„Jeder fünfte Osnabrücker ist arm“ Paritätischer fordert 20 Prozent Sozialwohnungen in Osnabrück

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Osnabrück. 20 Prozent Sozialwohnungen bis spätestens 2025 in Osnabrück fordert der Kreisverbandsgeschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands Osnabrück, Michael Laszewski, und erklärt im Interview: „Wenn man auch die Kinder der Geringverdiener, Arbeitslosen und Asylbewerber berücksichtigt, dann schätze ich, dass man 20 Prozent der Osnabrücker als arm bezeichnen kann.“

Hat die Region Osnabrück ein Armutsproblem?

Die Armut ist auch hier weiter gestiegen, gerade was Kinderarmut und versteckte Armut angeht. Wir haben im Osnabrücker Raum etwa 25 Prozent der Leute, die Arbeitslosengeld II beziehen, obwohl sie einer Beschäftigung nachgehen. Sie kommen mit dem Geld, das sie regulär verdienen, einfach nicht hin und müssen aufstocken.

Ist der Anteil der Aufstocker größer geworden?

Ja, er ist leicht angestiegen. In der Stadt um 8 Prozent, im Landkreis um 3 Prozent.

Die Wirtschaft boomt, die Auftragsbücher sind voll und den Unternehmen geht es so gut wie selten zuvor. Der Leiter des Geschäftsbereichs Wirtschaft und Arbeit, Siegfried Averhage, spricht sogar von Vollbeschäftigung im Landkreis. Warum kommt der Aufschwung nicht bei den Geringverdienern an?

Wir haben immer noch sehr viele prekäre Arbeitsverhältnisse. Das liegt besonders an den Personalleasing-Firmen, die auch noch hier tätig sind. Oft zahlen sie nur den Mindestlohn oder lediglich geringfügig mehr. Damit alleine kommt man mit einer Familie, die zudem nur über ein Einkommen verfügt, nicht über die Runden.

Warum werden nur so wenige Jobs für Leiharbeiter in Festanstellungen umgewandelt?

Das ist weiterhin nicht gewünscht. Die Unternehmen wollen weiterhin irgendwie flexibel bleiben. Es ist für sie praktisch, flexibel Leute einzustellen und wieder abzustoßen, wenn sie nicht mehr gebraucht werden. Erst vor ein paar Wochen hatte ich ein Gespräch mit jemandem von einer Personalleasing-Firma. Der Vertreter sagte, der Bedarf sei weiterhin sehr groß. Trotz Wirtschaftsboom im Osnabrücker Raum gebe es weiter nur geringe Bereitschaft, jemanden von einer Leasingfirma fest einzustellen. Man möchte gerne diese Option haben, von heute auf morgen die Mitarbeiter loszuwerden.

Sind Wirtschaftsboom und Fachkräftemangel ihrer Einschätzung nach noch nicht stark genug oder warum bieten Unternehmen Leiharbeitern keine Festanstellung an?

Teilweise ist es so, dass die Unternehmen gerne diese Flexibilität noch haben möchten und gerne auch auf kurzfristige konjunkturelle Entwicklungen auch noch reagieren möchten. Das ist das Argument, was oft vorgeschoben wird.

Welcher Bereich der Armut ist in unserer Region am gefährlichsten und müsste mit erster Priorität bekämpft werden: die Kinderarmut?

Der problematischste Bereich sind die Alleinerziehenden und die Kinderarmut. Für die ist es dann eben noch schwieriger, in Arbeitsverhältnisse zu kommen, mit dem sie alleine, ohne Unterstützung, ihren Lebensunterhalt bestreiten können.

Steigen die Gehälter in dem Maße wie die Inflation anzieht?

Die Gehälter steigen nicht in dem Maße und es ist gerade bei Kindererziehung immer noch eine gewisse Unflexibilität, was die Arbeitszeiten angeht. Wenn jemand zwei Kinder hat und alleinerziehend ist, muss er sich natürlich primär um die Erziehung der Kinder kümmern und ist dementsprechend eingeschränkt in der Verfügbarkeit, was die Arbeitszeiten angeht. Vor ein paar Wochen habe ich mal mit Herrn Beckermann von der Stadt gesprochen und da ist auch die Problematik der Ganztagsbetreuung immer noch ein Thema. Die Kindergärten sind relativ gut mit einer Ganztagsbetreuung abgesichert, aber die Problematik ist immer noch, was passiert nach dem Kindergarten? Die Kinder sind erst sechs oder sieben, wenn sie eingeschult werden. Wie ist es da mit der Betreuung? Da fallen die meisten jetzt im Moment in eine Art Loch, was die Kinderbetreuung und was die Verfügbarkeit auf dem Arbeitsmarkt angeht.

Inwieweit würde es helfen, die Ganztagsbetreuung auszubauen?

Im Grundschulbereich und auch bei den weiterführenden Schulen muss die Ganztagsbetreuung ausgebaut werden. Im Kindergartenbereich sind wir da schon relativ weit. In Grundschulen und weiterführenden Schulen gibt es eindeutig zu wenig Angebote. Allerdings muss da auch auf die Qualität geachtet werden, das kommt in der Diskussion oft zu kurz. Ein weiteres Problem der ärmeren Familien ist die Verknappung von sozialem Wohnraum. Ein Teil des Gehalts oder des Arbeitslosengelds, der eigentlich für den Lebensunterhalt vorgesehen sein sollte, fließt in die Miete, weil man sonst keine Mietwohnung bekommt.

Wie groß ist das Problem der anziehenden Mieten für Geringverdiener?

