Zum Totschlagsprozess am Landgericht Osnabrücker Arzt: Niemand möchte sein Kind durch Schütteln umbringen

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Osnabrück. Am Landgericht Osnabrück wird derzeit der Fall eines 31-Jährigen verhandelt, der das 13 Monate alte Baby seiner Lebensgefährtin geschüttelt haben soll. Das Kind starb an den Folgen. Udo Herberger betreibt im Weidencarrée eine Praxis für Orthopädie, Kinderorthopädie und Unfallchirurgie. Damit nicht noch mehr Kinder geschüttelt werden, hat er eine Notfallsprechstunde für Säuglinge eingerichtet. Einmal kam jedoch seine Hilfe zu spät.

Herr Dr. Herberger, als Erwachsener muss man mehrere Wochen warten, um bei Ihnen einen Termin zu bekommen. Eltern von Schreibabys bekommen hingegen sehr schnell einen Termin…

Das ist richtig. Das liegt daran, dass Erkrankungen von Kindern keinen Aufschub dulden. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, Kinder, vor allem Säuglinge, zeitgerecht zu behandeln und nicht auf die Warteliste zu setzen. Ich muss ganz klar sagen: Wir haben einmal Pech gehabt. Ein Schreikind wurde an einem Freitag bei uns angemeldet und ich war auf einem Kongress. Am Montag lebte das Kind nicht mehr. Es wurde am Wochenende geschüttelt.

Wieso werden Kinder geschüttelt?

Es ist ein Stück weit ein Instinkt: Wie oft sehen wir, dass Kinder hin- und hergewiegt werden, um zur Ruhe zu kommen, dass am Kinderwagen geschuckelt wird und unruhige Kinder mit dem Auto über holprige Straßen gefahren werden? Bei Kopfschmerzen oder Schwindel gibt es inzwischen sogar die sogenannte Vibrationstherapie, da stehen wir allerdings noch ganz am Anfang.

Das Schütteln ist also ein Reflex?

Ja, irgendwie schon. Daher gehe ich davon aus: Kein Vater, kein Lebensgefährte möchte sein Kind durch Schütteln umbringen – er möchte einfach nur Ruhe haben. Wenn Sie mal ein Schreikind erleben – das bedeutet mindestens sechs bis acht Stunden Schreien pro Tag. Das muss man erst einmal aushalten.

Wie viele Schreibabys kriegen Sie in Ihrer Praxis zu Gesicht?

Unheimlich viele. Da wir schon so lange in dem Bereich arbeiten, kommen diese Kinder aber nicht mehr nach sechs Monaten zu uns, sondern oft schon vier oder sechs Wochen nach der Geburt. Es hat sich ein Netz etabliert – Hebammen und Kinderärzte schicken relativ früh Eltern mit ihren Säuglingen zu uns. Und unsere Patienten kommen nicht nur aus Osnabrück.

Wenn das Kind ununterbrochen schreit, machen sich Eltern Vorwürfe, dass sie etwas falsch machen. Sind diese Vorwürfe berechtigt?

Wir erleben in der Sprechstunde, dass die Mütter sich für das Schreien verantwortlich fühlen und sich große Sorgen und Gedanken machen. Sie glauben, dass sie vielleicht während der Schwangerschaft oder Geburt etwas falsch gemacht haben. Dazu kommt, dass sie sehr viele Tipps bekommen, die nicht optimal sind und auch nicht helfen. Diese Mütter haben keine Fehler begangen. Die Ursache für das Schreien liegt in einer schwierigen Geburt. Wenn also zum Beispiel ein Kaiserschnitt gemacht oder eine Saugglocke eingesetzt oder wegen Geburtsstillstand auf den Bauch gedrückt wurde.

In welchem Zustand sind die Mütter, die zu Ihnen in die Praxis kommen?

Sie sind verzweifelt. Wir haben häufig weinende Mütter in der Sprechstunde. Diese Frauen fühlen sich oft von ihrem Umfeld nicht ernst genommen. Aber diese Mütter sind unsere dankbarsten Patientinnen. Wenn wir hier Blumensträuße stehen haben – die kommen von diesen Müttern.

Gibt es in bestimmten sozialen Schichten häufiger Schreibabys?

Nein, das geht durch alle Schichten. Beim Schütteln ist es allerdings so, dass es häufiger die Männer sind, die das Kind schütteln.

Warum ist das so?

Ich denke, dass sie weniger Geduld und vielleicht auch weniger Fingerspitzengefühl haben als die Mütter.

Sie bieten in Ihrer Praxis zur Behandlung von Schreibabys unter anderem die sogenannte Atlas-Therapie an – die nicht ganz unumstritten ist.

Die Atlas-Therapie ist in Deutschland umstritten und steht auf der grauen Liste, ist also als Kassentherapie noch nicht zugelassen. Die Atlas-Therapie ist nicht eindeutig beschrieben. Im Internet findet man verschiedene Beschreibungen von Therapien, die teils von Heilpraktikern durchgeführt oder mit Hilfe von Maschinen gemacht werden. Die wichtigste Form ist aber die Therapie nach Arlen, das war ein deutscher Arzt. Wir arbeiten nach der Methode „Hole in One“. Das ist eine Kombination der Therapie nach Arlen und einem anderen Arzt namens Biedermann, der das sogenannte Kiss-Syndrom diagnostiziert hat, sowie einer osteopathischen Mobilisierung. Das heißt, wir arbeiten mit einem Impuls und osteopathischer Mobilisierung. (Kiss steht für Kopfgelenk-induzierte Symmetrie-Störung, Anm. d. Red.)

Wie läuft diese Therapie ab?

Es geht um einen ganz weichen Impuls, den wir am Atlas, also am Halswirbel setzen. Obwohl es nur ein ganz leichter Stoß ist, schreien die Kinder häufig erst einmal auf, weil der entsprechende Schreireflex ausgelöst wird.

Und wie hilft dieser Impuls den Säuglingen?

Die Theorie ist einfach: Über den Atlasbogen rechts oder links gibt man einen standardisierten und superschnellen Impuls über die Hände, der von dem Nackenrezeptorenfell weiter an das Gehirn geleitet wird. Das Ziel ist es, die Spannungszustände des Körpers auszugleichen, sodass sich der Säugling nicht überstreckt und vegetative Symptome wie spucken oder schreien oder Seitenlagenbevorzugen ausgeglichen werden.

Hilft diese Therapie immer?

Nein. Aber wir sagen, dass nach der ersten Sitzung etwa 80 Prozent der Kinder deutlich gebessert bis geheilt sind. Dann ist keine weitere Therapie nötig. Bei den restlichen 20 Prozent wird entweder noch einmal die Atlas-Therapie angewandt oder auf andere osteopathische Verfahren verwiesen.

Plädieren Sie für mehr Aufklärung über die Gefahren für das Schütteln – oder bringt diese Prävention gar nichts, da in dem Moment die Sicherungen einfach durchknallen?

Ich glaube schon, dass es wichtig wäre, mehr Prävention zu betreiben und die Probleme ernst zu nehmen. Diese Sprüche: „Man muss Kinder auch mal schreien lassen.“ Oder: „Das wächst sich aus.“ Das hilft nicht weiter und ist für die Mutter sogar eine Beleidigung. Wenn ein Schreikind im Wartezimmer sitzt, dann werden überall die Türen geschlossen. Das Schreien geht ins Mark, das darf man nicht bagatellisieren.

Weiterlesen: Totschlagsprozess in Osnabrück: Wie stark wurde Baby geschüttelt?


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