Osnabrücker Chefarzt im Interview Warum das Suchtpotenzial von Lyrica unterschätzt wird

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Osnabrück. Die Schmerzmittel Lyrica und Oxycodon haben hohes Suchtpotenzial und sind offenbar in der Osnabrücker Drogenszene leicht zu bekommen. In den USA hat Präsident Donald Trump wegen der Opiodepidemie bereits den Gesundheitsnotstand erklärt. Was macht die Medikamente so gefährlich? Das erklärt Peter Flüchter, Chefarzt des Suchtmedizinischen Zentrums des Ameos-Klinikums Osnabrück.

Herr Flüchter, die Medikamente Lyrica und Oxycodon weisen hohes Suchtpotenzial auf, in den USA ist derzeit von einer Drogenkrise die Rede – warum werden die Tabletten dennoch noch so häufig verschrieben?

Man muss das genauer anschauen, in einem Satz lässt sich das nicht erklären. Fünf bis sechs Prozent der häufig verordneten Arzneimittel besitzen ein eigenes Suchtpotenzial. 90 Prozent aller Patienten mit einer Medikamentenabhängigkeit sind von Benzodiazepinen abhängig.

Der Hintergrund der Opioidkrise in den USA lässt sich mit Deutschland nicht vergleichen. In den USA war die Verschreibung von Opioiden wie Oxycodon sehr weit verbreitet. Hier in Deutschland, mit unserem Betäubungsmittelgesetz, sind hohe Hürden aufgelegt. Ein weiterer Unterschied ist der, dass die Menschen in den USA, die unter der Gabe von opioidhaltigen Medikamenten eine Opioidabhängigkeit entwickelten, oft aus der Krankenversicherung gefallen sind und dann zu Heroin kamen. Der Weg der Abhängigkeit läuft hier umgekehrt, von Heroin zu Opioiden aus der Apotheke.

Anders ist es bei Pregabalin, dem Wirkstoff von Lyrica. Es ist EU-weit seit 2004 zugelassen zur Behandlung von neuropathischen Schmerzen, der Epilepsie sowie der generalisierten Angststörung und für Menschen, die keine Suchterkrankung haben, eine gute Hilfe. Trotzdem gibt es Anlass zur Sorge aufgrund des unterschätzten Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzials von Pregabalin. 2010 wurde eine Warnung vor einem möglichen Missbrauchspotenzial in den Produktinformationen zu Lyrica ergänzt, 2011 machte die Arzneimittelkommission der Deutschen Ärzteschaft aufgrund sich verdichtender Hinweise auf ein mögliches Abhängigkeitspotenzial von Pregabalin aufmerksam. In psychiatrischen Lehrbüchern wird es noch deutlicher formuliert. Im Kompendium der psychiatrischen Pharmakotherapie steht: Pregabalin hat ein Missbrauchspotenzial und sollte bei Patienten mit hohem Risiko (vor allem bei Mehrfachabhängigkeit in der Anamnese) nach Möglichkeit nicht eingesetzt werden.“ Wir halten es in der Praxis noch strenger: Bei vorbekannter Suchterkrankung setzen wir kein Pregabalin an.

Offenbar ist der Entzug von Lyrica schwerer als der von Heroin – deckt sich das mit Ihren Erfahrungen?

Der Entzug von einem Schmerzmittel und der Entzug von einem Mittel gegen Ängste ist sehr unterschiedlich und beides kann sehr schwierig sein für die Betroffenen.

Was ist die größte Gefahr, die von Lyrica ausgeht?

Der Tod. Es starben 2016 1.333 Menschen durch illegale Drogen. Die meisten Drogentoten sterben an einer Überdosis von Opiaten oder einer Mischung von Opiaten und anderen Mitteln wie auch Pregabalin. Zum Vergleich: Etwa 74.000 Menschen sterben jedes Jahr durch Alkohol oder den kombinierten Konsum von Alkohol und Tabak. Tote durch die Folgen des Rauchens gab es zuletzt zwischen 100.000 und 120.000 jährlich. Auch das sollte bei der Diskussion um Tote durch Suchtmittel nicht außer Acht gelassen werden: 0,7 Prozent sterben durch illegale Drogen, alle anderen durch legale Drogen. Jeder Tote ist dabei einer zu viel. Eine andere Epidemie zeigt sich bei den Verhaltenssüchten: In Deutschland sind 59 Prozent der Männer und 37 Prozent der Frauen übergewichtig und rund 36.600 Menschen sterben in Deutschland jährlich an den Folgen von Übergewicht. Allerdings ist auch in Großbritannien erkannt worden, dass ein Anstieg der Drogentoten im Zusammenhang mit Pregabalin steht. Daher wird dort diskutiert, es unter das Betäubungsmittelgesetz zu nehmen. So wurde es in Deutschland 2011 auch mit Flunitrazepam gemacht, einem Medikament, bei dem es ähnlich schlimme Auswirkungen gab und früher sehr verbreitet war in der Szene. Seither ist es praktisch verschwunden. Sicher würde ein solches Vorgehen auch bei Pregabalin helfen.

Wie oft haben Sie auf der Arbeit mit Patienten zu tun, die entsprechende Medikamente konsumieren?

Mehrfach täglich.

Glauben Sie, dass Patienten, die noch keine Erfahrungen mit Drogen gemacht haben, durch Lyrica abhängig gemacht werden können?

Was ich Ihnen aus der täglichen Arbeit sagen kann ist, dass ein Suchtkranker in der Regel selbst dafür gesorgt hat, dass er ein Suchtmittel so häufig und freiwillig zu sich genommen hat, dass er davon abhängig wurde. Und ausnahmslos alle Patienten, die ich kenne, die von Pregabalin abhängig sind, sind schon vorher suchtkrank gewesen. Eine Suchterkrankung ist mit Scham behaftet, so dass Patienten diese dem Arzt oft verschweigen. Es ist wichtig, Medizinstudenten im Studium besser auszubilden, damit sie Süchte schneller erkennen und richtig behandeln lernen. Zusätzlich ist es wichtig, dass Hausärzte Menschen mit psychiatrischen Erkrankungen, die ja meist der Auslöser der Verschreibung der Medikamente ist, schnell an Fachärzte weiterleiten. Auch Interviews wie dieses können helfen, auf diese Gefahren hinzuweisen.

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