Der Anteil, der für die Miete benötigt wird, steigt kontinuierlich. Das Einkommen steigt aber gerade bei den Geringverdienern nicht im gleichen Maße an. Daran ändert auch der Mindestlohn nichts. So wird das faktische Grundeinkommen immer geringer und Menschen mit geringem Einkommen werden immer ärmer.

Wissen Sie, wie viel Prozent das bei denjenigen ausmacht, die Sie als arm bezeichnen würden?

Es gibt ja diese Faustregel, dass die Kaltmiete 30 Prozent des Nettoeinkommens nicht überschreiten sollte. Zwei von fünf Haushalten in Deutschland zahlen aber mehr als diese 30 Prozent, in den Großstädten müssen viele sogar mehr als die Hälfte ihres Nettoeinkommens für die Miete aufbringen. Genaus Zahlen für Osnabrück habe ich leider nicht. Wir werden uns zukünftig mit Wohnungsgesellschaften auseinandersetzen und schauen, welche Möglichkeiten es gibt, wieder bezahlbaren Wohnraum zur Verfügung zu stellen.

In welchem Maße muss der Anteil der Sozialwohnungen in Stadt und Landkreis Osnabrück ausgebaut werden?

Da ist ja nicht nur eine kommunale Frage, auch die Bundesregierung ist da gefordert. Wir haben seit 2002 in Deutschland mehr als eine Millionen Sozialwohnungen verloren. Es bedarf entsprechender Förderprogramme, um mit Wohnungsbaugesellschaften ins Gespräch zu kommen und den entsprechenden bezahlbaren Wohnraum zu schaffen. Allerdings muss sich auch jede einzelne Kommune in unserer Region engagieren, um entsprechende Rahmenbedingungen zu schaffen und Ziele für den sozialen Wohnungsbau definieren.

Bedarf es einer festen Quote für Sozialwohnungen in der Region Osnabrück?

Eine Quotenregelung wäre durchaus sinnvoll. Es bedarf mehr Engagement und politischen Willen, um eine Quote einerseits einzuführen und dann auch in der Praxis verbindlich umzusetzen.

Wie viel Prozent der Bevölkerung in Osnabrück würden sie als arm bezeichnen?

Wir reden von rund 20.000 Personen, die ALG II beziehen. Hinzu kommen Asylbewerber und Aufstocker, die Grundsicherung bekommen, sowie Rentner. Wenn man auch die Kinder der Geringverdiener, Arbeitslosen und Asylbewerber berücksichtigt, dann schätze ich, dass man 20 Prozent der Osnabrücker als arm bezeichnen kann.

Wie könnte gegengesteuert werden?

Immobilieninvestoren könnten neben der Rendite auch andere Aspekte wie soziale Verantwortung in den Vordergrund rücken sozialen Wohnraum schaffen.

Wie definieren Sie Armut?

Statistisch gelten Alleinerziehende bei einem Monatsgehalt von 980 Euro als arm. Ob man damit in Osnabrück auskommt, ist für mich fraglich, weil die Mietkosten und auch die Lebenshaltungskosten in Osnabrück höher als etwa in der Samtgemeinde Artland sind. Armut muss man regional definieren. Im Moment ist es ja eine Bundesdefinition. In Osnabrück müsste die Armutsgrenze aber rund 200 Euro höher als im Bundesschnitt liegen.

Warum schrumpft die Gruppe der Hartz-IV-Bezieher in Osnabrück trotz des konjunkturellen Aufschwungs nicht?

Weil nur rund 40 Prozent diesem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen. Der Rest arbeitet und bezieht trotzdem Hartz-IV oder steht dem Markt nicht zur Verfügung, weil er mit Erziehung, Pflege, der eigenen Krankheit oder Ähnlichem beschäftigt ist. Also stehen unterm Strich auch nur 40 Prozent der ALG-II-Bezieher dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Eine Herausforderung ist auch, dass oft kein Auto zur Verfügung steht, sodass man nicht flexibel auf den Arbeitsmarkt reagieren kann. Ein weiteres Problem ist das Stigma. Wenn jemand einmal Hartz-IV bezogen hat, sind viele Arbeitgeber abgeschreckt und haben Hemmungen diesen einzustellen.

Haben Sie den Eindruck, dass die Gesellschaft unsolidarischer geworden ist?

Die Individualität, die in den letzten 20 Jahren propagiert wurde, führt letzten Endes zu einem Auseinanderdriften und zu weniger Solidarität insgesamt in Deutschland.

Was unternimmt der Paritätische dagegen?

Der Paritätische führt Gespräche mit den Politikern und versucht, so Einfluss zu nehmen. Mehrmals im Jahr nehmen wir zum Beispiel am Runden Tisch Kinderarmut in Osnabrück teil. Zudem engagiere ich mich im Bereich der Jugendberufsagentur und bei der „Osnabrücker Ermutigung“. Wir versuchen insgesamt in Gremien und Beiräten Einfluss zu nehmen und uns so bei der Politik Gehör zu verschaffen. Auf Landes und Bundesebene setzt sich der Paritätische zum Beispiel für eine bedarfsgerechte Kindergrundsicherung ein.

Welches Ziel möchten Sie erreichen?

Wir wollen uns für bezahlbaren Wohnraum einsetzen. Es wäre mein Wunsch, mit Politikern zusammen zu erreichen, dass mehr bezahlbarer Wohnraum geschaffen wird. Ideal wäre eine Quote von 20 Prozent Sozialwohnungen in Osnabrück bis spätestens zum Jahr 2025. Aktuell haben wir noch 1000 bis 2000 Sozialwohnungen. Das sind weniger als fünf Prozent und einfach viel zu wenig.


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