Begriff Drogentote problematisch sei; denn der Zusammenhang zwischen Drogenkonsum und Todesfällen ist nicht immer ganz eindeutig, vor allem bei einer polytoxikomanen Sucht – also bei Abhängigen, die Substitut, Alkohol und verschiedene Drogen durcheinander konsumieren.

„Als würdest du dir eine Waffe an den Kopf halten“

Nach Angaben der Polizei Osnabrück sind für dieses Jahr offiziell drei Drogentote registriert worden. Mareike Edeler von der Polizei Osnabrück weist darauf hin, dass es festgeschriebene Kriterien dafür gibt, wann jemand als Drogentoter erfasst wird und erklärt zudem: „Die Polizei wird nur informiert und tätig, wenn ein Arzt, der den Tod feststellt, eine ungeklärte oder unnatürliche Todesursache bescheinigt.“ (Ab wann laut Polizeidienstvorschrift von einem Drogentoten die Rede ist, lesen Sie am Ende des Artikels)

F. ist an Herzstillstand gestorben. Seine Verlobte hat ihn morgens gefunden, und sie ist sich sicher, dass es die Schmerzmittel sind, die ihn getötet haben. „Lyrica und Methadon zusammen – das geht aufs Herz. Das ist so, als würdest du dir eine Waffe an den Kopf halten, abdrücken und hoffen, dass keine Kugel drin ist“, sagt Jenny R.

Engmaschige Überwachung?

Lyrica enthält den den Wirkstoff Pregabalin, der seit 2004 EU-weit zugelassen ist. Das Medikament wird unter anderem gegen Schmerzen, Epilepsie und Angststörungen eingesetzt. Oxycodon zählt wie Morphin zu den Opioiden und wird unter anderem unter den Markennamen Oxygesic oder Oxycontin bei starken Schmerzen eingesetzt.

Auf die Frage beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte, warum diese Medikamente noch im Umlauf sind, wenn sie doch so stark abhängig machen können, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme: „Insbesondere zur Behandlung tumor-bedingter sowie schwerer chronischer Schmerzen sind diese starken Schmerzmittel unverzichtbar.“

Allerdings werde in der Packungsbeilage „deutlich und umfangreich darauf hingewiesen, dass eine langfristige Anwendung zu körperlicher Abhängigkeit und dem Auftreten von Entzugssymptomen führen kann.“ Außerdem werde die Verschreibung stark-wirksamer Opioide stark überwacht: „Diese Medikamente dürfen nur auf speziellen Betäubungsmittelrezepten verschrieben werden, die Ärztinnen und Ärzte zuvor bei der Bundesopiumstelle anfordern müssen. Mit intensiven Schutzmaßnahmen überwacht die Bundesopiumstelle den Weg der Betäubungsmittel von der Herstellung bis zur Apotheke und verhindert so weitgehend, dass Betäubungsmittel zu Missbrauchszwecken abgezweigt werden.“

Entzug heftiger als bei Heroin

Doch trotz dieser „engmaschigen Überwachung“ finden die Tabletten ihren Weg in die Szene. Oliver Moch vom Café Connection berichtet, dass er selbst schon nach Lyrica gefragt wurde, als er in der Szene unterwegs war. „Wir wissen, dass die Tabletten auf dem Schwarzmarkt präsent sind“, sagt Moch. Im Vergleich zu Heroin seien die Medikamente zudem recht günstig – der Entzug von den Mitteln werde allerdings von Betroffenen als heftiger beschrieben als bei Heroin oder Alkohol. „Wir haben den Eindruck, dass gerade Lyrica inflationär verschrieben und als eine Art Allzweckmedikament eingesetzt wird“, sagt Moch.

Warnhinweise aktualisiert

Auf Anfrage will der Pharmakonzern Pfizer, der Lyrica vertreibt, keine Angaben zu Umsatzzahlen machen. Doch laut dem wissenschaftlichen Institut der AOK lag Lyrica im Jahr 2016 nach Nettokosten auf Rang 32 der umsatzstärksten Arzneimittel. Zahlen zu Oxycodon sind schwer zu ermitteln – für Oxygesic sind nach Angaben des Herstellers Mundipharma die Umsätze stark rückläufig, was aber daran liege, dass Oxycodon seit der Einführung von Nachfolgemedikamenten (Generika) im Jahr 2007 mittlerweile von mehr als 20 Unternehmen unter verschiedenen Markennamen vertrieben werde.

Die Konzerne wissen um das Suchtpotenzial der Medikamente, doch Pregabalin, der in Lyrica enthaltene Wirkstoff, sei „bei ordnungsgemäßer Verordnung und Einnahme eine wichtige und wirksame Therapieoption“, teilt eine Sprecherin von Pfizer mit. Die Warnhinweise zu Lyrica habe man nach einer Prüfung im Jahr 2014 aktualisiert und um Hinweise auf das Abhängigkeits- und Missbrauchsrisiko ergänzt. Ist diese Warnung bei den Osnabrücker Ärzten nicht angekommen?

Medizinstudenten besser ausbilden

Peter Flüchter ist Chefarzt des Suchtmedizinischen Zentrums am Ameos-Klinikum Osnabrück. Mehrmals täglich hat er mit Patienten zu tun, die Lyrica oder Oxycodon konsumieren. Er meint, es sei wichtig, Medizinstudenten im Studium besser auszubilden, damit sie Süchte schneller erkennen und richtig behandeln können. „In Großbritannien ist erkannt worden, dass ein Anstieg der Drogentoten im Zusammenhang mit Pregabalin steht. Daher wird dort diskutiert, es unter das Betäubungsmittelgesetz zu nehmen. So wurde es in Deutschland 2011 auch mit Flunitrazepam gemacht, einem Medikament, bei dem es ähnlich schlimme Auswirkungen gab und das früher sehr verbreitet war in der Szene. Seither ist es praktisch verschwunden. Sicher würde ein solches Vorgehen auch bei Pregabalin helfen“, sagt Flüchter. (Hier geht es zum vollständigen Interview)

Durch die Tabletten habe ihr Verlobter in kürzester Zeit stark zugenommen, sei regelrecht aufgequollen „Er war gar nicht mehr zurechnungsfähig“, sagt Jenny R., die über sieben Jahre in einer Beziehung mit F. lebte. „Er hat das Zeug genommen, um den Kopf auszuschalten. Er wollte im Kopf Ruhe haben, hat er gesagt.“ Vermutlich werde ihr Aufruf nicht viel bewirken, meint Jenny R. „Aber die Drogenabhängigen sind krank, ihnen muss geholfen werden. Und wenn ich damit nur ein Leben retten kann, dann war es das wert.“

Weiterlesen: Warum steigt in Osnabrück die Zahl der Drogentoten?


Drogentote in Osnabrück

In Osnabrück sterben jährlich etwa zehn Menschen an den Folgen ihrer Sucht. In der Zeit von Juli 2015 bis Juli 2016 waren es mit 22 Toten besonders viele.

Es besteht eine Meldepflicht für Todesfälle, die in einem kausalen Zusammenhang mit dem missbräuchlichen Konsum von Betäubungs- und Ausweichmitteln stehen. Gemäß der Polizeidienstvorschrift wird als Drogentoter in Deutschland erfasst, wer eine von vier Kriterien aus dem Jahre 1979 erfüllt:

1. Todesfälle infolge beabsichtigter oder unbeabsichtigter Überdosierung (Organversagen aufgrund einer akuten Vergiftung)

2. Todesfälle infolge langzeitlichen Missbrauchs (Langzeitschäden, drogentoxische Schädigungen durch konsumierte Substanzen, verminderte körperliche Abwehrkräfte, Schädigungen durch Streckmittel, Erkrankungen und Infektionen durch intravenöse Verabreichung, Hepatitis C, HIV)

3. Selbsttötung aus Verzweiflung über die Lebensumstände oder unter Einwirkungen von Entzugserscheinungen (außer durch Überdosierungen) und

4. Tödliche Unfälle von unter Drogeneinfluss stehenden Personen.

Quelle: Polizei Osnabrück

Weitere Angebote, Produkte und Unternehmen der noz MEDIEN